Morgenröte im Kloster Ingenbohl

Sie sollten in Kinderheimen für das Wohl der Kinder sorgen. Doch im Alltag waren die Ingenbohler Schwestern damit oft überfordert. Mehr noch: Sie führten in ihren Heimen die Kinder mit harter Hand – buchstäblich. Jetzt setzt das Kloster eine externe Arbeitsgruppe ein.

Einstige Zöglinge erzählen von rabiaten Erziehungsmethoden und drakonischen, folterähnlichen Strafen. Willy Mischler etwa, der in den 60er Jahren mehrere Jahre im Waisenhaus «Maria hilf» in Laufen (damals BE) lebte, berichtete von grausamen Vorgängen: Minutenlang wurde er zur Strafe kopfüber in einen Wassereimer gesteckt. Weit verbreitet war auch, Kinder kalt abzuduschen. Oder ihnen den Nachthafen mit einem Lederriemen an den Hintern zu binden und die Kleinen so stundenlang sitzen zu lassen («Misshandelt im Kinderheim»; «Die Schwester mit dem Stock gab das Kommando»; «Rathausen: Gewalt, Missbrauch, Suizide»). 

Schon vor Monaten hat die Provinzoberin des Klosters Ingenbohl, Schwester Marie-Marthe Schönenberger, eine externe Untersuchung angekündigt. Erst jetzt wurde bekannt, wie sich die Arbeitsgruppe zusammensetzt, die die Vorfälle in den Heimen der Ingenbohler Schwestern aufarbeiten soll:

-        Magnus Küng, Fürsprecher und Notar (Präsident der Arbeitsgruppe)

-        Hardy Notter, Rechtsanwalt

-        Beatrix Staub-Verhees, Psychologin

-        Anton Strittmatter, Erziehungswissenschaftler

-        Simon Rickenbacher, Kommunikationsberater

Nicht in der Gruppe vertreten sind Historiker sowie Betroffene von Übergriffen im Kinderheimen.

Ein anderes Projekt zur Aufarbeitung der Geschichte der Kinderheime der Schweiz wird von der Guido-Fluri-Stiftung getragen. In den nächsten drei Jahren wird der Zürcher Historiker Thomas Huonker Vorfälle in Kinderheimen der ganzen Schweiz dokumentieren und Zeitzeugen anhören ( «Privater lanciert Aufarbeitung»).   Einstige Bewohnerinnen und Bewohner von Kinderheimen, die in früheren Jahren Opfer von Übergriffen geworden sind, erhalten auch Unterstützung bei der Einsicht in ihre Akten.

Anlaufstelle für Betroffene: www.Kinderheime-Schweiz.ch

Gewalt im Kinderheim: Symbolische Wiedergutmachung

Als Kinder erlebten sie in den 60er Jahren eine schlimme Zeit im Waisenhaus «Maria Hilf» in Laufen (damals BE). Sie wurden für Kleinigkeiten geschlagen, eingesperrt oder noch schlimmer: sie wurden minutenlang kopfüber in einen Wassereimer gesteckt und kalt abgeduscht. Nach über 40 Jahren erhielten sie nun eine symbolische Wiedergutmachung. An einer Feier in Laufen bedauerten die heutigen Heimverantwortlichen sowie je ein Vertreter der Berner und Baselbieter Regierung, was damals den Kindern angetan worden war. Dem Treffen fern blieben die Ingenbohler Schwestern.

Der Berner Justizdirektor Christoph Neuhaus gab sich selbstkritisch: «Ja, wir wären damals für die Aufsicht des Waisenhauses Laufen zuständig gewesen.» Doch offensichtlich funktionierte die Aufsicht schlecht. Neuhaus: «Es tut mir aufrichtig leid, was passiert ist.» Worte des Bedauerns auch vom Baselbieter Regierungsrat Urs Wüthrich: «Die wichtigste Form der Wiedergutmachung ist, aus Fehlern zu lernen.»

Das Treffen initiierte Willy Mischler, der wie andere auch von den Ordensschwestern «geduscht und gedünkelt» wurde (siehe Beobachter 10/2010). Die früheren Bewohner konnten nun am Empfang auch ihre Akten einsehen – oder was davon noch übrig ist. Mischler forderte am Treffen, die Schweiz solle einen Fonds für Opfer von vormundschaftlichen Zwangsmassnahmen äufnen: «Viele hatten nach Jahren im Heim einen äusserst schlechten Start ins Leben und können es bis heute nicht meistern.» Für solche Härtefälle brauche es finanzielle Unterstützung.

Wer mehr wissen will über die eigene Vergangenheit im Kinderheim kann Einsicht in seine Akten verlangen. Ein Musterbrief findet sich hier: Musterbrief_Akteneinsicht.