Wie die Securitas um sich greift

© Beobachter 2008

Die Bewachungsfirma Securitas kann sich bei ihren geheimdienstlichen Schnüffeleien auf ein weites Netzwerk stützen. Im Fall Nestlé/Attac führt eine Spur an die Spitze der SBB-Bahnpolizei.

Nach diesem Tag gab es von Sara Meylan kein Lebenszeichen mehr. Am 12. Juni 2004 aber war sie noch dabei, als die Westschweizer Antiglobalisierungsgruppe Attac gerade ihr Buch über den Nahrungsmittelkonzern Nestlé publiziert hatte und dessen Geschäftspraktiken mit einer öffentlichen Veranstaltung anprangerte. In der Nestlé-Zentrale war das neue Buch hingegen kalter Kaffee, der Maulwurf hatte den Inhalt längst geliefert. Sara Meylans Mission war zu Ende.

Als Securitas-Spitzel im Auftrag von Nestlé hatte die junge Frau ein Jahr zuvor in Lausanne eine Autorengruppe der Organisation Attac infiltriert, wie das Westschweizer Fernsehen publik machte. Die Securitas begründet die Aktion mit dem damals am Genfersee durchgeführten Gipfel der wichtigsten Industrienationen (G-8) – die Observation sei im Namen der Sicherheit erfolgt. Doch: Der G-8-Gipfel in Evian war längst vorbei, als die siebenköpfige Gruppe – Sara Meylan inklusive – beschloss, über Nestlé ein kritisches Buch zu schreiben.

Über Sara Meylans wahre Identität wird nach wie vor gerätselt. Sie gab an, in Neuenburg zu wohnen und bei einer Versicherung zu arbeiten. In Neuenburg arbeitete sie zwar nachweislich mindestens ein Mal – an einem Computer eines Internetcafés. Fotos von ihr gibt es keine, ausser jenem auf dem Halbtaxabo, das sie damals benutzte. Auf diesem Bild, das dem Beobachter vorliegt, trägt sie schulterlanges, zum Rossschwanz gebundenes Haar. Das Gesicht kantig, die Augen stark geschminkt, den Mund zu einem Strich gepresst.

Ausgerechnet ihr Halbtaxabo fördert nun aber eine brisante Verbindung zutage, die Fragen aufwirft: Wurde die Aktion sorgfältig von der Securitas geplant, und griff sie dafür auf ihre guten Verbindungen zu den SBB zurück? Denn ein Angehöriger des Topkaders der Bahnpolizei, die zur SBB-Tochter Securitrans gehört (siehe nachfolgendes Organigramm), taucht nun plötzlich in indirektem Zusammenhang mit der Bespitzelung auf, wie Recherchen des Beobachters zeigen.

Die Halbtaxkarte von Sara Meylan mit der Nummer RBC 287 wurde von den SBB am 8. September 2003 ausgestellt. Als Adresse der Spionin war im SBB-System Folgendes registriert: «c/o Pascal Delessert, Avenue du Château 58, 1008 Prilly». Bei Pascal Delessert, der tatsächlich an dieser Adresse wohnt, handelt es sich um keinen Geringeren als den damaligen Chef der Westschweizer Bahnpolizei.

Es fragt sich somit, ob Meylan gegenüber den SBB falsche Angaben machte oder ob die Securitas das Halbtax ausgerechnet an den damaligen Westschweizer Bahnpolizei-Chef schicken liess. Denkbar ist auch, dass Meylan das Abonnement gar nicht am Schalter löste, sondern von ihrem Auftraggeber für die Observation persönlich in die Hand gedrückt bekam. Zwei weitere Möglichkeiten bestehen zumindest theoretisch: Die Adressangabe von Meylan hat den Tatsachen entsprochen, womit sie damals beim Bahnpolizei-Chef gewohnt hätte; oder der Bahnpolizei-Chef hat mit der Schnüffelaktion gar nichts zu tun. Klar ist einzig: Die Agentin musste unbedingt über ein Halbtax verfügen. Denn in der Schweiz besitzen über zwei Millionen Personen ein Halbtax, wer keines hat, ist in einer Gruppe wie der Attac, die häufig durch die Schweiz reist, geradezu auffällig.

Tatsächlich muss sich das Familienunternehmen Securitas, bisher Garant für Seriosität und Zuverlässigkeit, unangenehme Fragen gefallen lassen: Securitas-Nachtwächter haben in unzähligen Firmen Zugang zu Räumlichkeiten und könnten – theoretisch – im Auftrag von Konkurrenten Informationen sammeln.

