AKW Mühleberg: Von Rissen darf keiner wissen

© Beobachter 2009

Die Risse im Kernmantel des bald 40-jährigen AKW Mühleberg werden immer grösser. Trotzdem will man eine unbefristete Betriebsbewilligung – und hält die Sicherheitsberichte unter dem Deckel. Ein solcher Bericht enthält brisante Informationen.

Dieses Mal ist alles anders: Die halbstaatliche Betreiberfirma BKW will nicht öffentlich Rechenschaft ab­­legen über massgebliche Sicherheitsfragen des Atomkraftwerks Mühleberg. Obschon sie für das fast 40-jährige AKW derzeit vom Bund eine unbefristete Betriebsbewilligung verlangt, bleibt ein umfassender Sicherheits­bericht unter Verschluss. Eigenartig: Der letzte solche Bericht («SIB 89») war noch öffentlich, genauso wie die entsprechenden Berichte anderer Schweizer Atomanlagen.

Dabei birgt eine vertrauliche Expertise der BKW von 2007, die dem Beobachter vorliegt, brisante Details zu den Rissen an den Schweissnähten des Kernmantels. Diese waren vor bald 20 Jahren entdeckt worden. In einer aufwendigen Reparatur wurden Mitte der neunziger Jahre vier Zuganker als Klammern um den Kernmantel gebaut. Als die BKW vor zehn Jahren eine unbefristete Bewilligung verlangte (und nur eine befristete erhielt), liess Bundesrat Moritz Leuenberger bei der deutschen Prüfanstalt TÜV eine Expertise über mögliche Folgen der Risse erstellen. Der TÜV kam – damals – zum Schluss, die Risse seien kein Sicherheitsrisiko.

Den riesigen ­Klam­mern zum Trotz – der 157 Seiten starke vertrauliche BKW-Bericht belegt das Ausmass einer beunruhigenden Entwick­lung: Die am stärksten betroffene hori­zon­tale Schweissnaht Nummer elf weist inzwischen neun Risse auf, die sich gesamthaft über 2,4 Meter erstrecken – also fast über einen Viertel des Umfangs des Kernmantels.

Der längste dieser Risse misst 91 Zentimeter. Vor zehn Jahren war der längste noch 48 Zentimeter lang, die Gesamtlänge aller Risse nicht einmal halb so gross wie heute. Der tiefste Spalt misst gemäss der nie ver­öffentlichten Expertise 2,4 Zentimeter. Er durchdringt die 3,1 Zentimeter dicke Wand des Kernmantels um mehr als zwei Drittel.

Ein Blechteil fällt in den Reaktorkern

Über die Risse möchte die BKW am liebsten gar nicht sprechen. Gegenüber dem Beobach­ter heisst es nur, die am stärksten betroffene Schweissnaht sei zu «72 Prozent intakt». Sprich: Sie ist zu mehr als einem Viertel nicht «intakt». Irritierend: Die Aufsichtsbehörde Ensi ­(Eidgenössi­sches Nuklearsicherheitsinspektorat) hält in ihrem Jahresbericht summarisch fest, die Risse hätten «keinen Ein­fluss auf den sicheren Betrieb der Anlage».

Doch im AKW Mühleberg gibt es noch andere Probleme. Auch an der Kernsprüh­leitung sind Risse aufgetaucht. Und aus der Pendenzenliste der Aufsichts­behörde geht hervor, dass sogar der Ablauf der Morgen­sitzung im AKW zu wünschen übrig lässt.

Die Hintergründe der Vorfälle im AKW muss man sich aus den verschiedenen Publikationen der Aufsichtsbehörde zusammentragen: So ereignete sich beispielsweise während der Jahresrevision im August 2007 bei der sogenannten Brennelement-Wechselmaschine (einer Art Kran im Reaktorgebäude) eine denkwürdige Panne. Bei einem Test öffnete sich fälschlicherweise ein Greifer, so dass ein Kasten mit gebrauchten Brennelementen auf den Boden des Brennelement­beckens «abrutschte». Im Aufsichtsbericht heisst es dazu lapidar, zwei Luftschläuche seien vertauscht angeschlossen – und das Versehen bei der Funktionskontrolle über­sehen worden.

Wenige Tage später Phase zwei im Wechselmaschinendebakel: Das frisch sanierte Gerät wird über dem offenen Reaktor ausprobiert. Just zum Zeitpunkt, da mit dem Kran die Brennelemente in den Reaktorkern eingesetzt werden, löst sich ein Blechteil von der Maschine – das gute Stück entschwindet im Reaktorkern. Im Aufsichtsbericht heisst es beschwichtigend: «Das Teil konnte nicht geborgen werden. Es wurde jedoch nach­gewiesen, dass der Verlust dieses Kleinteils die Sicherheit der Anlage nicht gefährdet.»

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Strompreise: Die faulen Tricks der Stromkonzerne

© Beobachter 2009

Ab dem 1. Januar gilt beim Strom der freie Markt. Resultat: Er wird für alle teurer. Dafür sorgen die Konzerne mit allen Mitteln. Denn eigentlich würden sie den Strom lieber ins Ausland verkaufen.

Der freie Strommarkt wird am 1. Januar 2009 mit einer Panne beginnen: Weil der Bundesrat in letzter Minute Massnahmen verfügte, um die happigen Preisaufschläge abzufedern, müssen die rund 900 Stromversorger gegen ihren Willen die Tarife neu berechnen. Erst im Frühling wird klar, wie stark die Preise steigen.

