Versteckspielen mit Nestlé

Nestlés Kinder-Frühstücksflocken sind in vielen Fällen kräftige Zuckerbomben. Daran ändert auch der neuste PR-Feldzug des Nahrungsmittel-Konzerns nichts.

2013-01-23 16.13.20Die neuste Inseratekampage des Nahrungsmittel-Multi Nestlé suggeriert: Jetzt ist alles anders. «Weniger als 9 g. Zucker pro Portion», prangt in grossen Buchstaben. Dazu der Claim: «Die Lieblingscerealien Ihrer Kinder haben jetzt eine verbesserte Rezeptur …» Auf den Verpackungen prangt zudem prominent der Hinweis, die süssen Flakes würden 36 Prozent Vollkorn enthalten («Lion»).

Tönt gut. Aber: Wo ist der Zucker nur geblieben? Natürlich in den Frühstücksflocken. Die Flakes  «Lion» bestehen auch heute noch zu über einen Viertel aus purem Zucker (siehe hier). Trotz der von Nestlé gelobten «neuen Rezeptur». Vorher war es einfach noch schlimmer: Bisher vor kurzen hatten die «Lion»-Cerealien einen Zuckeranteil von über 35 Prozent. Bildlich ausgedrückt: Wer eine mittlere Schale Frühstücksflocken ass (50 Gramm), schluckte bisher auch gleich über vier Stück Würfelzucker. Neu sind es nur noch knapp vier Stück Würfelzucker.

Die neuste Werbebotschaft basiert – einmal mehr – auf schön gerechneten Fakten. Nestlé wählt die Portionengrösse so klein, dass der Anteil Zucker auf weniger als 10 Gramm fällt. Das klingt es fast so, als würde der Nahrungsmittel-Multi die Forderung der deutschen Konsumentenorganisation Foodwatch erfüllen. Sie verlangte jüngst, Frühstücksflocken sollten nicht mehr als 10 Prozent Zuckern enthalten. Jetzt prangt auf den Nestlé-Inseraten eine «9». Doch Nestlé spricht in der neusten Werbung nicht von Prozenten, sondern von Gramm. Diese bezieht sich auf eine – extrakleine – Portion von 30 Gramm. Diese Schönrechnungs-Methode wendet die Industrie bereits seit einigen Jahren an – offensichtlich erfolgreich (siehe hier).

 

Soviel Zucker enthalten Nestlé-Kinder-Frühstücksflocken:

Lion

Anteil Zucker neu: 29,2 % (bisher: 35,2%); entspricht fast 4 Stk. Würfelzucker (bisher fast 5 Stk)*

Nesquick Duo 

Anteil Zucker neu: 25% (bisher: 30.9%); entspricht 3 Stk Würfelzucker (bisher fast 4 Stk)*

Nesquick  

Anteil Zucker neu: 25,2 % (bisher: 30,4 %); entspricht 3 Stk Würfelzucker (bisher fast 4 Stk)*

Cookie Crisp

Anteil Zucker neu: 24,2 % (bisher34,4 %); entspricht 3 Stk Würfelzucker (bisher über 4 Stk)*

Cini Mini    

Anteil Zucker neu 25,1 % (bisher: 32,1 %); entspricht 3 Stk Würfelzucker (bisher 4 Stk)*

 

*) bei einer mittleren Frühstücksportion (50 Gramm)

(Zuckeranteil gemäss Angaben von Nestlé)

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Das Dessert schon zum zMorge

Nestlé senkt den Zuckeranteil 
in Frühstücksflocken. Nun sind sie nicht mehr extrem süss, 
sondern nur noch sehr süss.

Jüngst hat Nestlé vollmundig angekündigt, ab 2013 den Zuckergehalt in ihren fünf Frühstücksflocken für Kinder um bis zu 29 Prozent zu senken. Das klingt gut. Doch die absoluten Zahlen relativieren die Sache: Alle fünf Nestlé-Sorten werden auch künftig zu über einem Viertel ihres Gewichts aus purem Zucker bestehen. «Lion» beispielsweise kommen noch immer auf einen Zuckeranteil von fast 30 Prozent.

