Fremdplatziert: Die Macht der Akten

StadtarchivDie Stadt Bern beteiligt sich aktiv an der Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und hilft Verdingkindern und einstmals fremdplatzierten Kindern, ihre Geschichte aufzuarbeiten. Mit der Ausstellung im Kornhausforum «Auf der Suche nach der eigenen Geschichte» ermöglicht das Stadtarchiv zudem der Bevölkerung einen Einblick in Fürsorgeakten. Anhand zweier Fürsorgedossiers dokumentiert das Archiv die Folgen der damaligen Armenpolitik auf das alltägliche Leben von armengenössigen Familien. Die Dokumente stammen aus dem Fundus von rund 30’000 Personendossiers der einstigen städtischen Fürsorgedirektion aus den Jahren 1920 bis 1960. Nur durch einen Glücksfall sind sie überhaupt erhalten geblieben. Eigentlich werden im Kanton Bern Sozialhilfeakten 15 Jahre nachdem die Leistungen eingestellt wurden vernichtet. In den 1990er Jahren entschied sich aber der damalige Fürsorgedirektor und spätere Stadtpräsident Klaus Baumgartner, die Akten aufgrund ihrer gesellschaftspolitischen Bedeutung zu erhalten.

«Auf der Suche nach der eigenen Geschichte»; Fremdplatzierungen in Bern 1920 – 1960; Ausstellung im Kornhhausforum; 25. März 2015 bis 25. April 2015 (Vernissage: 24. März 2015; 19 Uhr),

«Die Macht der Akten», 7. April 2015; 19 Uhr. Eine Lesung aus Akten der Zeit fürsorgerischer Zwangsmassnahmen mit Schriftsteller Lukas Hartmann und Regierungsrat Christoph Neuhaus.

Podiumsgespräch, 7. April 2015 (im Anschluss an die Lesung) mit Guido Fluri, Lukas Hartmann (Schriftsteller), Christoph Neuhaus (Regierungsrat), Loretta Seglias (Historikerin). Moderation: Otto Hostettler (Beobachter).

 

Hintergrund zum Thema: «Verdingt, versorgt vergessen» – eine Online-Reportage.

 

 

Eine Kindheit als Knecht

Schweizer Behörden haben Tausende Kinder und Jugendliche verdingt, ­weggesperrt, sterilisiert, psychiatrisiert und zur Adoption ­freigegeben. Einer davon: Ernst Stricker.

 

«Dieses Jahr werde ich 80. Mein Leben lang habe ich nie über meine Jahre als Verdingkind ­gesprochen. Jetzt aber hat es mir den Nuggi herausgehauen. Es brauchte Überwindung, 
aber ich schrieb Bundesrätin ­Simonetta Sommaruga einen Brief: «Sie sind auf Ihrem ­Posten am Drücker! Lösen Sie also endlich das Problem. Oder wollen Sie so lange warten, 
bis wir alle gestorben sind?»

Mein Vater war Hilfsarbeiter und oft zu faul zum Arbeiten. Wir waren mausarm. Als ich 1946 in die sechste Klasse kam, musste ich von zu Hause weg. Mit einem kleinen Koffer ­schickte man mich nach Baar zu einem Bauern. Ich hatte bei ihm genug zu essen und wurde auch nicht geschlagen. Aber meine Eltern fehlten mir. Da nützten die Tränen im Kopf­kissen nicht viel.

Viele hatten es schlechter 
als ich. Aber was musste ich krampfen. An mir sparte der Bauer einen Knecht. Ich erin­nere mich gut, wie ich als Zwölfjähriger in glühender Hitze Korn zusammentragen musste. Der Bauer sass derweil im Schatten des Hauses und ­dengelte seine Sense. Vier Jahre lang sah ich keinen Franken.

Jetzt will man uns mit einem Trinkgeld abspeisen. Das finde ich nicht in Ordnung. Wir alle wurden ausgenutzt und ge­demütigt, gelitten haben alle. Ja, mit Geld kann man die ­verlorene Mutterliebe nicht ­ersetzen, aber die geleistete ­Arbeit sollte der Staat den ­Betroffenen entschädigen.

Seit meinem zwölften ­Lebensjahr stehe ich auf eigenen Füssen. Ich musste viel ­einstecken. Das prägt einen 
fürs Leben. 1955 kam ich nach St. Gallen zur Bahn. Ich hatte das Glück, ohne erlernten Beruf eine Stelle zu finden. Ich arbeitete zuerst im Güterschuppen, später im Rangierdienst und dann in den Stellwerken. Fast 40 Jahre war ich bei der Bahn.»