Die Securitas arbeitete nicht nur mit den Spitzen der SBB-Bahnpolizei zusammen, sondern auch mit der Waadtländer Kantonspolizei. Securitas-Generalsekretär Reto Casutt bestätigte bereits im Westschweizer Fernsehen freimütig, dass die Waadtländer Polizei mit Informationen aus der Observation beliefert worden sei. Damit wird klar, dass die Securitas ihr vorzügliches Netzwerk tatsächlich nutzt.

Die investigativen Tätigkeiten haben sich längst zu einem lukrativen Geschäftsfeld entwickelt. Ein ehemaliges Kadermitglied der Securitas erklärt denn auch, dass der Konzern «nichts tut, was keinen Umsatz bringt». Ein anderer Securitas-Kadermann, der jahrelang Zugang zum innersten Zirkel hatte, rechtfertigt das neue Geschäftsfeld mit der ausländischen Konkurrenz, die solche Dienste längst anbiete – auch in der Schweiz. Und dieses lukrative Geschäft mit der verdeckten Überwachung will sich die Nummer eins im Schweizer Sicherheitsmarkt nicht entgehen lassen.

Starker Mann des Unternehmens ist Generaldirektor Hans Winzenried, sekundiert von Generalsekretär Reto Casutt. Winzenried präsidiert neben zahlreichen gruppeninternen Firmen auch die Securitrans (unter anderem Bahnpolizei), die zu 51 respektive 49 Prozent den SBB und der Securitas gehört. Operativer Chef: Martin Graf, ehemaliger Securitas-Kadermann.

Als Kommandant der Bahnpolizei diente der frühere Luzerner Polizeikommandant Jörg Stocker. Unter nebulösen Begründungen wurde er im Februar abgesetzt, dient dem SBB-Unternehmen aber weiterhin für «Spezialaufgaben». Sein neuer Job: Er ist Verwaltungsratspräsident der Crime Investigation Services AG (CIS), die zur Securitas-Gruppe gehört und in deren Verwaltungsrat auch Reto Casutt sitzt.

Weiterlesen im Beobachter 14/08

(Bild: www.securitas.ch)

Dickmacher: Plötzlich sind sie gesund

Ampel

Was sagt mehr aus: Nährwertkennzeichnung der Industrie ("GDA-System", oben); oder die "Ampel"-Darstellung (unten)?

© Beobachter 2008/Otto Hostettler

Man rechne mit kleinen Portionen und einem hohen Tagesbedarf, und schon steht ein Produkt gesünder da, als es ist. Die Industrie nennt das dann «ausgezeichnet informiert».

Die wirtschaftliche Kraft hinter den vier Buchstaben ist gewaltig: Die FIAL, die Föderation der schweizerischen Nahrungsmittelindustrien, umfasst über 200 teils multinationale Firmen, die gesamthaft einen Umsatz von fast 30 Milliarden Franken erwirtschaften. Steht ein Konsument im Laden vor dem Lebensmittelregal, blickt er fast ausschliesslich auf Produkte, deren Hersteller sich in der FIAL verbinden. Schweizer Konsumenten kommen an der Organisation nicht vorbei.

Diese Macht kaschiert die FIAL mit höflichen Worten und charmanten Auftritten. Als der Co-Geschäftsführer Franz U. Schmid an einem runden Tisch des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zum Thema Übergewicht und Fettleibigkeit zum Referat ansetzte, hiess es auf der Folie: «Die Schweizer Nahrungsmittelindustrie als Teil der Lösung». Neben schönen Absichtserklärungen präsentierte Schmid im Frühling 2006 ein neues, einheitliches und freiwilliges System für die Nährwertangaben auf Lebensmittelverpackungen. Weil inzwischen mehr als jeder dritte Schweizer übergewichtig oder fettleibig ist, steht die Branche vor der entscheidenden Frage: Wie sagt man einem Konsumenten, dass er mit einem Lebensmittel zu viel Zucker oder ungesunde Fettsäuren zu sich nimmt, das Produkt aber trotzdem kaufen soll?

Dass sich die Industrie in den letzten Jahren zum Thema Übergewicht Gedanken gemacht hat, hat seinen Grund: Die britische Gesundheitsbehörde beschloss 2005 ein einfaches und verständliches Deklarationssystem und führte es 2006 auch gleich ein – auf freiwilliger Basis. Mit einem sogenannten Ampelsystem wird der jeweilige Gehalt von Fett, Zucker, Salz und gesättigten Fettsäuren farblich plakativ markiert. Rot steht für «nur in kleinen Mengen hin und wieder verzehren», Orange heisst, «es ist okay, es häufiger zu essen», und Grün bedeutet «eine gesunde Wahl». Die britische Art, Ernährungshinweise darzustellen, ist bei Konsumenten auf breite Akzeptanz gestossen, wie Studien zeigen. Anfang 2008 waren bereits 10’000 Einzelprodukte mit den Ernährungshinweisen nach dem Ampelsystem gekennzeichnet.

