Kanton Bern prüft Opfer-Entschädigung

Der Kanton Bern will es nicht bei einer Entschuldigung bei administrativ Versorgten bleiben lassen. Die Kantonsregierung schlägt jetzt die Schaffung eines nationalen Unterstützungsfonds für Verdingkinder, Heimkinder, administrativ Versorgte und Zwangssterilisierte vor.

Mit ihrer Haltung stellt sich die Berner Regierung hinter einen entsprechenden Vorstoss der Grünen-Grossrätin Christine Häsler. Justizdirektor Christoph Neuhaus: «Tatsächlich leiden noch heute Betroffene unter ihrer Vergangenheit, sind traumatisiert und leben häufig in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen.» Es sei deshalb angezeigt, neben der moralischen Wiedergutmachung auch die «Möglichkeiten einer finanziellen Entschädigung zu prüfen». Neuhaus will die Idee des Härtefall-Fonds in der Konferenz der Kantonsregierungen zur Sprache bringen: «Was im Kanton Bern geschehen ist, ist leider nicht einzigartig.» Deshalb wolle er sich auf nationaler Ebene für dieses Anliegen persönlich engagieren.

Die Idee eines Härtefall-Fonds hatte erstmals der Baselbieter SP-Regierungsrat Urs Wüthrich im vergangenen Herbst an einem Treffen ehemaliger Heimkinder im Laufener Waisenhaus «Maria Hilf» aufgebracht. Betroffene beklagten damals, eine Entschuldigung sei zwar wichtig, helfe aber den Betroffenen wenig, die noch heute unter den Folgen der Übergriffe leiden.

Bis weit in die 70er Jahre wurden in der Schweiz Tausende Kinder und Jugendliche in Heime und Anstalten gesteckt, weil sie als «schwererziehbar» eingestuft wurden, einen angeblich «lasterhaften Lebenswandel» hatten oder unehelich geboren waren. Verdingkinder mussten unter unwürdigen Bedingungen arbeiten, in Kinderheimen und Anstalten kam es regelmässig zu Gewaltübergriffen und sexuellem Missbrauchsfällen. Erschütternde Berichte stammen aus dem Waisenhaus Winterthur, der Erziehungsanstalt Rathausen LU, und vielen anderen Heimen und Anstalten (siehe: die Liste wird immer länger).

Der Kanton Bern hat sich bereits im vergangenen Herbst an der öffentlichen Veranstaltung in der Strafanstalt Hindelbank beteiligt. Damals hatte sich Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf und verschiedene Kantonsvertreter bei jenen Betroffenen entschuldigten, die ohne juristisches Verfahren teils jahrelang im Gefängnis verwahrt wurden. Bern setzte zudem eine Historikergruppe ein, die anhand zweier Gemeinden die damalige Praxis der Fremdplatzierungen untersuchte. Der Bericht dazu soll Mitte März veröffentlicht werden. Gleichzeitig will sich Justizdirektor Neuhaus bei den Verding- und Heimkindern öffentlich für das Betroffenen zugefügte Leid entschuldigen.

Gewalt im Kinderheim: Symbolische Wiedergutmachung

Als Kinder erlebten sie in den 60er Jahren eine schlimme Zeit im Waisenhaus «Maria Hilf» in Laufen (damals BE). Sie wurden für Kleinigkeiten geschlagen, eingesperrt oder noch schlimmer: sie wurden minutenlang kopfüber in einen Wassereimer gesteckt und kalt abgeduscht. Nach über 40 Jahren erhielten sie nun eine symbolische Wiedergutmachung. An einer Feier in Laufen bedauerten die heutigen Heimverantwortlichen sowie je ein Vertreter der Berner und Baselbieter Regierung, was damals den Kindern angetan worden war. Dem Treffen fern blieben die Ingenbohler Schwestern.

Der Berner Justizdirektor Christoph Neuhaus gab sich selbstkritisch: «Ja, wir wären damals für die Aufsicht des Waisenhauses Laufen zuständig gewesen.» Doch offensichtlich funktionierte die Aufsicht schlecht. Neuhaus: «Es tut mir aufrichtig leid, was passiert ist.» Worte des Bedauerns auch vom Baselbieter Regierungsrat Urs Wüthrich: «Die wichtigste Form der Wiedergutmachung ist, aus Fehlern zu lernen.»

Das Treffen initiierte Willy Mischler, der wie andere auch von den Ordensschwestern «geduscht und gedünkelt» wurde (siehe Beobachter 10/2010). Die früheren Bewohner konnten nun am Empfang auch ihre Akten einsehen – oder was davon noch übrig ist. Mischler forderte am Treffen, die Schweiz solle einen Fonds für Opfer von vormundschaftlichen Zwangsmassnahmen äufnen: «Viele hatten nach Jahren im Heim einen äusserst schlechten Start ins Leben und können es bis heute nicht meistern.» Für solche Härtefälle brauche es finanzielle Unterstützung.

Wer mehr wissen will über die eigene Vergangenheit im Kinderheim kann Einsicht in seine Akten verlangen. Ein Musterbrief findet sich hier: Musterbrief_Akteneinsicht.