Opfer von Behördenwillkür sollen entschädigt werden

Verdingt, weggesperrt, vergessen: Die Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels der Schweizer Sozialgeschichte hat zwar begonnen, zwei Bundesrätinnen haben sich öffentlich entschuldigt, ein runder Tisch wurde ins Leben gerufen – doch die Opfer fühlen sich bis heute im Stich gelassen. Jetzt lancieren sie zusammen mit Historikern, einer überparteilichen Politikergruppe und dem Beobachter eine Volksinitiative und fordern eine Wiedergutmachung. Ihr Ziel: Verdingkinder, administrativ Versorgte, Zwangssterilisierte und Zwangsadoptierte sollen für das Leid, das ihnen der Staat angetan hat, finanziell entschädigt werden.

Unterschriftenbögen der Wiedergutmachungsinitiative finden sich hier.

«Zwangsmassnahmen: Die Schuld der Schweiz», Beobachter Nr. 7/2014

Medikamententests: Schönreden statt aufarbeiten

Zwei Thurgauer Kantonsärzte verteidigen die fragwürdigen Medikamentenversuche des Psychiatrieprofessors Roland Kuhn in Münsterlingen. Ein Schlag ins Gesicht der Betroffenen.

Kuhn«Ich bin der Meinung, dass Roland Kuhn für seine Entdeckung den Nobelpreis verdient hat», sagt der pensionierte Thurgauer Hausarzt Alfred Stahl, einst stellvertretender Kantonsarzt. Und der pensionierte Kantonsarzt Alfred Muggli doppelt nach: «Ich hatte nie den Eindruck, dass er sich unethisch verhalten hat», sagte er der Thurgauer Zeitung. Doch auf was stützen sich die beiden Ärzte bei ihrer posthumen Adelung von Roland Kuhn, dem langjährigen Oberarzt und Direktor der psychiatrischen Klink Münsterlingen? Im Interview mit der Zeitung geben sie an, den Psychiatrieprofessor, der als Vater des ersten Antidepressivas gilt, persönlich gekannt zu haben.

Recherchen des Beobachters in Patientenakten, Forschungspublikationen und Korrespondenzen sowie Gespräche mit zahlreichen betroffenen Patienten und ehemaligen Angestellten zeigen ein anderes Bild: Jahrzehntelang testete Psychiatrieprofessor Roland Kuhn in der Klinik Münsterlingen neue Wirkstoffe der Pharmaindustrie an Hunderten seiner Patientinnen und Patienten – die allermeisten dieser Versuchspersonen dürften davon keine Ahnung gehabt haben.

1600 Fälle dokumentierte der Beobachter in seiner Titelgeschichte «Die Menschenversuche von Münsterlingen», darunter waren auch hunderte von Kindern. Wenn nun der ehemalige Kantonsarzt sagt, er habe nie den Eindruck gehabt, dass sich Kuhn unethisch verhalten habe, klingt dies, als wolle er sein eigenes Wegschauen schön reden. Denn als Kuhn Anfang der 50er Jahre in Münsterlingen seinen Patienten die ersten Testsubstanzen verabreichte, war der Nürnberger Kodex längst verabschiedet. Diese ethischen Richtlinien gelten als die wichtigsten Grundsätze für Ärzte nach den Verbrechen der Psychiatrie im Dritten Reich. Sie regeln die minimalen Anforderungen bei medizinischen Versuchen an Menschen. In Punkt ein heisst es: «Die freiwillige Zustimmung der Versuchsperson ist unbedingt erforderlich.»

1964 konkretisierte der Weltärztebund diese Richtlinien in Helsinki mit der Deklaration «Ethische Grundsätze in der medizinischen Forschung am Menschen». Dessen ungeachtet forschte Kuhn weiter. Er verabreichte die neuen Wirkstoffe quer durch die Klinik an Patienten mit unterschiedlichsten Diagnosen – einfach um zu sehen, in welchem Fall die Substanz eine Wirkung haben könnte. Schwangeren verordnete er den neuen Wirkstoff, um zu testen, ob das ungeborene Kind Schäden davon tragen würde. Oder er testete die Medikamente an betagten, schwer kranken Patientinnen. In einem Fall handelte es sich um eine Frau, die noch knapp 33 Kilo wog. Kuhn notierte dazu «…es bereitet Schwierigkeiten, ihr das Medikament beizubringen…». Sprich: Kuhn verabreichte ihr die Testsubstanz 34’799, die später nie auf dem Markt gekommen ist, gegen ihren Willen.

