Verdingt, versorgt, vergessen

Schweizer Behörden haben Tausende Kinder und Jugendliche verdingt, ­weggesperrt, sterilisiert, psychiatrisiert und zur Adoption ­freigegeben. Viele Betroffene leiden bis heute. Sie müssen endlich entschädigt werden.

 

Test

Die reiche, stolze Schweiz tut sich schwer. Sie tut sich schwer mit der eigenen Vergangenheit, die weniger als 40 Jahre zurückliegt. Und sie tut sich vor allem schwer einzugestehen, dass staatliche Behörden Zehntausenden von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen immenses Leid zugefügt haben.

Sie leben unter uns und doch am Rand unserer Gesellschaft. Nicht selten in finanziell prekären Verhältnissen. Noch schlimmer aber: Bis heute müssen sich ungezählte Betroffene für ihre Vergangenheit rechtfertigen, die sie als Kind gar nicht beeinflussen konnten. Es reichte, dass ein örtlicher Vormundschaftspräsident die Eltern als «arbeitsscheu» einstufte oder fand, sie führten ein «liederliches Leben».

Rebellierte ein Kind von Scheidungseltern, wurde es ins Heim für Schwererziehbare gesteckt. Wurde eine unverheiratete Frau schwanger, nahm man ihr das Kind weg – und sterilisierte die Mutter. Gleichzeitig wurden Tausende – Männer und Frauen – ohne Gerichtsurteil in Strafanstalten und Gefängnisse gesteckt. Nur weil ihr Lebensstil nicht der gesellschaftlichen Norm entsprach. Solche Anstaltseinweisungen hatten erst 1981 ein Ende – auf Druck des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte.

Rotpunktverlag, Zürich, 2008. Bild: Paul Senn
Knaben in der Erziehungsanstalt Sonnenberg bei der Arbeit, Kriens, 1944.

Die Behörden kreierten für ihr Handeln den beschönigenden Begriff «fürsorgerische Zwangsmassnahme». Wer sich nicht «ordentlich» verhielt, wurde von den Vormundschaftsbehörden als uneinsichtig, schwer erziehbar oder gar geistig behindert abgestempelt. Und wurde oft aus der Familie herausgerissen.

Diese Zwangsmassnahmen waren auch Teil der gängigen staatlichen Armenpolitik. Sie funktionierte so: Die Behörden nahmen armen Familien die Kinder weg und verdingten sie bei Bauern. So sassen bei der «armengenössigen» Familie weniger Personen am Esstisch, der Bauer hingegen verfügte über zusätzliche Arbeitskräfte. Viele Betroffene verdrängten ihre Geschichte oder liessen sich jahrelang therapieren. Trotzdem leiden sie bis heute unter den Folgen der Fremdplatzierung.

 

Zum Beispiel Eduard Steiner:

Eduard Steiner: «Mit 17 Jahren wog ich nur 34 Kilo. Prügel gab es tagtäglich, ja ­stündlich.»

«Ich kam 1939 als Fünfjähriger in die Erziehungsanstalt Rathausen LU, ein­gewie­sen von der Gemeindebehörde Willi­sau. Meine Mutter sei an einer Lungenblutung gestorben, hiess es offi­ziell. Tatsächlich aber wurde sie erschos­sen. Auf einem Ausflug sassen wir auf einer Bank, ich auf ihren Knien. Plötzlich spür­te ich an meinem Kopf einen Schmerz, eine Schrotkugel hatte mich getroffen. Meine Mutter verblutete an den Schusswunden. Der Fall wurde nie aufgeklärt. Wer mein Vater ist, weiss ich bis heute nicht.

Wir mussten schon mit fünf, sechs Jahren hart arbeiten. Kartoffeln graben, im Winter gefällte Bäume auf die Wege ziehen. Beim kleinsten Ungeschick ­wurde einem ein Bambusrohr über den Grind geschlagen. Es reichte, wenn ein bisschen Suppe über den Tellerrand schwappte.

Zu essen gab es praktisch jeden Tag gekochte Kartoffeln. Mit 17 Jahren wog ich nur 34 Kilo. Prügel gab es tagtäglich, ja ­stündlich. Von den Ingenbohler Schwestern genau­so wie von den Priestern und vom übri­gen Personal. Wenn wir geschlagen wurden, hiess es, wir seien selber schuld. Einmal wurde ich für zwei Tage und zwei Nächte im ‹Chrutzi›, einer Gefängniszelle, eingesperrt. Ohne Matratze, mit etwas Suppe und vielen Schlägen auf den Kopf.

Direktor L. verging sich an minderjährigen Knaben, das wusste man. Er versuchte auch mich zu missbrauchen. Als ich etwa elfjährig war, ging ich mit einem anderen Knaben auf das Statthalteramt Luzern. Dort wollten wir uns über die Zustände im Kinderheim beschweren. Doch sie ohrfeigten uns und jagten uns davon. Später musste Direktor L. trotzdem gehen.

Der neue Direktor rühmte sich, die Zustände zu verbessern. Aber er schlug die Kinder genauso wie sein Vorgänger. In der Näherei liess er sich aus Zeltstoff ein Etui nähen, in dem er seinen Stock aufbewahren konnte.

Viele Kinder waren verzweifelt. Es gab auch Todesfälle, Suizide. Mehrere Kinder stürzten sich aus Verzweiflung in die Reuss, zum Beispiel Ottilia. Die Nonnen sagten nach ihrem Tod, Ottilia sei unerlaubt baden gegangen. Aber das war kein Unfall.

