Geld für Ärzte: Viel Nebel statt Transparenz

59 Schweizer Pharmafirmen verteilen jährlich über 138 Millionen Franken an Ärzte. Doch trotz der angepriesenen Transparenz, herrscht noch immer viel Nebel über den Geldflüssen.

Co_64Q2UkAEmWVtWie schafft man möglichst wenig Transparenz, wenn man Transparenz versprochen hat? So könnte das Leitmotiv der Pharmaunternehmen lauten, die derzeit im Rahmen einer europäischen Aktion ihre finanziellen Zuwendungen an Ärzte offenlegen. Weil vor einigen Jahren in den USA ein neues Gesetz unter dem Namen «Sunshine Act» der Pharma die Transparenz bis ins letzte Detail diktierte, ging der Verband der Pharmaunternehmen in Europa in die Offensive. Der Schweizer Verbund der pharmazeutischen Industrie schloss sich dieser Aktion an – jetzt liegen die ersten Zahlen vor.

Doch so richtig transparent wollen die Firmen dann doch nicht sein. Mit einem ausgeklügelten System werden die riesigen Summen kleingeredet. Die Taktik dabei:

  • Die Beträge werden in verschiedene Kategorien aufgeteilt, dort wiederum in mehrere Unterkategorien
  • Die Teilbeträge der einzelnen Kategorien werden in vielen Fällen nicht summiert
  • Ein Zusammenzug der einzelnen Kategorien fehlt, der Totalbetrag bleibt oft ungenannt
  • Die Ärzte können wählen, ob sie mit ihrem Namen dazu stehen wollen, das sie Gelder ausbezahlt erhielten. Will ein Arzt seinen Namen nicht veröffentlichen, erscheint der Betrag unter dem Begriff «aggregierte Leistungen»
  • Die Zahl der Ärzte, die ihren Namen nicht veröffentlichten will, bleibt geheim.
  • Die Summe, die die Firmen gesamteuropäisch an Ärzte bezahlen, wird in den allermeisten Fällen nicht veröffentlicht

Unterteilt werden die Gelder in drei Hauptbereiche:

Zahlungen, von welchen Ärzte direkt profitieren: Ausgewiesen sind in dieser Kategorie Gelder, die Pharmaunternehmen den Ärzten für den Beuch von Kongressen bezahlt, also Gebühren, Reise und Unterkunft. Zum anderen werden hier Gelder im Bereich Dienstleistungen und Beratung offengelegt. Darunter fallen beispielsweise Honorare für Vorträge, für die Analyse von Daten und Entschädigungen für Mitgliedschaften in Beratungsgremien (Advisory Boards). Auch hier gibt es wiederum die Unter-Einteilung zwischen Gebühren und Reise-/Unterkunftskosten. Unter dem Begriff Dienstleistungs- und Beratungshonorare fallen teils auch die Entschädigung für so genannte Anwendungsstudien. Mit solchen Studien werden Ärzte dafür bezahlt, wenn sie im Anschluss an eine Konsultation dem Patienten einige Fragen zu einem verabreichten Medikament stellen.

Zahlungen an so genannte Organisationen: Hier liegt die taktische Brillianz im Begriff «Organisationen». Gemeint sind einerseits Spitäler, andererseits aber auch Ärztevereinigungen, Gemeinschaftspraxen, Ärztenetzwerke, Fachgesellschaften, Medizinalfirmen, Kongressorganisationen etc. Sprich: Letztlich profitieren auch hier die Ärzte. Die zentrale Unterkategorie heisst Sponsoring.

Zahlungen für Forschung und Entwicklung: Hier sind nicht etwa die klassischen Forschungs- und Entwicklungskosten der Pharmaunternehmen aufgelistet, sondern die Zahlungen an Ärzte und Spitäler, die für die Pharmaunternehmen Studien durchführen. Hier figurieren auch die in diesem Zusammenhang entstandenen Reise-/Übernachtungskosten für Ärzte. In diesen Bereich fallen aber auch Gelder für so genanntes «Data monitoring». Letztlich profitieren also auch hier die Ärzte.

Der Transparenzoffensive zum Trotz: Will jemand wissen, ob sein Hausarzt Geld erhält, ist dies praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Man müsste 59 Schweizer Firmen einzeln durchsuchen. Doch das soll Journalisten nicht davon abhalten, die Zahlen trotzdem auszuwerten. Deshalb veröffentlichte der Beobachter die Top-Spender der Pharma und zeigt, wieviele Ärzte ihren Namen nicht veröffentlicht haben wollen (Beobachter 16/2016).

Nationalrat bremst bei der Transparenz von Parteispenden

Die Schweiz wird sich weiterhin von internationalen Gremien für die intransparente Parteienfinanzierung kritisieren lassen müssen: Die Rechtskommission des Nationalrats will den Schleier nur einen Spalt breit öffnen.