Der ehemalige Kantonsarzt Muggli verteidigt Kuhns Methoden noch heute: «Der Forscher weiss, was er darf und was er nicht darf.» Schriften von Kuhn selber lassen daran zweifeln. Noch 1988, also fast 40 Jahre nach Verabschiedung des Nürnberger Kodexes mokierte sich Kuhn in einer Fachpublikation über die Auflagen an die Forschung und rief die Ärzteschaft auf: «Kehret zurück zu jenen Methoden, die seinerzeit zu dem grossen Erfolg geführt haben!»

Ohne ein Wort der Selbstkritik stellen sich die beiden pensionierten Thurgauer Ärzte Muggli und Stahel noch heute hinter die Praxis von Kuhn, die angebliche Schwererziehbarkeit von Kindern mit Antidepressiva zu «behandeln». Doch die beiden im Beobachter erwähnten Kindern waren damals nicht krank, sondern sie hätten Hilfe benötigt. Der eine wurde im klösterlichen Kinderheim sexuell missbraucht, der andere in der Pflegefamilie verprügelt und eingesperrt. Kuhn hätte dies in den Akten der Kinder nachlesen können. Doch er verabreichte ihnen Pillen – bis die Kinder zitterten und sich übergeben mussten.

Der vollständige Artikel «Die Menschenversuche von Münsterlingen» findet sich im Beobachter 3/2014.

Die Menschenversuche von Münsterlingen

Der Schweizer Psychiater Roland Kuhn gilt als «Vater der Antidepressiva». Doch dieser Ruhm gründet auf Hunderte von ahnungslosen Patienten. Betroffene leiden bis heute, Todesfälle wurden nie untersucht.

titel3Während Jahrzehnten liess die Pharmaindustrie neue Wirkstoffe  an nicht zustimmungsfähigen Kranken und Kindern testen. Recherchen des Beobachters zeigen erstmals das Ausmass solcher Medikamentenversuche: In der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen TG verabreichte der Psychiatrieprofessor Roland Kuhn über Jahrzehnte hinweg seinen Patienten nicht bewilligte Substanzen. Die Tests dienten unter anderem zur Entwicklung des ersten Antidepressiva, das noch heute als Tofranil im Handel ist. Die Pharmaindustrie verdankt Kuhn Milliardenumsätze.

Die Recherche war aufwändig: Dokumente gefunden habe ich vor allem im Staatsarchiv Thurgau, bei Swissmedic und im Medizinhistorischen Archiv. Dazu habe ich ein halbes Dutzend nationale und internationale Publikationen ausgewertet, mit Betroffenen und früheren Angestellten gesprochen. Die Informationen und Erkenntnisse ergeben ein erschreckendes Bild:

  • Dokumentiert sind mindestens 1600 Fälle von Medikamentenversuchen (vor allem Largactil, Imipramin/Tofranil, Ketoimipramin, Maprotilin/Ludiomil sowie zahlreiche Derivate dieser Substanzen)
  • die Versuche deckten eine Zeitspanne von über 30 Jahren ab
  • im wichtigsten Versuch verbrauchte der Psychiater 20’000 Pillen und 1000 Ampullen – pro Monat. Zusammengerechnet verabreichte er seinen Patienten in diesem Jahresversuch mindestens 6 Kilogramm des Wirkstoffs
  • dokumentiert sind Versuche an schwer depressiven Schwangeren
  • Versuche an schwer Kranken

«Die Experimente des Dr. Kuhn», Beobachter 3/2014;

Heilsarmee lanciert Anlaufstelle

Drei Jahre nach den ersten Meldungen über denkwürdige Zustände in einem Kinderheim der Heilsarmee lanciert die Institution eine externe Anlaufstelle für Betroffene.

paradiesJetzt stellt sich auch die Heilsarmee ihrer eigenen Geschichte. Drei Jahre nachdem eine damals 82-jährige Frau im «Beobachter» über schreckliche Zustände und fragwürdige Strafmethoden im Kinderheim Paradies in Mettmenstetten ZH berichtet hatte, lanciert die Heilsarmee eine externe Anlaufstelle für Betroffene. Sie wolle «Menschen, denen in ihrer Kinder- und Jugendzeit in einer Heilsarmeeinstitution Unrecht geschehen ist, die Möglichkeit bieten, die Erlebnisse aufzuarbeiten», verkündet die Heilsarmee. Man wolle «betroffenen Menschen Gehör, Verständnis und Beratung anbieten und sich für das Verhalten und die erzieherischen Methoden früherer Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entschuldigen».