Die Aargauer Ernährungsberaterin Franziska Widmer spricht zwar von einem «positiven Zeichen», sagt aber: «Realistischerweise lösen wir damit das Problem der übergewichtigen Kinder nicht.» Die Industrie habe «eine sehr starke Stellung», sie gehe leider nur «in winzigen Schrittchen» vorwärts. Immerhin stagniere seit drei Jahren der Anteil übergewichtiger Kinder, sagt die Vizepräsidentin des Fachverbands Adipositas im Kindes- und Jugendalter.

«Solche Reduktionen entstehen entweder unter Druck der Konsumenten oder sind reine Marketingmassnahmen», sagt Heinrich von Grünigen, Präsident der Adipositas-Stiftung. Er ist überzeugt, dass die Nahrungsmittelkonzerne damit bloss versuchen, «regulatorischen Massnahmen» zuvorzukommen. So auch Nestlé.

Der Schweizer Multi betont ständig, wie wichtig eine ausgewogene Ernährung sei. Entsprechend dick trägt er in der Werbung auf: «‹Lion› garantiert einen super Start in den Tag.» Und: «Ernährungsexperten empfehlen ein Frühstück auf der Basis von Getreide.» Da Nestlé-Flocken 35 Prozent Vollkorngetreide enthalten, preist die Firma die Zuckerbomben kühn als «vollwertig».

Was Nestlé nicht sagt: Einzelne Flocken bestehen aus mehr Zucker als Vollkorn. So stecken in den beliebten «Cini Mini» pro 30-Gramm-Portion acht Gramm Vollkorn­getreide – und 9,6 Gramm Zucker. Das Problem dabei: Die wenigsten Konsumenten – und Kinder schon gar nicht – sind sich bewusst, dass sie bei einer mittelgros­sen Schale dieser «Cini Mini» (50 Gramm) vier Stück Würfelzucker essen.

«Viel Zucker bringt viel Umsatz»

«Frühstücksflocken sind von der Zusammensetzung her nichts anderes als zerbrochene Guetsli, die in Milch aufgelöst werden», sagt Ernährungsberaterin Widmer. Zum Vergleich: Selbst wer statt Flocken eine Mousse au Chocolat zum Zmorge essen würde, nähme nicht mehr Zucker zu sich.

Den vollständigen Artikel findet sich im Beobachter 23/2012.

Bild: © Ildi – Fotolia.com
 

(Nestlé)-Werbung darf alles

Der Nestlé-Werbespot trägt dick auf: Die Frühstücksflocken seien gut für die Linie, behauptet der Nahrungsmittelkonzern. Auch wenn einer der wichtigsten Bestandteile Zucker ist.

Die Lady turnt elegant über die Verpackung. Schlank und rank, schön geschwungen die Linie. Das Produkt heisst «Fitness», Nestlé nennt es «Frühstücks-Cerealien». Früher nannte man dies Cornflakes. Im neuen Werbespot säuselt die Stimme: «Fitness kann Dir helfen, Deine Linie zu halten».

Soso. Neben Getreide enthalten die Nestlé-Cornflakes vor allem eines: Zucker. 100 Gramm Cornflakes enthalten 78,4 Gramm Kolenhydrate, davon sind 17,2 Gramm Zucker. Die Fitness-Flakes enthalten somit vier mal mehr Zucker, als beispielsweise die Cornflakes von Migros Budget. 100 Gramm Migros-Budget-Flakes enthalten nur gerade 4 Gramm Zucker.

Aber eben: Der Nestlé-Werbespot verspricht ja auch nicht, «Fitness» mache schlank. Die Frühstücksflocken «können» nur «helfen», die Linie «zu halten». Merke: Mit einer einfachen «kann»-Formulierung ist alles geregelt.

Das ist fast wie bei der Deklaration der Inhaltsstoffe und Nährwerte. Auf der Etikette des «Oasis»-Drinks von Migros zum Beispiel prangt eine riesige Mango und suggeriert dem Konsumenten einen Fruchtcocktail. Tatsächlich aber enthält der Drink gerademal 0,07% Mango.