Im übrigen Europa aber lehnen Lebensmittelgiganten wie Nestlé, Coca-Cola, Kraft Foods, Kellogg’s, Unilever und andere das Ampelsystem strikt ab. Sie hatten im September 2005 eiligst eine eigene Art der Nährwertangaben kreiert. Genau dieses System adaptierte die Industrie auch für die Schweiz. Auch wenn die FIAL im April 2006 dem BAG, den Gesundheitsorganisationen und Konsumentenverbänden dieses System erst in unverbindlichen Worten vorstellte, die Einführung hatte bereits begonnen. Kellogg’s Schweiz beschriftete bereits Ende 2005 die ersten Produkte nach der neuen Art: Kalorien, Zucker, Fett und Salz werden neu mit eigenen kleinen Symbolen dargestellt. Noch wichtiger aber ist die neue Berechnungsart. Die Angaben auf der Verpackung setzen die Werte in ein Verhältnis zum täglichen Bedarf. Neu werden Kalorien, Zucker, Fett und Salz zudem nicht mehr pro 100 Gramm angegeben, sondern in «Portionen» umgerechnet. So klingen die Zucker- oder Fettgehalte selbst bei Dickmachern auf einmal harmlos.

Auf einer Halbliterflasche Coca-Cola oder Sprite etwa prangt nun der Zucker-Hinweis: 25 Gramm, dazu die Bemerkung, dies entspreche 28 Prozent des täglichen Verbrauchs. Tatsächlich ist aber der Zuckergehalt einer Flasche doppelt so hoch. Denn als eine «Portion», auf die sich die Angaben beziehen, gilt eine halbe Flasche. Kommt dazu, dass die Prozentangabe verharmlosend wirkt: Als Basis für den Tagesbedarf werden 90 Gramm Zucker angenommen, die Weltgesundheitsorganisation WHO ihrerseits empfiehlt für Erwachsene lediglich 50 bis 60 Gramm. Das heisst umgerechnet: Wer eine 0,5-Liter-Flasche dieses Süssgetränks zu sich nimmt, deckt damit den Zuckerbedarf eines ganzen Tages.

Ähnlich bei Mayonnaise: Weil Nestlé die Portion mit bescheidenen 15 Gramm definiert, steht auf der Tube in der Rubrik «Fett»: 17 Prozent des täglichen Bedarfs. Doch tatsächlich besteht Mayonnaise zu 80 Prozent aus purem Fett. Wer schon jemals ein Ei mit Mayonnaise gegessen hat, weiss, dass es bei einem einzigen Druck auf die Tube nicht bleibt.

Kinder in der Zuckerfalle

Noch krasser sind die Nährwertangaben beziehungsweise die Portionendefinition bei Pommes Chips. Bei Pringles bilden 14 einzelne Chips eine «Portion». Nur dank dieser Kleinmenge geht die Rechnung auf. Gemäss Packungshinweis verzehrt man nur 9 Gramm Fett. Gemessen an der täglichen Dosis von 70 Gramm klingt das nach wenig. Realistischer ist jedoch, dass jemand eine halbe Packung Pringles isst – und damit bereits fast die Hälfte des gesamten Tagesbedarfs an Fett zu sich nimmt.

Besonders trügerisch sind die Angaben bei Cornflakes: Die Kellogg’s Smacks etwa, die sich mit Verpackung und beigelegtem Spielzeug gezielt an Kinder richten, bemessen ihre Angaben am Kalorienbedarf einer erwachsenen Person. Dank der klein gewählten Portion und der hoch angesetzten Zuckertagesmenge von 90 Gramm heisst es in der Nährwertangabe, man nehme nur 14 Prozent des täglichen Bedarfs zu sich. Berücksichtigt man aber, dass Kinder weniger Zucker benötigen (laut WHO 38 Gramm) und am Frühstückstisch ihre Schale randvoll füllen, ist der Tagesbedarf an Zucker bereits um 8 Uhr morgens mehr als zur Hälfte gedeckt.

Und was sagt die Industrie und das Bundesamt für Gesundheit?

Weiterlesen im Beobachter 9/2008