Als externe Anlaufstelle amtet Nico Vital, pensionierter Lehrer, Jugendpsychologe und langjähriger Leiter des Kinder- und Jugendheims Maiezyt in Wabern (Bern).

Externe Anlaufstelle für Betroffene in Einrichtungen der Heilsarmee:
c/o Nico Vital, Seestrasse 31, 2572 Mörigen
Telefon:  079 543 28 69

Die Heilsarmee betont, die Anlaufstelle arbeite neutral und unabhängig. Sie unterstehe der Schweigepflicht und behandle Informationen auch gegenüber der Heilsarmee «streng vertraulich».

Mit der Anlaufstelle erfüllt die Heilsarmee eine zentrale Forderung eines externen Beratungsbüros, das einen internen Bericht auswertete. Dieser interne Bericht war allerdings lediglich eine «Situationsanalyse» mit vier «Schlüsselpersonen» der Heilsarmee und einer Befragung von 29 pensionierten Offizieren und Leitungspersonen. Anschliessend war die Rede von drei Fällen, die auf «nicht korrektes Verhalten» hingewiesen hätten. Dem «Beobachter» hingegen waren über ein Dutzend Betroffene namentlich bekannt, die von schrecklichen Zuständen und drakonischen Strafen im Kinderheim «Paradies» berichteten. Aus den Schilderungen sind auch zwei Suizide dokumentiert, die mit dem Erlebten in diesem Heim im Zusammenhang stehen.

Zeitung rät bei spielenden Kindern: «hart durchgreifen»

Wenn Kinder nicht gehorchen, soll man «hart durchgreifen», empfiehlt das «Bieler Tagblatt». Das erinnert an eine längst vergangen geglaubte Zeit.

hartdurchgreifenDer Fall stammt nicht aus grauer Vorzeit. Und doch klingt der Rat der Lokalzeitung «Bieler Tagblatt» (Ausgabe 18. Juli 2013) an die 60er und 70er Jahre, als Behörden entschieden, wie man mit Kindern umgehen soll, wenn sie nicht gehorchen. In einem gross aufgemachten Artikel über Trampolin steht als Ratschlag: «Es muss ebenfalls hart durchgegriffen werden, wenn die Kinder trotz aller Warnungen zu zweit oder zu dritt hüpfen wollen.»

«Hart durchgreifen»? Was genau sich die Autorin unter diesem Ratschlag vorstellt, führt sie nicht weiter aus. «Hart durchgreifen» war einst ein oft  verwendeter Begriff von Vormundschaftsbehörden. Er findet sich in unzähligen Akten von Betroffenen so genannter «fürsorgerischer Zwangsmassnahmen» wieder.

Unter dieser Bezeichnung steckte der Staat bis Anfang der 80er Jahre tausende von Kindern und Jugendlichen zur «Nacherziehung» in Anstalten und Gefängnisse, platzierte sie in Waisenhäuser, auch wenn sie gar keine Waisen waren oder gab die Kinder gegen den Willen der Eltern zur Adoption frei. Oft reichte es, wenn die Kinder und Jugendlichen nicht parierten, so genannt «schwer erziehbar» oder «renitent» waren, in den Augen der Behörden ein «liederliches Leben» führten oder «arbeitsscheu» waren. Übrig geblieben aus dieser Zeit sind unzählige Frauen und Männer, die bis heute unter ihrer Geschichte leiden. Was diese weggesperrten, verdingten und Zwangsadoptierten unter «hart durchgreifen» in Erinnerung haben, lässt sich hier nachlesen.

Der Ratschlag, auf einem Trampolin dürften die Kinder nicht zu zweit oder zu dritt hüpfen, wirkt vor diesem Hintergrund wie aus einer anderen Zeit. Vermutlich will dieser Hinweis nur «das Beste» für sie. Doch: was genau ist eigentlich «das Beste» für ein Kind?

 

Fremdplatzierte bereiten Volksinitiative vor

Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen bereiten eine Volksinitiative vor. Sie befürchten, der Runde Tisch von Bundesrätin Simonetta Sommaruga werde zur Alibiübung.

fremdplatziertBetroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen verlieren die Geduld. Weil es nicht vorwärts geht in der Aufarbeitung und der Hilfe für Verding- und Heimkinder, Administrativ Versorgte, Zwangssterilisierte und Zwangsadoptierte wollen sie nun eine Volksinitiative lancieren, wie der «Beobachter» in seiner neusten Ausgabe berichtet.