Nesquik: Zuckerbombe bleibt Zuckerbombe

Bescheidenheit ist nicht eine ausgeprägte Eigenschaft des Nahrungsmittelmulti Nestlé. In einer neuen Aktion mit dem vielverkauften Schokopulver Nesquik kündigt der Konzern grossmundig «Das Nesquik Versprechen» an: «Die Gesundheit der Kinder ist Ihnen und uns ein grosses Anliegen». Deshalb werde der Gehalt an Vitaminen und Mineralstoffen im Kakaopolver laufend verbessert. Fazit des Versprechens: «Neue Rezeptur, gleicher Geschmack». Diese Sichtweise erinnert an die unsägliche Ernährungspyramide mit lauter Nestlé-Produkten, die der Konzern als objektive Gesundheitsinformation streut.

Doch was genau hat sich an der Rezeptur des vielverkauften Schokopulvers geändert? Nesquik enthält angeblich noch mehr Vitamine, Eisen und Magnesium. Die Verpackung ist vollgepflastert mit Hinweisen, wie wichtig diese Stoffe gerade für die Entwicklung von Kindern sind. Für deren Knochen, für deren Blutbildung und – alle Achtung – für deren Zähne.

Und wie war das mit dem Zucker? Wurde angesichts der immer häufiger übergewichtigen Kinder und Jugendlichen mit der neuen Rezeptur auch der Zuckeranteil reduziert? Ja, heisst es am Firmensitz des Nahrungsmittel-Multis. Allerdings beträgt die Reduktion nur gerade bescheidene 1,3 Gramm pro 100 Gramm Nesquik. Neu sind es (auf 100 Gramm Pulver) «nur» noch 76,7 Gramm, statt wie bisher 78 Gramm Zucker.

Auf Deutsch: Nesquik besteht weiterhin zu über Dreiviertel aus purem Zucker. Damit bleibt Nesquik weiterhin das, was es schon bisher war – und leider nirgendwo auf der Verpackung steht: Eine Zuckerbombe. Ein schwacher Trost: Auch andere Hersteller rechnen ihre Produkte schön stellen ihre Produkte besser dar, als sie tatsächlich sind.

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(Bild: Nestlé)

Ernährungslehre à la Nestlé

Nestlés brilliante PR-Abteilung: Öffentliche Institutionen wie das Spitalzentrum Biel verbreiten eine fragwürdige Werbe-Broschüre des Nahrungsmittelmultis.

pyramideLehrerinnen predigen die wissenschaftlich abgestützte Ernährungspyramide mittlerweile in jedem Kindergarten, jetzt macht sich auch Nestlé die breit akzeptierte Darstellung von gesundem Essen zu Nutze. Aber: Der Nahrungsmittelkonzern hat die Ernährungspyramide kurzerhand zu Firmenzwecken optimiert. Entstanden ist eine ratgebermässig aufgemachte PR-Broschüre unter den Titel «Verdauung gut – alles gut!».

Die wissenschaftliche Ernährungslehre stellt der Konzern so dar, dass man sich mehr oder weniger ausschliesslich mit Nestlé-Produkten ernähren soll kann. Die Pyramide basiert auf Wasser (Vitel, Contrex, San Pellegrino), Bouillon (Maggi) oder Kaffee (Nestcafé-Gold, Incarom, Nespresso). Bei der Ebene mit den Früchten und Gemüsen finden sich die Tiefkühlprodukte aus eigenem Haus (Findus). Weiter oben sind die Cornflakes (Nestlé-Fitness), Joghurt (LC1), Polenta (Maggi) oder Hamburger (Findus). Natürlich fehlen auch Mayonnaise (Thomy) und Süssgetränke (Nestea) nicht. Auf dem Gipfel platzierte Nestlé Cailler-Schokolade, Staldencrème, Pralinato-Glacé und ähnliches.

Auf der schönen Grafik steht aber kein Wort vom hohen Zuckergehalt der Cornflakes, kein Wort vom hohen Salzgehalt in den Fertigprodukten, kein Wort vom übermässigen Fett in der Mayonnaise und kein Wort von der verkappten Zuckerbombe Eistee. Würde Nestlé die ungesunden Nährwerte ausserdem mit dem Ampelsystem darstellen, wären auf den Produkten der Nestlé-Ernährungspyramide gleich eine Reihe roter Punkte zu vergeben. Doch die Nahrungsmittel-Industrie sträubt sich bekanntlich weiterhin, den Konsumenten übersichtliche Informationen zu liefern. Viel lieber stellt die Industrie ihre Produkte als gesund dar, statt den Kunden reinen Wein einzuschenken.

