Ethik-Präsident relativiert fragwürdige Medikamentenversuche

titel3Der Thurgauer Ethikkommissions-Präsident verteidigt die fragwürdigen Medikamenten-Tests des Antidepressiva-Wegbereiters Roland Kuhn. «Das war damaliger Standard», sagte Rainer Andenmatten dem Schweizer Radio. Dabei vergisst Andenmatten die Konvention von Helsinki.

 

Ausführlich berichtete die Sendung «Echo der Zeit» am 25.2.2015 über die breit angelegten Medikamentenversuche in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen der 50er, 60er und 70er Jahre. Der «Beobachter» machte Anfang 2014 publik, in welchem Ausmass der langjährige Oberarzt und Klinikdirektor Roland Kuhn Wirkstoffe an seinen Patienten ausprobierte («Die Experimente des Dr. Kuhn»). Während Jahrzehnten testete Kuhn eine ganze Reihe von Präparaten und Wirkstoffe an psychisch Kranken – ohne deren Wissen und Einverständnis. Kuhn gilt als Entdecker der antidepressiven Wirkung von Imipramin, doch das Präparat verabreichte er auch Kranken mit ganz anderen Diagnosen – nur um auszuprobieren, ob sich auch da eine Wirkung zeigte. Er probierte die Substanzen auch an Schwangeren und Kindern aus, wie der «Beobachter» dokumentieren konnte. Viele dieser Wirkstoffe kamen später gar nie auf den Markt.

 

Gegenüber Schweizer Radio relativiert nun ausgerechnet der Präsident der kantonalen Ethikkommission, Rainer Andenmatten, die fragwürdigen Massenversuche. «Das war damaliger Standard.» Andenmatten: «In dieser Zeit, als Kuhn seine Versuche durchführte, gab es noch kein Humanforschungsgesetz», Studien seinen nicht protokolliert worden, die Patienten seien nicht informiert worden und es sei auch nicht nötig gewesen, deren Einverständnis einzuholen

 

Eine erstaunliche Aussage, insbesondere für den Präsidenten jener Kommission, der heute darüber wachen soll, dass klinische Versuche ethische Standards erfüllen. Andenmatten vergisst nämlich, dass das Einverständnis von Patienten bei klinischen Versuchen spätestens seit 1964 zu den ärztlichen Pflichten gehörte. In Helsinki verabschiedete der Weltärztebund eine Deklaration, die «Ethische Grundsätze für die medizinische Forschung am Menschen» regelte. Den wichtigsten Grundsatz der Deklaration von Helsinki müsste eigentlich auch Andenmatten kennen: Betroffene Patienten müssen einem klinischen Versuch zustimmen.

 

Die Ärzteschaft verpflichtete sich aber schon 20 Jahre früher, Patienten bei medizinischen Versuchen zu informieren und ihr Einverständnis einzuholen. Im Zug der Nürnberger Prozesse, als die Menschenversuche der Nationalsozialisten aufgearbeitet wurden, entstand 1947 der «Nürnberger Kodex». Im Punkt 1 heisst es: «Die freiwillige Einwilligung der Versuchserson ist unbedingt erforderlich.»

 

Wie sagte Klaus Dörner (81), Mediziner, Sozialpsychiater und Autor zahlreicher Standardwerke zu Psychiatrie und Ethik im «Beobachter»? «Den allermeisten Psychiatern waren die neuen ethischen Standards der Helsinki-Deklaration egal».

 

Medikamententests: Schönreden statt aufarbeiten

Zwei Thurgauer Kantonsärzte verteidigen die fragwürdigen Medikamentenversuche des Psychiatrieprofessors Roland Kuhn in Münsterlingen. Ein Schlag ins Gesicht der Betroffenen.

Kuhn«Ich bin der Meinung, dass Roland Kuhn für seine Entdeckung den Nobelpreis verdient hat», sagt der pensionierte Thurgauer Hausarzt Alfred Stahl, einst stellvertretender Kantonsarzt. Und der pensionierte Kantonsarzt Alfred Muggli doppelt nach: «Ich hatte nie den Eindruck, dass er sich unethisch verhalten hat», sagte er der Thurgauer Zeitung. Doch auf was stützen sich die beiden Ärzte bei ihrer posthumen Adelung von Roland Kuhn, dem langjährigen Oberarzt und Direktor der psychiatrischen Klink Münsterlingen? Im Interview mit der Zeitung geben sie an, den Psychiatrieprofessor, der als Vater des ersten Antidepressivas gilt, persönlich gekannt zu haben.

Recherchen des Beobachters in Patientenakten, Forschungspublikationen und Korrespondenzen sowie Gespräche mit zahlreichen betroffenen Patienten und ehemaligen Angestellten zeigen ein anderes Bild: Jahrzehntelang testete Psychiatrieprofessor Roland Kuhn in der Klinik Münsterlingen neue Wirkstoffe der Pharmaindustrie an Hunderten seiner Patientinnen und Patienten – die allermeisten dieser Versuchspersonen dürften davon keine Ahnung gehabt haben.