«Falls der Runde Tisch nicht bis im Frühling 2014 zu greifbaren Resultaten kommt, wird die Guido-Fluri-Stiftung eine Volksinitiative lancieren», sagt Stiftungspräsident Guido Fluri. Der 46-jährige Unternehmer war als Kind selber fremdplatziert, jetzt engagiert er sich mit seiner Stiftung für die Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels Schweizer Sozialgeschichte. Für die Volksinitiative hat die Stiftung bereits eine Million Franken zurückgestellt, wie der «Beobachter» weiter schreibt.

Mit dem Gedenkanlass von diesem Frühjahr initiierte Bundesrätin Simonetta Sommaruga auch einen Runden Tisch. Hier diskutieren jetzt Zwangssterilisierte, Verding- und Heimkinder sowie Administrativ Versorgte und Zwangsadoptierte mit Behörden- und Kirchenvertreter sowie verschiedenen Verbänden und Historikern über die Aufarbeitung. Doch dieser Prozess kommt nur zögerlich voran, zwischen den Sitzungen vergehen jeweils Monate. Zentrale Forderungen der Betroffenen sind die konsequente historische Aufarbeitung sowie eine Entschädigung und einen Härtefallfonds. Bis heute leben zahlreiche Betroffene aufgrund ihrer traumatischen Kindheits- und Jugendjahren in seelischer und finanzieller Armut.

Das Interview mit Guido Fluri im Beobachter 14/2013.
 

Verdingt und weggesperrt: Eine Entschuldigung genügt nicht.

(Bildmontage: Walter Emmisberger)

Maturandin durchleuchtet Geschichte des Seraphischen Liebeswerkes

Die Maturaarbeit der 19-jährigen Aline Muller ist schwere Kost: Sie durchleutet die erniedrigenden Strafen und sexuellen Missbräuche im Kinderheim Courtepin FR des Seraphischen Liebeswerks in den 60er Jahren.

Drei Zeitzeugen interviewte die Maturandin Aline Muller aus dem freiburgischen Courtaman für ihre Arbeit, die Aussagen deckten sich in weiten Teilen, wie die Freiburger Nachrichten in ihrer Ausgabe vom 6. April 2013 berichten. Die ehemaligen Bewohner des Kinderheims in Courtepin erzählten ihr von drakonischen Strafen und sexuellem Missbrauch. Sie mussten stundenlang Bibeln auf den Händen tragen, Schläge mit dem Schlüsselbund erdulden und wurden unter die kalte Dusche gesteckt – als Folge für schlechte Schulnoten.

Ein Zeitzeuge berichtete der Maturandin auch, wie eine Nonne «fast jeden Abend einen Jungen zu sich ins Zimmer geholt» habe. Dort habe das Kind die Schwester «nach Läusen absuchen müssen» berichtet die Freiburger Nachrichten. «Lausen, wie bei den Affen», habe die Schwester zu den Kindern jeweils gesagt. Zuerst am Kopf, dann unter den Armen und besonders lang hätten die Kinder den Intimbereich der Nonne nach Läusen absuchen müssen.

Die Maturandin hat aber nicht nur Zeitzeugen befragt, sondern auch die offiziellen Publikationen der damaligen Kinderheim-Vernatwortlichen analysiert. Hier berichtete das Seraphische Liebeswerk von tollen Ferien, die «Spass» gemacht hätten, wie das Heim mit den Kindern nach Freiburg ins Kino gegangen sei oder in Murten den Zirkus Knie besucht habe. Die Eigendarstellung des Kinderhilfswerks des Kapuzinerordens kontrastiert allerdings gravierend mit den Erinnerungen der Betroffenen, hält die Maturandin fest.

Den Bericht der Freiburger Nachrichten (KinderheimCourtepin).

Hinweis: Informationsabend zum Alltag im Kinderheim Courtepin von Maturandin Aline Muller.
Ort: Altersheim Home St-François, Le Centre 1, Courtepin FR (19.30 Uhr auf Französisch; 20.30 Uhr auf Deutsch).