Ganz offensichtlich fallen auch Fachleute auf die als sachliche Übersicht aufgemachte PR herein. Zu finden ist das Nestlé-Produkteprogramm nämlich auch in öffentlichen Spitälern, beispielsweise im Spitalzentrum Biel. Mitten in den Faltblättern der zahlreichen nichtkommerziellen Beratungsstellen für Herz, Ohren, Augen, Übergewicht, Diabetes, werdende Mütter etc.

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Süssgetränke: es geht auch ohne Zucker

Die Bio-Apfelschorle von Coop ist eine Zuckerbombe. 35 Gramm oder fast neun Stück Würfelzucker sind in jedem Halbliterfläschchen. Die Superschorle des Freiburger Getränkeherstellers Storms zeigt, dass es auch anders geht: Ohne Zucker.

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Bio-Schorle von Coop (links); Bio-Schorle von Storm.

Die Angaben auf der Bio-Schorle-Flasche von Coop ist nach der einschlägig bekannten Darstellung der Nahrungsmittelindustrie gestaltet: Unübersichtlich und hinsichtlich der tatsächlich enthaltenen Nährwerte schöngerechnet. Die Etikette suggeriert, wer Schorle trinke, nehme lediglich 17,5 Gramm Zucker zu sich, was 19% des täglichen Bedarfs entspreche.

Der bekannte Trick funktioniert so: Die Angabe auf der Etikette gilt für ein Glas, sprich für eine halbe Flasche Schorle, gerademal 2,5 dl. Weil kein Mensch nur das halbe Flässchen Schorle leert, konsumiert man also 35 Gramm Zucker. Und: weil die Nahrungsmittelindustrie bei der Vergleichsgrösse von einem fast doppelt so hohen Zuckerbedarf pro Tag ausgeht als die Weltgesundheitsorganisation WHO, entspricht eine Flasche Schorle de facto 70 Prozent des täglichen Zuckerbedarfs.  Ähnlich aufgeschlüsselt  wird der Zuckergehalt auch bei der Apfelschorle von Minute Maid (Coca-Cola Company).

Die Bio-Apfelschorle des kleinen Freiburger Getränkeherstellers Storms zeigt, dass es auch anders geht: Die «Superschorle» kommt ohne Zucker aus. Eine nichtrepräsentative Trinkrunde im kleinen Kreis kommt zum Schluss: die zuckerlose Schorle kann problemlos mit der Coop-Schorle mithalten. Ihr einziger Nachteil: sie ist erst in Bioläden und teilweise an Valora-Kiosken erhältlich oder muss über den online-Shop bestellt werden.

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Schorle, die Zuckerbombe

Foto 7Die Apfelschorle neulich schmeckte gut. Die Äpfel auf der Etikette sind knackig, Wasser spritzt darüber. Dazu ein nettes Schweizer Kreuz. Und gross der Schriftzug „Schorle“, keck dazu die Beschreibung: „60% Apfelsaft“. Tönt super, aber die Etikette dieses Getränks ist nur die halbe Wahrheit.

Die 0,5-Liter-Getränkeflasche enthält 34 Gramm Zucker, also mehr als die Hälfte des von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Tagesdosis! Auf der Etikette wird dieses Verhältnis kleingerechnet. In der Nährwertkennzeichnung ist in der Rubrik Zucker nur 17 Gramm angegeben. Kein Wunder: Dieser Wert bezieht sich nur auf die halbe Flasche. Soviel ist angeblich „eine Portion“.

Nach dem gleichen Prinzip wird das Verhältnis des Anteils am täglichen Zuckerbedarf schön gerechnet. Die harmlos klingenden „19 Prozent“ entsprechen ebenfalls nur einer halben Flasche Saft. Weil aber jedermann statt einer halben eine ganze Flasche trinkt, wären nach dieser Rechnung bereits 38 Prozent des täglichen Zuckerbedarfs gedeckt. Tatsächlich sind es aber über 50 Prozent. Die Hersteller (Minute Maid gehört zur Coca-Cola Company) orientieren sich nicht am Tagesbedarf, wie ihn die WHO definiert. Sondern an einem fast doppelt so hohem Wert, wie ihn die Nahrungsmittelindustrie propagiert.