1600 Fälle dokumentierte der Beobachter in seiner Titelgeschichte «Die Menschenversuche von Münsterlingen», darunter waren auch hunderte von Kindern. Wenn nun der ehemalige Kantonsarzt sagt, er habe nie den Eindruck gehabt, dass sich Kuhn unethisch verhalten habe, klingt dies, als wolle er sein eigenes Wegschauen schön reden. Denn als Kuhn Anfang der 50er Jahre in Münsterlingen seinen Patienten die ersten Testsubstanzen verabreichte, war der Nürnberger Kodex längst verabschiedet. Diese ethischen Richtlinien gelten als die wichtigsten Grundsätze für Ärzte nach den Verbrechen der Psychiatrie im Dritten Reich. Sie regeln die minimalen Anforderungen bei medizinischen Versuchen an Menschen. In Punkt ein heisst es: «Die freiwillige Zustimmung der Versuchsperson ist unbedingt erforderlich.»

1964 konkretisierte der Weltärztebund diese Richtlinien in Helsinki mit der Deklaration «Ethische Grundsätze in der medizinischen Forschung am Menschen». Dessen ungeachtet forschte Kuhn weiter. Er verabreichte die neuen Wirkstoffe quer durch die Klinik an Patienten mit unterschiedlichsten Diagnosen – einfach um zu sehen, in welchem Fall die Substanz eine Wirkung haben könnte. Schwangeren verordnete er den neuen Wirkstoff, um zu testen, ob das ungeborene Kind Schäden davon tragen würde. Oder er testete die Medikamente an betagten, schwer kranken Patientinnen. In einem Fall handelte es sich um eine Frau, die noch knapp 33 Kilo wog. Kuhn notierte dazu «…es bereitet Schwierigkeiten, ihr das Medikament beizubringen…». Sprich: Kuhn verabreichte ihr die Testsubstanz 34’799, die später nie auf dem Markt gekommen ist, gegen ihren Willen.

Der ehemalige Kantonsarzt Muggli verteidigt Kuhns Methoden noch heute: «Der Forscher weiss, was er darf und was er nicht darf.» Schriften von Kuhn selber lassen daran zweifeln. Noch 1988, also fast 40 Jahre nach Verabschiedung des Nürnberger Kodexes mokierte sich Kuhn in einer Fachpublikation über die Auflagen an die Forschung und rief die Ärzteschaft auf: «Kehret zurück zu jenen Methoden, die seinerzeit zu dem grossen Erfolg geführt haben!»

Ohne ein Wort der Selbstkritik stellen sich die beiden pensionierten Thurgauer Ärzte Muggli und Stahel noch heute hinter die Praxis von Kuhn, die angebliche Schwererziehbarkeit von Kindern mit Antidepressiva zu «behandeln». Doch die beiden im Beobachter erwähnten Kindern waren damals nicht krank, sondern sie hätten Hilfe benötigt. Der eine wurde im klösterlichen Kinderheim sexuell missbraucht, der andere in der Pflegefamilie verprügelt und eingesperrt. Kuhn hätte dies in den Akten der Kinder nachlesen können. Doch er verabreichte ihnen Pillen – bis die Kinder zitterten und sich übergeben mussten.

Der vollständige Artikel «Die Menschenversuche von Münsterlingen» findet sich im Beobachter 3/2014.

Die Menschenversuche von Münsterlingen

Der Schweizer Psychiater Roland Kuhn gilt als «Vater der Antidepressiva». Doch dieser Ruhm gründet auf Hunderte von ahnungslosen Patienten. Betroffene leiden bis heute, Todesfälle wurden nie untersucht.

titel3Während Jahrzehnten liess die Pharmaindustrie neue Wirkstoffe  an nicht zustimmungsfähigen Kranken und Kindern testen. Recherchen des Beobachters zeigen erstmals das Ausmass solcher Medikamentenversuche: In der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen TG verabreichte der Psychiatrieprofessor Roland Kuhn über Jahrzehnte hinweg seinen Patienten nicht bewilligte Substanzen. Die Tests dienten unter anderem zur Entwicklung des ersten Antidepressiva, das noch heute als Tofranil im Handel ist. Die Pharmaindustrie verdankt Kuhn Milliardenumsätze.

Die Recherche war aufwändig: Dokumente gefunden habe ich vor allem im Staatsarchiv Thurgau, bei Swissmedic und im Medizinhistorischen Archiv. Dazu habe ich ein halbes Dutzend nationale und internationale Publikationen ausgewertet, mit Betroffenen und früheren Angestellten gesprochen. Die Informationen und Erkenntnisse ergeben ein erschreckendes Bild:

  • Dokumentiert sind mindestens 1600 Fälle von Medikamentenversuchen (vor allem Largactil, Imipramin/Tofranil, Ketoimipramin, Maprotilin/Ludiomil sowie zahlreiche Derivate dieser Substanzen)
  • die Versuche deckten eine Zeitspanne von über 30 Jahren ab
  • im wichtigsten Versuch verbrauchte der Psychiater 20’000 Pillen und 1000 Ampullen – pro Monat. Zusammengerechnet verabreichte er seinen Patienten in diesem Jahresversuch mindestens 6 Kilogramm des Wirkstoffs
  • dokumentiert sind Versuche an schwer depressiven Schwangeren
  • Versuche an schwer Kranken

«Die Experimente des Dr. Kuhn», Beobachter 3/2014;