Entschuldigung kann nur der erste Schritt sein

Jahrelang mussten sich tausende von Frauen und Männern dafür rechtfertigen, dass sie als Kinder und Jugendliche in Heimen, Anstalten und Gefängnissen versorgt waren. Jetzt sollen sie mit einem öffentlichen Anlass in Bern zumindest symbolische Genugtuung erfahren. Reicht das?

10-10-titelbildSie wurden im Kinderheim von Nonnen geschlagen, von Heimleitern missbraucht, sie wurden verdingt, in Anstalten versorgt oder sogar zur «Nacherziehung» in Gefängnissen gesteckt – ohne jemals von einem Gericht verurteilt worden zu sein. Sie landeten in Hindelbank (BE), in Bellechasse (FR), auf dem Tessenberg (BE) und mussten sich ein Leben lang dafür rechtfertigen. Ihr einziger Makel war: Sie oder ihre Eltern waren angeblich «arbeitsscheu» oder führten ein «liederliches Leben». Wurden Frauen unverheiratet schanger, wurden sie zwangssterilisiert, machmal ohne ihr Wissen. Oder die Behörde nahm ihnen die Kinder weg, oft ohne sie zu fragen.

Die Betroffenen dieser fürsorgerischen Zwangsmassnahmen sind längst 60, 70 oder gar über 80-jährig. Viele sind bis heute nicht über diese Ungerechtigkeiten hinweggekommen, sie fanden sich im späteren Leben nie zurecht und sind daran seelisch zerbrochen. Jetzt sollen diese Betroffenen Gerechtigkeit erfahren. Mit einem offiziellen Gedenkanlass für Verdingkinder, Heimkinder, administrativ Versorgte und Zwangssterilisierte will Bundesrätin Simonetta Sommaruga und wichtige Verbände sowie die Landeskirchen am 11. April 2013 im Kulturcasino Bern das Leid dieser Personen anerkennen. Dieser Gedenkanlass ist öffentlich, die Einladung findet sich hier (Einladung_Gedenkanlass_Deutsch).

Für viele Betroffene solcher fürsorgerischer Zwangsmassnahmen ist alleine dieser Gedenkanlass eine Genugtuung. Doch ebenso klar ist: Nur mit einer offiziellen Entschuldigung ist es nicht getan. Dieser Anlass kann nur der erste Schritt sein in einer umfassenden Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels des Schweizer Sozialstaats. Es braucht eine breite historische Aufarbeitung, wie es beispielsweise das geplante Gesetz zur Rehabilitierung der administrativ Versorgten vorsieht. Nicht vom Tisch ist auch die Rehabilitierung der Zwangssterilisierten, die bereits vor einigen Jahren geplant war, dann aber vom Parlament als fertige Gesetzesvorlage schubladisiert wurde. Und schliesslich wird die Schweiz auch nicht darum herum kommen, Betroffenen finanzielle Widergutmachung zu leisten. Sei es auch nur in Form eines Härtefall-Fonds.

«Schöne Worte genügen uns nicht»; Verdingkinder und Zwangssterilisierte leiden noch heute – ein Hilfsfonds muss her. Beobachter 21/2011.

 

Wer genau war Opfer, wer Täter?

Angenommen, Sie müssten als externe Untersuchungskommission abklären, was hinter den Vorwürfen früherer Heimkinder steckt. Diese erzählen, sie seien jahrelang gedemütigt worden, hätten unwürdige und von Gewalt geprägte Strafen über sich ergehen lassen müssen oder seien sogar sexuell missbraucht worden («Dünkeln und duschen» im Kinderheim «Maria hilf» Laufen)

Frage: Wie würden Sie den Titel dieses Berichts wählen?

  1. «Aufarbeitung von Missständen in Kinderheimen des Klosters Ingenbohl»
  2. «Ingenbohler Schwestern in Kinderheimen»

Aufgrund der Betrachtungsweise können Sie nun entweder die Opfer der damaligen Erziehungsverantwortlichen thematisieren oder aber auch die aufopfernde Arbeit der Nonnen würdigen. Zusammenfassend können Sie dann das grosse Wort «Gerechtigkeit» darüber stellen.

Lösungshinweis: Bei der Präsentation des Berichts betonte der Wettinger Notar und Kommissionspräsident Magnus Küng, man dürfe «im Sinn einer differenzierten Betrachtungsweise den institutionellen Gesamtkontext nicht ausser Acht» lassen. Alles klar?

Machen Sie sich ein Bild von der Betrachtungsweise der vom Kloster Ingenbohl eingesetzten externen Untersuchungskommission. (Schlussbericht Expertenkommission 230113)