Würde der mächtige Getränkehersteller die konsumentenfreundliche Ampelkennzeichnung benutzen, würde der eine oder andere wohl auf die Schorle verzichten. Für den Bereich Zucker bekäme die Schorle einen saftigen roten Punkt. Fast so saftig wie die Äpfel auf der Etikette.

Mehr zur irreführenden Nährwertkennung der Industrie im Beobachter

Eile mit Weile im BAG

© Beobachter 2008/Otto Hostettler

Zucker- und Fettanteile in angeblich gesunden Produkten werden oft missverständlich deklariert. Das Bundesamt für Gesundheit lässt sich Zeit im Kampf gegen die heimlichen Kalorienbomben.

Sind Frühstücksflocken, Joghurt und Milchschnitten wirklich so gesund, wie die Hersteller behaupten? Viele Produkte sind wahre Kalorienbomben, die aufgedruckten Zucker- und Fettangaben basieren auf unrealistisch kleinen Portionen und werden auf der Basis einer höheren Tagesdosis berechnet, als die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt.

Trotz mehrjährigen Abklärungen schiebt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) den Entscheid darüber, wie Konsumenten über versteckte Dickmacher informiert werden sollen, vor sich hin. Es favorisiert neuerdings ein Label, das nicht etwa ungesunde, sondern unbedenkliche Lebensmittel kennzeichnen soll. In Neuseeland, Belgien und den USA werden solche Logos verwendet. Sie zeigen ein O.-K.-Zeichen in einem grünen Punkt und prangen absurderweise gar über dem Gemüse- oder Früchteregal.

Heinrich von Grünigen, Präsident der Adipositas-Stiftung: «Ein solches Signet verhindert schlechte Produkte nicht. Eine BAG-Regelung müsste wesentlich weiter gehen.»

Weiterlesen im Beobachter 24/2008

Dickmacher: Plötzlich sind sie gesund

Ampel

Was sagt mehr aus: Nährwertkennzeichnung der Industrie ("GDA-System", oben); oder die "Ampel"-Darstellung (unten)?

© Beobachter 2008/Otto Hostettler

Man rechne mit kleinen Portionen und einem hohen Tagesbedarf, und schon steht ein Produkt gesünder da, als es ist. Die Industrie nennt das dann «ausgezeichnet informiert».

Die wirtschaftliche Kraft hinter den vier Buchstaben ist gewaltig: Die FIAL, die Föderation der schweizerischen Nahrungsmittelindustrien, umfasst über 200 teils multinationale Firmen, die gesamthaft einen Umsatz von fast 30 Milliarden Franken erwirtschaften. Steht ein Konsument im Laden vor dem Lebensmittelregal, blickt er fast ausschliesslich auf Produkte, deren Hersteller sich in der FIAL verbinden. Schweizer Konsumenten kommen an der Organisation nicht vorbei.

Diese Macht kaschiert die FIAL mit höflichen Worten und charmanten Auftritten. Als der Co-Geschäftsführer Franz U. Schmid an einem runden Tisch des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zum Thema Übergewicht und Fettleibigkeit zum Referat ansetzte, hiess es auf der Folie: «Die Schweizer Nahrungsmittelindustrie als Teil der Lösung». Neben schönen Absichtserklärungen präsentierte Schmid im Frühling 2006 ein neues, einheitliches und freiwilliges System für die Nährwertangaben auf Lebensmittelverpackungen. Weil inzwischen mehr als jeder dritte Schweizer übergewichtig oder fettleibig ist, steht die Branche vor der entscheidenden Frage: Wie sagt man einem Konsumenten, dass er mit einem Lebensmittel zu viel Zucker oder ungesunde Fettsäuren zu sich nimmt, das Produkt aber trotzdem kaufen soll?

Dass sich die Industrie in den letzten Jahren zum Thema Übergewicht Gedanken gemacht hat, hat seinen Grund: Die britische Gesundheitsbehörde beschloss 2005 ein einfaches und verständliches Deklarationssystem und führte es 2006 auch gleich ein – auf freiwilliger Basis. Mit einem sogenannten Ampelsystem wird der jeweilige Gehalt von Fett, Zucker, Salz und gesättigten Fettsäuren farblich plakativ markiert. Rot steht für «nur in kleinen Mengen hin und wieder verzehren», Orange heisst, «es ist okay, es häufiger zu essen», und Grün bedeutet «eine gesunde Wahl». Die britische Art, Ernährungshinweise darzustellen, ist bei Konsumenten auf breite Akzeptanz gestossen, wie Studien zeigen. Anfang 2008 waren bereits 10’000 Einzelprodukte mit den Ernährungshinweisen nach dem Ampelsystem gekennzeichnet.

