«Die Schwester mit dem Stock gab das Kommando»

 © Beobachter 2010/Otto Hostettler

Sie waren Täter und Opfer zugleich: Angestellte in Kinderheimen der sechziger und siebziger Jahre hatten es schwer, wenn sie sich gegen Gewalt an den Kindern wehrten.

Als Vorspeise gab es eine Tracht Prügel. Beim Essen wurde gebetet, anschliessend ging es im Heimleiterbüro mit neuen Strafaktionen weiter. «Alle Angestellten wussten von den Zuständen, aber was sollten wir tun?», erzählt Elisabeth Stadler. Sie litt unter Schlaflosigkeit, fühlte sich schuldig und überfordert. Sie war verzweifelt über die eigene Machtlosigkeit. Immer wieder wälzte die damals 25-Jährige Suizidgedanken.

Als frischgebackene Sozialarbeiterin hatte Stadler 1966 den Kopf voller Ideale – landete aber in der harten Realität. An ihrem ersten Arbeitsort im damaligen Landerziehungsheim Albisbrunn in Hausen am Albis herrschte Mitte der Sechziger ein Strafsystem, das ihr noch 44 Jahre später Angst macht. Ausgerechnet in diesem Vorzeigeheim, das zuvor jahrzehntelang von Koryphäen der Sozialarbeit geführt worden war und die Entwicklung schweizweit prägte.

Als junge Angestellte leitete sie mit ihrem Mann eine Gruppe mit einem guten Dutzend Burschen im Alter von 15 bis 21 Jahren. Ein Vorfall veränderte ihr weiteres Berufsleben: Ein Bewohner hatte eine Lehrstelle als Koch in Aussicht. Sein Makel: Er war Bettnässer. Der Heimleiter sagte ihm kurzerhand, er könne die Lehre nur antreten, wenn er das Bett nicht mehr nässe. Der Bursche liess sich fortan heimlich über Wochen jede Nacht mehrmals von Zimmerkollegen wecken, um rechtzeitig die Toilette zu erreichen. Aus Angst, dennoch ins Bett zu machen, schnürte er sich sogar das Glied zu. War das Bett am Morgen trotzdem nass, schaffte Stadlers Mann die nassen Laken heimlich in die Wäscherei.

Der Heimleiter wusste von alledem nichts. Seiner jungen Angestellten sagte er deshalb schulterklopfend: «Sehen Sie, es geht doch. Man muss nur wollen!» Das war Elisabeth Stadler zu viel. Sie sprach Mitarbeiter auf die Missstände an. Schliesslich wandte sie sich an die Heimkommission.

Was als Aktion des Personals gedacht war, funktionierte aber nicht. Die anderen Mitarbeiter hielten sich zurück, Elisabeth Stadler und ihr Mann standen plötzlich alleine da – und erhielten die Kündigung. Die allgemein gehaltene Begründung lautete: «unterschiedliche Arbeitsauffassung». Am Rand einer Sitzung aber sprach ein Mitglied der Heimkommission Klartext: «Wir seien störende Elemente und müssten aus dem Mitarbeiterstab eliminiert werden.»

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 15/2010

 

Gewalt in Kinderheimen: Die Liste wird länger

Auch Monate nach der Publikation «Qualen im Kinderheim» im Beobachter  melden sich Betroffene bei der Redaktion. Sie berichten von einer erschütternden Kindheit im Heim, von täglichen Demütigungen, Gewalt und Missbrauch. Viele haben ihre Geschichte bis heute nicht bewältigt, sie wurden mit ihren Erlebnissen alleine gelassen. Andere müssen damit leben, dass man ihnen ihre Geschichte nicht glaubt.

Immerhin, in einigen Fällen wollen heutige Behörden die Verfehlungen untersuchen und sich bei Betroffenen entschuldigen. Im Kanton Luzern beispielsweise hat das Gesundheits- und Sozialdepartement den Historiker Markus Furrer beauftragt, die Vorkommnisse in Erziehungsanstalten und Kinderheimen aufzuarbeiten. Inwiefern die Ingenbohler Schwestern ihre eigene unrühmliche Geschichte aufarbeiten werden, ist nach wie vor unklar. Vor Monaten kündigten sie die Einsetzung einer Arbeitsgruppe an, bis heute ist aber nicht einmal bekannt, wer diese Kommission leiten soll. Das Kloster war in der Schweiz verantwortlich für eine ganze Reihe von Heimen, darunter die berüchtigte Erziehungsanstalt Rathausen oder das Waisenhaus “Maria Hilf” in Laufen (damals BE).

In diesen Heimen sind Gewalt, Demütigungen und Missbrauch durch Betroffene dokumentiert:

Vorwürfe

Name des Heims

Ort

Kanton

Gewalt

Kinderheim Klösterli

Wettingen

AG

Elektroschock auf Hintern

Kinderheim Soldanella

Klosters

GR

brutales Baderitual, Gewalt

Töchterinstitut auf der Steig

Schaffhausen

SH

Gewalt, Psychoterror

Erziehungsanstalt Lärchenheim

Lutzenberg

AR

kopfüber in Wassereimer, kalt abduschen

Kinderheim Maria hilf Laufen

Laufen

BE (BL)

Gewalt, Psychoterror, Bettnässer

Kinderdörfli Rathausen

Rathausen

LU

Prügel, sexueller Missbrauch

Waisenhaus Winterthur

Winterthur

ZH

Prügel, Bettnässer, auf Boden schlafen

Kinderheim Paradies

Mettmenstetten

ZH

Gewalt, sex. Missbrauch unter Jugendl.

Schulheim Gott hilft, Wiesen

Herisau

AR

Gewalt

Sanatorium für schwächliche und
nervenkranke Kinder

Steinen

SZ

nackt stramm stehen, Schläge

Kinderheim Selzach

Selzach

SO

Gewalt

Kinderstube Hubelmatt

Luzern

LU

Gewalt, Wassertortur, fesseln, Topf an Hintern

Kinderheim Courtepin

Courtepin

FR

Gewalt, Erbrochenes essen

Kinderheim Birnbäumen

St. Gallen

SG

Essensentzug, Essen auf Toilette

Kinderheim Sonnhalde, ?

Luzern

LU

“ganz schlimm”

Kinderheim St. Benedikt

Hermettschwil

AG

Prügel, Nötigung von Bettnässer

Landerziehungsheim Alsbisbrunn

Hausen a.A.

ZH

massive Prügel, Verletzungen

Evangelisches Kinderheim Freienstein

Freienstein

ZH

Prügel, Tritte, Schläge

Seraphisches Liebeswerk

Luzern

LU

Sexuelle Gewalt unter Jugendl.

Kinderheim Blaurain

Basel

BS

Sexuelle Gewalt, Bock im Keller!

Kinderheim Knuttwil

Knuttwil

LU

Pflaster Mund, Erbrochenes essen

Kinderheim Bombinasco

Bombinasco

TI

Sexueller Missbrauch

Kinderheim Oberzil

St. Gallen

SG