Ein Staubsauger namens Facebook

Die benutzerorientierte Werbung erreicht neue Qualitäten: Offensichtlich wertet Facebook auch aus, was Nutzer sonst noch so auf dem Computer schreiben.

FB-InseratNeulich im Eigenversuch festgestellt: Auf der Verkaufsplattform Ricardo suchte ich nach Snowboards. Kurze Zeit später ein Klick zu Facebook. Und siehe da: Am rechten Rand erscheint die bezahlte Werbung der Auktionsplattform. Solche benutzerdefinierte Werbung kennt man auch von Google. Wer über sein Gmail-Konto jemandem beispielsweise eine Nachricht schreibt und über die Euro-Krise in Griechenland schreibt, wundert sich längst nicht mehr über die Hotel-Annoncen.

Der neuste Eigenversuch war nicht geplant: Ich schreibe an einem Text im Programm von Open Office, der Inhalt dreht sich um den Begriff Stammbaum. Minuten später ein Klick auf Facebook. Und siehe da: Am rechten Rand erscheint bezahlte Werbung von einem kommerziellen Anbieter genealogischer Dienstleistungen. Dazu der Text: «Erstelle kostenlos deinen Stammbaum und erfahre mehr über deine Familiengeschichte:»

Die Frage drängt sich auf: Ist das nur Zufall? Was weiss Facebook eigentlich von mir? Was wertet Facebook aus? Wie funktioniert dieser Staubsauger?

Haben auch Sie solche Zusammenhänge beobachtet? Meldung bitte an: otto.hostettler@beobachter.ch

Spuren im Netz: Verhängnisvoll ist, was wir vergessen haben

Ein spannendes Experiment: Was findet man über eine x-beliebige Person heraus, nur aufgrund von allgemein zugänglichen Daten im Internet? Also beispielsweise in den zahlreichen sozialen Netzwerken? Mein Beobachter-Kollegen Thomas Angeli und ich haben uns im weltweiten Datenmeer drei Personen herausgefischt und diese – mit ihrem Einverständnis – analysiert. Mit gängigen Recherchemethoden und gratis erhältlichen Auswertungstools. Unter den Zielpersonen war eine Bernerin, die seit Jahren anonym einen Blog betreibt, ein IT-Projektleiter und ein Online-Redaktor.

Diese Recherche führte zu drei Erkenntnissen:

  1. Wer glaubt, sich anonym im Netz bewegen zu können, irrt.
  2. Wer sein privates Leben für sich behalten will und trotzdem soziale Plattformen nutzt, muss sich sehr, sehr, sehr grosse Mühe geben. Und noch so gibt man mehr preis als man denkt.
  3. Verhängnisvoll werden jene Veröffentlichungen, von denen wir vergessen haben, dass es sie gibt.

Solche Sachen haben wir über die Versuchspersonen herausgefunden:

  • wo sie in den letzten Jahren gewohnt haben
  • mit wem sie in den letzten Jahren gewohnt haben
  • wann sie wo (mit wem) Ferien gemacht haben
  • wie sie leben
  • was sie essen
  • was sie trinken
  • was sie lesen
  • auf welchem Sofa sie sitzen
  • wie ihre Katzen heissen
  • welche Musik sie hören
  • welche Turnschuhe sie gerne kaufen möchten
  • was für ein Handy sie besitzen
  • etc, etc, etc.

Die anonyme Bloggerin, die wir aufgrund der Fülle an Details zusätzlich anonymisieren mussten, meinte am Schluss des Experiments: «Jetzt werde ich endgültig paranoid.»

Den ganzen Beobachter-Artikel findet sich hier: «Die Datenjäger jagen auch Sie»

Ich werde Shawne Fielding nicht los

Shawne Fielding hängt an mir – ich habe gar keine andere Wahl: Ich muss ihr Freund bleiben.

Das kam so: Als ich das soziale Netzwerk Facebook zu erkunden begann, wollte ich auch Spass haben. Ein Arbeitskollege empfahl mir, Shawne Fielding als Freundin zu kontaktieren, das sei vielversprechend. Der Spass war tatsächlich garantiert. Mehrmals täglich erhielt ich ihre Statusmeldungen, erfuhr, dass sie im Flughafen darauf wartete, endlich ins Flugzeug nach New York steigen zu können. Sie teilte mir mit, dass sie gelandet sei, sie stellte ein Video online, auf dem sie im Cabrio durch Manhattan fuhr und aus dem Auto filmend knackige Velofahrer anflirtete. Sie zeigte auch, wie sie mit ihrem Golflehrer das Einlochen übte.

Das ging Tag für Tag so weiter, bis sie wieder zu Hause war und im Bademantel, das Cüpli in der Hand, durch die Wohnung schwebte und dazu in die Kamera hauchte: «Das Leben ist wunderbar.»

Shawne wurde mir plötzlich zu viel. So genau wollte ich gar nicht über ihr Leben Bescheid wissen. Ich machte, was in der Facebook-Szene verpönt ist: Ich kündigte ihr meine Freundschaft. Die Funktion heisst «Verbindung entfernen» (und war fast nicht zu finden). Das Gute an dieser Funktion: Shawne merkte nicht, dass ich ihr die Freundschaft gekündigt hatte – ausser sie hätte ihre Freundesliste aufgerufen, meinen Namen ins Suchfeld gegeben und festgestellt: «Mist, der Otto ist nicht mehr mein Freund.» Aber ich gehe davon aus, dass sie dazu keinen Anlass hatte.