Im übrigen Europa aber lehnen Lebensmittelgiganten wie Nestlé, Coca-Cola, Kraft Foods, Kellogg’s, Unilever und andere das Ampelsystem strikt ab. Sie hatten im September 2005 eiligst eine eigene Art der Nährwertangaben kreiert. Genau dieses System adaptierte die Industrie auch für die Schweiz. Auch wenn die FIAL im April 2006 dem BAG, den Gesundheitsorganisationen und Konsumentenverbänden dieses System erst in unverbindlichen Worten vorstellte, die Einführung hatte bereits begonnen. Kellogg’s Schweiz beschriftete bereits Ende 2005 die ersten Produkte nach der neuen Art: Kalorien, Zucker, Fett und Salz werden neu mit eigenen kleinen Symbolen dargestellt. Noch wichtiger aber ist die neue Berechnungsart. Die Angaben auf der Verpackung setzen die Werte in ein Verhältnis zum täglichen Bedarf. Neu werden Kalorien, Zucker, Fett und Salz zudem nicht mehr pro 100 Gramm angegeben, sondern in «Portionen» umgerechnet. So klingen die Zucker- oder Fettgehalte selbst bei Dickmachern auf einmal harmlos.

Auf einer Halbliterflasche Coca-Cola oder Sprite etwa prangt nun der Zucker-Hinweis: 25 Gramm, dazu die Bemerkung, dies entspreche 28 Prozent des täglichen Verbrauchs. Tatsächlich ist aber der Zuckergehalt einer Flasche doppelt so hoch. Denn als eine «Portion», auf die sich die Angaben beziehen, gilt eine halbe Flasche. Kommt dazu, dass die Prozentangabe verharmlosend wirkt: Als Basis für den Tagesbedarf werden 90 Gramm Zucker angenommen, die Weltgesundheitsorganisation WHO ihrerseits empfiehlt für Erwachsene lediglich 50 bis 60 Gramm. Das heisst umgerechnet: Wer eine 0,5-Liter-Flasche dieses Süssgetränks zu sich nimmt, deckt damit den Zuckerbedarf eines ganzen Tages.

Ähnlich bei Mayonnaise: Weil Nestlé die Portion mit bescheidenen 15 Gramm definiert, steht auf der Tube in der Rubrik «Fett»: 17 Prozent des täglichen Bedarfs. Doch tatsächlich besteht Mayonnaise zu 80 Prozent aus purem Fett. Wer schon jemals ein Ei mit Mayonnaise gegessen hat, weiss, dass es bei einem einzigen Druck auf die Tube nicht bleibt.

Kinder in der Zuckerfalle

Noch krasser sind die Nährwertangaben beziehungsweise die Portionendefinition bei Pommes Chips. Bei Pringles bilden 14 einzelne Chips eine «Portion». Nur dank dieser Kleinmenge geht die Rechnung auf. Gemäss Packungshinweis verzehrt man nur 9 Gramm Fett. Gemessen an der täglichen Dosis von 70 Gramm klingt das nach wenig. Realistischer ist jedoch, dass jemand eine halbe Packung Pringles isst – und damit bereits fast die Hälfte des gesamten Tagesbedarfs an Fett zu sich nimmt.

Besonders trügerisch sind die Angaben bei Cornflakes: Die Kellogg’s Smacks etwa, die sich mit Verpackung und beigelegtem Spielzeug gezielt an Kinder richten, bemessen ihre Angaben am Kalorienbedarf einer erwachsenen Person. Dank der klein gewählten Portion und der hoch angesetzten Zuckertagesmenge von 90 Gramm heisst es in der Nährwertangabe, man nehme nur 14 Prozent des täglichen Bedarfs zu sich. Berücksichtigt man aber, dass Kinder weniger Zucker benötigen (laut WHO 38 Gramm) und am Frühstückstisch ihre Schale randvoll füllen, ist der Tagesbedarf an Zucker bereits um 8 Uhr morgens mehr als zur Hälfte gedeckt.