In der Schweiz haben es Bemühungen für mehr Transparenz bei Parteispenden weiterhin schwer. Nach wie vor herrscht im Gegensatz zu anderen Ländern weitgehend Unkenntnis darüber, wenn Unternehmen Politiker, Parteien oder Kampagnen finanzieren. Neuster Rückschlag im Bestreben nach mehr Transparenz: Die vorberatende Kommission für Rechtsfragen des Nationarats lehnt eine parlamentarische Initiaitve des parteilosen Schaffhauser Ständerats Thomas Minder ab. Minder fordert, börsenkotierte Unternehmen und Unternehmen der öffenlichen Hand müssten finanzielle Zuwendungen an Parteien, Verbände und Kampagne in ihren Geschäftsberichten offen legen. Für Spenden über 10’000 Franken verlangt Minder sogar, dass die Empfänger detailliert veröffentlicht werden.

Während die Rechtskommission des Ständerats Minders Forderung letztes Jahr noch zustimmte, unterlag er nun in der Rechtskommission des Nationalrats knapp: Mit 10 gegen 9 Stimmen (bei fünf Enthaltungen) stellt sich das Gremium dagegen. Stattdessen will er einen eigenen Vorschlag ausarbeiten. Demnach sollen lediglich Firmen, die mehrheitlich im Besitz der öffentlichen Hand sind, Spenden an politische Einzelakteure, Parteien und Organisationen offen legen müssen. Mit dieser Regelung müssten immerhin Unternehmen wie beispielsweise Swisscom, SBB, Post oder auch die halbstaatlichen Stromkonzerne ihre Geldzuschüsse an politische Akteure und Organisationen veröffentlichen.

Mit diesem Entschei steht die Schweiz international weiterhin abseits. Wegen der intransparenten Regelung wird die Schweiz seit Jahren immer wieder von internationalen Gremien kritisiert, etwa von der Antikorruptionsbehörde Greco.

Wo die Pharma-Gelder hinfliessen

Die grossen Pharmakonzerne lassen sich ihnen wohlgesinnte Selbsthilfegruppen jedes Jahr Millionen kosten.

Tabletten auf weißem UntergrundFür jede erdenkliche Krankheit gibt es eine Selbsthilfegruppe, die Liste umfasst weit über 100 Vereinigungen. Doch sind sie tatsächlich in erster Linie für die Patienten da oder dienen sie nicht vielmehr den Pharma-Konzernen – als verlängerter Arm der Marketingabteilungen?

Eine Erhebung unter den 17 grössten Pharma-Unternehmen mit Schweizer Niederlassung zeigt: Sie lassen ihre Sponsoring-Gelder praktisch ausschliesslich jenen Vereinigungen zukommen, die sich um Krankheiten kümmern, für die die jeweiligen Konzerne auch Medikamente und Therapien anbieten. Sprich: sie unterstützen ihnen wohlgesinnte Vereinigungen. Kritiker behaupten, genau dies zeige, dass viele dieser Selbsthilfegruppen lediglich ein verlängerter Arm der jeweiligen Marketingabteilung seien.

Die Auswertung der Sponsoring-Vergabepraxis zeigt zudem: Die neue Transparenzregel, die sich die pharmazeutische Industrie auferlegt hat, funktioniert nur schlecht: Sieben der 17 analysierten Firmen lieferten unvollständige, veraltete oder gar keine Angaben über ihre Zuwendungen an Selbsthilfegruppen. Bei fast jedem der untersuchten Konzerne finden sich zudem teils gravierende Fehler. Dazu kommt, dass die Pharma-Konzerne die neue Pflicht zur Transparenz eigenartig interpretieren: Sie weisen zwar Sponsoring-Gelder aus, nicht aber Zuwendungen an Organisationen in Form von Inseraten in deren Publikationen oder als klassische Spenden. Eine Stichprobe zeigt: die Zuwendungen der Pharma an die Selbsthilfegruppen können gut und gerne doppelt so hoch sein wie offiziell deklariert.

Problematisch: In einem Fall zeigt die Recherche, dass die Mitbesitzerin einer medizinischen Dienstleistungsfirma auch gleich noch im Vorstand jener beiden Selbsthilfegruppen sitzt, deren Mitglieder explizit als Zielgruppe ihrer Kundschaft definiert ist. Die Organisation selber behauptet trotz der offensichtlichen Interessenkollision: «Wir sind vollständig unabhängig, das hat überhaupt keinen Einfluss.»

Der vollständige Bericht über die Pharma-Millionen findet sich im Beobachter 13/2013 (Beo_13_10_013_Pharma-Sponsoring)

(Bild: © psdesign1 – Fotolia.com)