Kanton Bern entschuldigt sich bei Verdingkindern

Der Schritt war fällig und ist für viele Betroffene eine späte Genugtuung. Jetzt hat sich der Kanton Bern bei den tausenden von Verding- und Heimkindern entschuldigt.

Anlass zur öffentlichen Entschuldigung bildete die Studie einer Forschergruppe von Juristen, Historikerinnen und Soziologen. Sie untersuchten am Beispiel der Gemeinden Lützelflüh und Sumiswald die Fremdplatzierungspraxis im Kanton Bern von 1912 bis 1978. Anlässlich der Buchpräsentation sagte Regierungsrat Christoph Neuhaus vor rund 100 früheren Verding- und Heimkindern: «Die damalige Praxis der Fremdplatzierungen ist eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren Geschichte in der Schweiz. Der Kanton Bern spielt dabei eine traurige Rolle.»

Die Studie der Forschergruppe bestätigt Erzählungen von Betroffenen und zeigt, wie die Gesellschaft während Jahrzehnten mit Kindern umgegangen ist. Ganz offensichtlich wurde der Obhutsentzug im Kanton Bern gezielt zur Bekämpfung der Armut eingesetzt. Sprich: Kinder wurden nicht zu ihrem Wohl in fremde Familien platziert, sondern aus finanziellen Gründen. Familien, die den Behörden aus verschiedensten Gründen ein Dorn im Auge war, wurden teils auch genötigt, einen Teil ihrer Kinder wegzugeben. Mit den Verdingkindern konnten die Behörde zwar die finanzielle Situation der Familien verbessern.

Offiziell tönte es anders: Behörden wollten mit der Fremdplatzierung die Verwahrlosung der Kinder verhindern. Doch tatsächlich diente der Entzug der Obhut auch dazu, Eltern unter Druck zu setzen, ihren Lebenswandel zu ändern. Oft war den örtlichen Behörden das Wohl der Kinder egal, die Aufsicht funktionierte nur schlecht – oder gar nicht.

Justizdirektor Neuhaus sagte vor den Verding- und Heimkindern: «Die damals verantwortlichen Behörden haben leider das Wohl des Kindes allzu häufig nicht beachtet. Im Namen des Regierungsrats entschuldige ich mich hiermit ausdrücklich bei den damaligen Pflegekindern. Solche Fehler dürfen wir nicht wiederholen.»

Für viele Betroffene ist die Entschuldigung eine spät Genugtuung. Viele leiden bis heute unter ihrer schweren Kindheit. Andernorts warten ehemalige Fremdplatzierte weiterhin darauf, dass ihr Leid nicht weiter unter den Teppich gekehrt wird (etwa Kloster Ingenbohl, Heilsarmee).

«Die Behörde beschliesst – zum Wohl des Kindes?»; Fremdplatzierte Kinder im Kanton Bern 1912 – 1978. ISBN: 978-3-03919-203-8. Herausgeber: Historischer Verein des Kantons Bern; Verlag: hier+jetzt

Kanton Bern prüft Opfer-Entschädigung

Der Kanton Bern will es nicht bei einer Entschuldigung bei administrativ Versorgten bleiben lassen. Die Kantonsregierung schlägt jetzt die Schaffung eines nationalen Unterstützungsfonds für Verdingkinder, Heimkinder, administrativ Versorgte und Zwangssterilisierte vor.

Mit ihrer Haltung stellt sich die Berner Regierung hinter einen entsprechenden Vorstoss der Grünen-Grossrätin Christine Häsler. Justizdirektor Christoph Neuhaus: «Tatsächlich leiden noch heute Betroffene unter ihrer Vergangenheit, sind traumatisiert und leben häufig in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen.» Es sei deshalb angezeigt, neben der moralischen Wiedergutmachung auch die «Möglichkeiten einer finanziellen Entschädigung zu prüfen». Neuhaus will die Idee des Härtefall-Fonds in der Konferenz der Kantonsregierungen zur Sprache bringen: «Was im Kanton Bern geschehen ist, ist leider nicht einzigartig.» Deshalb wolle er sich auf nationaler Ebene für dieses Anliegen persönlich engagieren.

Die Idee eines Härtefall-Fonds hatte erstmals der Baselbieter SP-Regierungsrat Urs Wüthrich im vergangenen Herbst an einem Treffen ehemaliger Heimkinder im Laufener Waisenhaus «Maria Hilf» aufgebracht. Betroffene beklagten damals, eine Entschuldigung sei zwar wichtig, helfe aber den Betroffenen wenig, die noch heute unter den Folgen der Übergriffe leiden.

Bis weit in die 70er Jahre wurden in der Schweiz Tausende Kinder und Jugendliche in Heime und Anstalten gesteckt, weil sie als «schwererziehbar» eingestuft wurden, einen angeblich «lasterhaften Lebenswandel» hatten oder unehelich geboren waren. Verdingkinder mussten unter unwürdigen Bedingungen arbeiten, in Kinderheimen und Anstalten kam es regelmässig zu Gewaltübergriffen und sexuellem Missbrauchsfällen. Erschütternde Berichte stammen aus dem Waisenhaus Winterthur, der Erziehungsanstalt Rathausen LU, und vielen anderen Heimen und Anstalten (siehe: die Liste wird immer länger).

Der Kanton Bern hat sich bereits im vergangenen Herbst an der öffentlichen Veranstaltung in der Strafanstalt Hindelbank beteiligt. Damals hatte sich Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf und verschiedene Kantonsvertreter bei jenen Betroffenen entschuldigten, die ohne juristisches Verfahren teils jahrelang im Gefängnis verwahrt wurden. Bern setzte zudem eine Historikergruppe ein, die anhand zweier Gemeinden die damalige Praxis der Fremdplatzierungen untersuchte. Der Bericht dazu soll Mitte März veröffentlicht werden. Gleichzeitig will sich Justizdirektor Neuhaus bei den Verding- und Heimkindern öffentlich für das Betroffenen zugefügte Leid entschuldigen.