Und was sagt die Industrie und das Bundesamt für Gesundheit?

Weiterlesen im Beobachter 9/2008

Stevia: Ein süsses Kraut sorgt für saure Mienen

© Beobachter 2007/Otto Hostettler

Die südamerikanische Pflanze Stevia gilt als Zuckeralternative. In vielen Ländern ist der Süssstoff frei erhältlich. Doch wer in der Schweiz Stevia als Lebensmittel verkauft, bekommt unter Umständen Besuch von der Polizei.

Der Antrag des Appenzeller Kleinunternehmers Hans Maurer bei der schweizerischen Heilmittelkontrollstelle Swissmedic war wohl etwas zu ehrgeizig: Gestützt auf wissenschaftliche Versuche, beantragte Maurers Firma Steviasol AG, die südamerikanische Pflanze Stevia mit ihrer seit Jahrhunderten bekannten Süsskraft als Heilmittel mit dem Zusatz «orale Mundspülung» zuzulassen. Maurer blitzte ab – auch vor Bundesgericht. Die Wirksamkeit von Stevia sei wissenschaftlich zu wenig abgestützt, hiess es. Die Folge: Hans Maurer musste die Produktion einstellen, sein Steviaextrakt ist nicht mehr erhältlich.

Für die Mundhygiene wäre Stevia allerdings kaum ein Renner geworden. Denn gefragt ist das Produkt wegen seiner Süsskraft: Das Extrakt der Stevia rebaudiana ist bis zu 300-mal stärker als Zucker.

Aber: Auch als Lebensmittel ist Stevia nicht zugelassen. «In der Schweiz ist der Verkauf von Steviaprodukten verboten», sagt die beim Bundesamt für Gesundheit zuständige Elisabeth Nellen-Regli. Die Inhaltsstoffe der Pflanze seien wissenschaftlich zu wenig erforscht, es sei nicht auszuschliessen, dass Stevia die Gesundheit der Konsumenten gefährden könnte. «Erlaubt sind in der Schweiz nur Steviablätter als Zusatz in Kräutertee.» Ungeachtet aller behördlichen Anweisungen ist das kalorienarme Süssmittel aber teilweise weiterhin in Drogerien und Apotheken erhältlich. Ebenso in Teeläden und Internetshops. Um sich nicht gleich auf den ersten Blick strafbar zu machen, steht auf der Verpackung zum Beispiel «Kräuterextrakt zum Süssen» oder der phantasievolle Hinweis «Badezusatz» oder «als Lebensmittel nicht geeignet».

Für den belgischen Biologieprofessor Jan Geuns ist die Situation absurd: «Stevia ist als Süssstoff völlig unbedenklich», sagt er. Geuns gilt international als Kapazität auf diesem Gebiet. «Forscher aus mehreren Ländern kamen in einer Vielzahl von Tier- und Humanstudien zum Schluss, dass der Stoff Steviosid weder krebserregend ist noch Auswirkungen auf die Fortpflanzungsfähigkeit hat.» Geuns war noch vor zehn Jahren mit einem Zulassungsgesuch in der EU mangels wissenschaftlicher Daten abgeblitzt. In den letzten Jahren hat er selbst mehrere aufwendige Studien erstellt. Geuns: «Tierversuche ergaben, dass sich Steviosid bei Brustkrebs und bei Hautkrebs sogar hemmend auf die Bildung von Tumoren auswirkt.» Jetzt hat er bei der EU erneut ein Zulassungsgesuch als neues Lebensmittel deponiert.

Möglich, dass schon in absehbarer Zeit die Anweisungen aus Bundesbern Makulatur sind. Vorerst hingegen üben sich einzelne Kantonschemiker noch in Aktionismus. Im freiburgischen Sugiez etwa stand neulich die Kantonspolizei vor der Haustür von Umberto Leonetti. Er hatte ein neues Erfrischungsgetränk lanciert, das Stevia enthält. Der Anteil des Süssstoffs bewegt sich gerade mal im Promillebereich. Trotzdem ist nach den ersten 3’000 Flaschen vorläufig Schluss. Noch unklar ist, ob Leonetti mit einer Busse oder einem Strafverfahren rechnen muss.

Lesen Sie den vollständigen Artikel im Beobachter 18/2007

(Bild: D. Harms/Wildlife)