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Item, Shawne ging vergessen, wir lebten uns auseinander. Monate später, ich las in Klatschspalten über ihre innerehelichen Probleme, löschte sie ihr eigenes Facebook-Profil. Sie zog sich damals aus dem öffentlichen Leben zurück. Doch lange hielt die einstige Miss Texas, die als Botschaftergattin in Berlin ganz in Weiss durch die Schweizer Vertretung ritt, das nicht aus. Eines schönen Abends, ich war gwundrig, wie mein Uralt-Kollege Tschanz mit seinem Vater auf dem Töff durch die USA tourte und via Facebook Bilder nach Hause schickte, erhielt ich eine «Freundschaftsanfrage» eingeblendet. Von Shawne Fielding!

Damit das klar ist: Shawne und ich haben nie ein Wort miteinander gewechselt, nie eine E-Mail-Nachricht ausgetauscht, nie eine SMS geschrieben. Hat sie tatsächlich, kaum hatte sie sich wieder ein Facebook-Profil angelegt, meinen Namen in die Suchmaske getippt, um mich als verlorengegangenen Freund wieder zu sich zu nehmen? Wohl kaum. Oder hatte sie irgendwo sämtliche früheren Angaben gespeichert und liess sich diese alle wieder herstellen? Eher unwahrscheinlich. Es muss so gelaufen sein: Shawne Fielding hat die Facebook-Funktion «automatischer Freundefinder» aktiviert. Damit liess sie in den Tiefen der Facebook-Server alle jemals gespeicherten Daten durchforsten und kramte dabei auch meine Angaben wieder hervor.

Ich habe die Freundschaftsanfrage von Shawne abgelehnt, «ignoriert» heisst das in der Facebook-Sprache. Das war vor ein paar Wochen. Jetzt die Ernüchterung: Einer Arbeitskollegin will ich das narzisstische Profil von Shawne Fielding zeigen – und entdecke mich als ihr Freund. Einer von 4938. Aber mit Bild auf ihrer Startseite.

Ich bin gespannt, welche Freundschaft mir Facebook als Nächstes aufdrängt. Vielleicht wird man mir aber auch gleich den Entscheid abnehmen und per Statusmeldung mitteilen: «Du bist jetzt mit Françine Jordi befreundet.» Oder Facebook könnte eine neue Funktion kreieren: «Michelle Hunziker möchte um deine Hand anhalten.» Klick, und schon ist man verheiratet.

Google: da lacht ja das Pferd

 Der Internet-Such-Gigant Google kann fast alles liefern: Nur mit Informationen, die ihn selber betreffen, hat er etwas Mühe.

Horse_blurIn Deutschland laufen ganze Ortschaften Sturm gegen das Google-Digitalisierungsprojekt Street-View. Mit den Autos, deren Fotoapparate-Aufbauten aussehen wie Sirenen-Lautsprecher, fotografiert Google derzeit landauf-landab Strassenzüge. In der Schweiz blieb der breite Protest aus. Trotzdem will sich Google hier nicht in die Karten blicken lassen: Eine Anfrage des Beobachters, in einem Google-Street-View-Auto mizufahren, blockte Google-Schweiz unter fadenscheinigen Gründen ab.

Vor Tagen machte nun die Meldung die Runde, der Internetgigant müsse auf Geheiss des Datenschützers im Vorfeld seiner Foto-Fahrten der Schweizer Öffentlichkeit ankünden, wo geknipst werde. Denn wer sein Haus nicht fotografiert haben möchte, könnte dies bei Google melden – zumindest theoretisch. Die Praxis sieht anders aus: Die Informationen über Street-View Schweiz sind dürftig. Über die anstehenden Foto-Touren ist nichts zu erfahren.

Anders in Deutschland: Hier informiert eine Webseite, wann in welcher Stadt gefilmt wird. Die Pressestelle schliesslich zeigt, wie sich der Konzern die Information der Öffentlichkeit hierzulande vorstellt. Kurz, knapp – aber leider wenig transparent. Dem Beobachter teilt der Google-Sprecher mit: „Die Ankündigung der Foto-Aufnahmen für Street-View in der Schweiz fand bereits im März dieses Jahres statt (Kantone Bern, Zürich und Genf)“. Punkt.

Sprich: Jedermann muss seit diesen Frühling mehr oder weniger in der ganzen Deutschschweiz damit rechnen, von Google fotografiert und für immer gespeichert zu werden. Auch wenn Google immer wieder betont, Gesichter würden automatisch unkenntlich gemacht, die Originalbilder werden weiterhin aufbewahrt, wie der hauseigene Datenschützer Peter Fleischer in einem Blog-Beitrag schreibt.

Weshalb? Für den Fall der Fälle, dass ein Programm falsche Stellen unkenntlich macht. So wie in New York, als das Programm ein Pferd im Central Park mit einem Menschen verwechselte und den Tierkopf unkenntlich machte. Zum Glück konnten die Originaldaten hervorgeholt werden, sonst hätte das arme Pferd nämlich nur noch anonym über die Bildschirme traben dürfen.

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