Fremdplatziert: Die Macht der Akten

StadtarchivDie Stadt Bern beteiligt sich aktiv an der Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und hilft Verdingkindern und einstmals fremdplatzierten Kindern, ihre Geschichte aufzuarbeiten. Mit der Ausstellung im Kornhausforum «Auf der Suche nach der eigenen Geschichte» ermöglicht das Stadtarchiv zudem der Bevölkerung einen Einblick in Fürsorgeakten. Anhand zweier Fürsorgedossiers dokumentiert das Archiv die Folgen der damaligen Armenpolitik auf das alltägliche Leben von armengenössigen Familien. Die Dokumente stammen aus dem Fundus von rund 30’000 Personendossiers der einstigen städtischen Fürsorgedirektion aus den Jahren 1920 bis 1960. Nur durch einen Glücksfall sind sie überhaupt erhalten geblieben. Eigentlich werden im Kanton Bern Sozialhilfeakten 15 Jahre nachdem die Leistungen eingestellt wurden vernichtet. In den 1990er Jahren entschied sich aber der damalige Fürsorgedirektor und spätere Stadtpräsident Klaus Baumgartner, die Akten aufgrund ihrer gesellschaftspolitischen Bedeutung zu erhalten.

«Auf der Suche nach der eigenen Geschichte»; Fremdplatzierungen in Bern 1920 – 1960; Ausstellung im Kornhhausforum; 25. März 2015 bis 25. April 2015 (Vernissage: 24. März 2015; 19 Uhr),

«Die Macht der Akten», 7. April 2015; 19 Uhr. Eine Lesung aus Akten der Zeit fürsorgerischer Zwangsmassnahmen mit Schriftsteller Lukas Hartmann und Regierungsrat Christoph Neuhaus.

Podiumsgespräch, 7. April 2015 (im Anschluss an die Lesung) mit Guido Fluri, Lukas Hartmann (Schriftsteller), Christoph Neuhaus (Regierungsrat), Loretta Seglias (Historikerin). Moderation: Otto Hostettler (Beobachter).

 

Hintergrund zum Thema: «Verdingt, versorgt vergessen» – eine Online-Reportage.

 

 

Fremdplatzierte bereiten Volksinitiative vor

Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen bereiten eine Volksinitiative vor. Sie befürchten, der Runde Tisch von Bundesrätin Simonetta Sommaruga werde zur Alibiübung.

fremdplatziertBetroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen verlieren die Geduld. Weil es nicht vorwärts geht in der Aufarbeitung und der Hilfe für Verding- und Heimkinder, Administrativ Versorgte, Zwangssterilisierte und Zwangsadoptierte wollen sie nun eine Volksinitiative lancieren, wie der «Beobachter» in seiner neusten Ausgabe berichtet.

«Falls der Runde Tisch nicht bis im Frühling 2014 zu greifbaren Resultaten kommt, wird die Guido-Fluri-Stiftung eine Volksinitiative lancieren», sagt Stiftungspräsident Guido Fluri. Der 46-jährige Unternehmer war als Kind selber fremdplatziert, jetzt engagiert er sich mit seiner Stiftung für die Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels Schweizer Sozialgeschichte. Für die Volksinitiative hat die Stiftung bereits eine Million Franken zurückgestellt, wie der «Beobachter» weiter schreibt.

Mit dem Gedenkanlass von diesem Frühjahr initiierte Bundesrätin Simonetta Sommaruga auch einen Runden Tisch. Hier diskutieren jetzt Zwangssterilisierte, Verding- und Heimkinder sowie Administrativ Versorgte und Zwangsadoptierte mit Behörden- und Kirchenvertreter sowie verschiedenen Verbänden und Historikern über die Aufarbeitung. Doch dieser Prozess kommt nur zögerlich voran, zwischen den Sitzungen vergehen jeweils Monate. Zentrale Forderungen der Betroffenen sind die konsequente historische Aufarbeitung sowie eine Entschädigung und einen Härtefallfonds. Bis heute leben zahlreiche Betroffene aufgrund ihrer traumatischen Kindheits- und Jugendjahren in seelischer und finanzieller Armut.

Das Interview mit Guido Fluri im Beobachter 14/2013.
 

Verdingt und weggesperrt: Eine Entschuldigung genügt nicht.

(Bildmontage: Walter Emmisberger)

Wer genau war Opfer, wer Täter?

Angenommen, Sie müssten als externe Untersuchungskommission abklären, was hinter den Vorwürfen früherer Heimkinder steckt. Diese erzählen, sie seien jahrelang gedemütigt worden, hätten unwürdige und von Gewalt geprägte Strafen über sich ergehen lassen müssen oder seien sogar sexuell missbraucht worden («Dünkeln und duschen» im Kinderheim «Maria hilf» Laufen)

Frage: Wie würden Sie den Titel dieses Berichts wählen?

  1. «Aufarbeitung von Missständen in Kinderheimen des Klosters Ingenbohl»
  2. «Ingenbohler Schwestern in Kinderheimen»

Aufgrund der Betrachtungsweise können Sie nun entweder die Opfer der damaligen Erziehungsverantwortlichen thematisieren oder aber auch die aufopfernde Arbeit der Nonnen würdigen. Zusammenfassend können Sie dann das grosse Wort «Gerechtigkeit» darüber stellen.

Lösungshinweis: Bei der Präsentation des Berichts betonte der Wettinger Notar und Kommissionspräsident Magnus Küng, man dürfe «im Sinn einer differenzierten Betrachtungsweise den institutionellen Gesamtkontext nicht ausser Acht» lassen. Alles klar?

Machen Sie sich ein Bild von der Betrachtungsweise der vom Kloster Ingenbohl eingesetzten externen Untersuchungskommission. (Schlussbericht Expertenkommission 230113)