Nach einer Bemerkung beim Abendmahl zitierte mich einmal der Vikar zur Strafe spätabends in die Kirche. Nur mit einem Hemd bekleidet, das Gesäss und meine Genitalien waren nackt, musste ich hinknien und die Arme ausstrecken. Er legte schwere Bücher auf meine Hände, und ich durfte mich nicht bewegen. Dann schlug er mit einem Messingstab auf meinen Kopf. Die Narbe auf dem Kopf schmerzt mich heute noch.»

Als Eduard Steiner 18-jährig von Rathausen wegkam, lernte er Gärtner. Später bildete er sich unaufhörlich weiter und brachte es zum Logistikchef einer Baufirma. Schliesslich führte er viele Jahre zusammen mit seiner Frau einen Antiquitätenhandel und eine Baufirma für historische Häuser. Er ist seit 45 Jahren in zweiter Ehe verheiratet, hat ­einen erwachsenen Sohn sowie eine Tochter aus erster Ehe.

 

Zum Beispiel Marianne Frei:

Marianne Frei*: «Als Siebenjährige kam ich in die Psychi»

«In der ersten Klasse konnte ich mich an keine Regel halten. 
Oft hatte ich Angst. Alle sagten, ich sei schwierig. Als ich mich weigerte, in die Schule zu gehen, wies mich ein Arzt in die Psy­chiatrische Klinik Münsterlingen ein. Jahrelang war ich in Behandlung bei Dr. Roland Kuhn und seiner Frau. Immer wieder drohten sie mir: ‹Wenn du nicht recht tust, kommst du ins Gefängnis.› Da­raufhin gab man mir Ludiomil, Tofranil, Anafranil. Ich war sieben Jahre alt, es war der Anfang meiner Medikamentenkarriere.

Niemand interessierte sich für die Situation bei uns zu Hause. Meine Mutter war ­Alkoholikerin. Schon als kleines Kind musste ich für sie im Dorfladen Wein einkaufen. Mein Vater schlug zu. Bevor er jeweils zum Gürtel griff, machte er die Fenster zu.

Mit zwölf ging ich meinen ­eigenen Weg. Man sagte mir, ich sei seltsam. Mit 15 spritzte ich das erste Mal Heroin. Ein Jahr später versuchte ich, mir das Leben zu nehmen. Ich landete wieder in Münsterlingen. Diesmal versorgte man mich in der geriatrischen Abteilung.

Mit 20 ging ich für ein Jahr nach Indien, schloss mich einer Sekte an und kam drogenfrei wieder nach Hause. Es folgten 20 turbulente Jahre, immer zwischen Vollgas und Zusammenbruch. Mit 42 hatte ich alles verloren. Die ­Familie ging in die ­Brüche, ich verlor ­meine Arbeit und hatte das x-te Burn-out.

Die Ärzte der IV meinten, ich sei schwer depressiv. Trotzdem sei ich zu 80 Prozent arbeitsfähig. Ich bin jetzt 52, lebe seit fünf Jahren mit meinem Mann zusammen und führe zum ersten Mal ein Leben, das lebenswert ist. Heute arbeite ich Teilzeit 
in einer Institution und betreue Kinder aus schwierigen Verhältnissen. Sie sind so, wie ich war. Und die Medikamente wurde ich nie mehr los – bis heute.»

Zum Beispiel Maria Magdalena Ischer:

Wo ist ihr Sohn? Marie Magdalena Ischer

Maria Magdalena Ischer war 17, als sie ihren Sohn gebar. Das war 1966. Seither hat sie ihn nie mehr gesehen. Die Behörden gaben ihn zur ­Adoption frei, gegen ihren Willen. Ein Jahr später wurde sie im Frauengefängnis Hindelbank weggesperrt, ohne jedes Urteil.

Jetzt ist Maria Magdalena Ischer 65 ­Jahre alt. Sie hat bis heute nicht verkraftet, dass sie ihren eigenen Sohn nie kennenlernen konnte. Jahrzehntelang kämpfte sie – wie gegen Windmühlen. Man sagte ihr nicht einmal, wo ihr Sohn lebt. Vor einigen Jahren gab sie den Kampf auf. In ihrer Verzweiflung verfasste sie einen Abschiedsbrief. Ihr Sohn soll dereinst die ganze Wahrheit erfahren.

Mindestens 20'000 Heim- und Verdingkinder, administrativ Versorgte, Zwangs­sterilisierte, Zwangsadoptierte und in Psy­chiatrien Versorgte dürften in der Schweiz noch am Leben sein, schätzen Historiker. Kaum jemand, der nicht in seinem näheren oder weiteren Bekanntenkreis einen direkt oder indirekt betroffenen Menschen hat. Thomas Huonker, Historiker und Mitglied des Initiativkomitees, sagt: «Der Staat hat die Grundrechte dieser Menschen in krassester Weise verletzt. Dafür muss er sie entschädigen. Tut er das nicht, setzt er die Diskriminierung fort.»

Betroffene, Historiker und Politiker aller Parteien – ausser der SVP – wollen nicht so lange warten. Angeführt vom Zuger Unternehmer Guido Fluri und unterstützt vom Beobachter, lancierten sie diese Woche die Wiedergutmachungsinitiative. Das Ziel: Das Stimmvolk soll entscheiden, ob der Staat die Betroffenen entschädigen soll.

 

www.wiedergutmachung.ch