Dass der freie Markt höhere statt tiefere Preise bescheren wird, zeichnete sich bereits im Sommer ab. Über 2500 Personen haben inzwischen ihrem Ärger Luft gemacht und sich bei der neuen Regulationsbehörde Elcom (Elektrizitätskommission) beklagt. Haushalte müssen davon ausgehen, dass ihr Strom 10, 20 oder noch mehr Prozent teurer wird, Firmen klagen teils über Preiserhöhungen von 70 Prozent.

Während Haushalte bis auf weiteres von ihrem bisherigen Monopolanbieter abhängig bleiben, können Grossbezüger mit über 100’000 Kilowattstunden Jahresverbrauch den Lieferanten neu selber wählen. Zumindest theoretisch. In der Praxis funktioniert für viele der Markt nicht. Mehrere Grosskunden berichten dem Beobachter, weshalb sie den Strom wohl oder übel auch künftig vom bisherigen Monopollieferanten beziehen werden: Anfragen für Stromofferten blieben entweder unbeantwortet, oder aber der Preis fiel derart hoch aus, dass ein Vertragsabschluss nicht in Frage kam. «Mondpreise» nennt sich im Jargon ein solch überhöhtes Tarifangebot. Die betroffenen Firmen sprechen von kartellähnlichen Absprachen. Das Energieunternehmen Axpo bestreitet hingegen den Vorwurf: «Die wenigsten Schweizer Stromproduzenten haben genügend Strom, um neue Kunden ausserhalb der traditionellen Stammgebiete beliefern zu können», sagt Pressesprecherin Anahid Rickmann.

Im Ausland ist noch mehr Geld zu holen

Zudem: In mindestens zwei Fällen liessen hochrangige Vertreter von Stromkonzernen während Verhandlungen mit möglichen Kunden sogar unverblümt durchblicken, dass Schweizer Firmen als Kunden künftig gar nicht mehr attraktiv seien. Denn mit jedem Kunden, der hierzulande wegfalle, könne der frei werdende Strom auf dem internationalen Markt verkauft werden – natürlich zu höheren Preisen.

Viele Stromfirmen haben dank dem hochrentablen Stromgeschäft die Investitionen für das Netz weitgehend abschreiben können. Sprich: Die Konsumenten haben über ihre Rechnungen auch den Bau der Leitungen finanziert. Bei der Übergabe der Netze an die Swissgrid haben nun aber die Stromfirmen den Wert der Leitungen neu errechnet. Sie argumentieren, die Akten über den Bau und die Amortisation der Netze seien nicht mehr vorhanden. Folge: Die Leitungen werden ein zweites Mal amortisiert – erneut auf Kosten der Kunden.

Weiterlesen im Beobachter 26/08

(Bild: Jupiterimages)

Dreckige Kohlekraft – Bern heizt kräftig mit

© Beobachter 2008/Otto Hostettler

Der «rot-grüne» Kanton Bern will den Atomausstieg und setzt auf erneuerbare Energien. Ausgerechnet der kantonseigene Konzern BKW macht das Gegenteil: Er investiert Milliarden in schmutzige deutsche Steinkohlekraftwerke.

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Auch das modernste Steinkohlekraftwerk ist noch eine Dreckschleuder: Fünf Millionen Tonnen des klimaschädigenden CO2 wird das Kraftwerk im norddeutschen Dörpen dereinst pro Jahr in die Luft verpuffen. Hinter dem Projekt steht der halbstaatliche bernische Energiekonzern BKW Energie AG. Weil die BKW mit dem hochrentablen Stromgeschäft in den letzten Jahren Eigenkapital und Rückstellungen in Milliardenhöhe bilden konnte, geht der Konzern nun international auf Einkaufstour: Neben den 1,6 Milliarden Franken für das Steinkohlekraftwerk in Dörpen steckt die BKW rund 700 Millionen Franken in eine Beteiligung an einem Steinkohlekraftwerk der belgischen Electrabel in Wilhelmshaven.
Damit nicht genug: Die BKW hat in aller Stille ein Projekt für ein drittes Steinkohlekraftwerk weit voran getrieben, wie Recherchen des Beobachters zeigen. In Nordenham, rund 30 Kilometer von Wilhelmshaven entfernt und ebenfalls in unmittelbarer Nähe der Nordsee, bereitete die BKW während mehrerer Monate ein weiteres, zwei Milliarden Franken teures Projekt vor. Gegenüber dem Beobachter bezeichnete die BKW die Pläne als «Gerüchte».

Doch vor Ort war das Vorhaben der BKW seit Wochen alles andere als ein Gerücht. Weil in der Kleinstadt Nordenham Bürgermeister-Wahlkampf herrschte, wurde heftig über die Pläne der BKW diskutiert. Erst Mitte dieser Woche teilten der neu gewählte Bürgermeister Hans Francksen ein erklärter Gegner des Projekts – zusammen mit dem örtlichen Wirtschaftsförderer mit, die BKW habe ihr Projekt zurückgezogen.

Auch wenn sich die BKW nun aus dem Projekt in Nordenham trotz weit gediehener Vorarbeiten kurzerhand zurückzieht: Ihre Investitionen in deutsche Steinkohlekraftwerke summieren sich nach wie vor auf über zwei Milliarden Franken. Und kostspielige Pläne hat die BKW auch für die Schweiz: BKW und Axpo, der Energiekonzern der Nordost- und Zentralschweiz, wollen in Mühleberg und Beznau je ein neues Atomkraftwerk bauen. Beide AKWs sollen dereinst je fünfmal mehr Strom liefern als der heutige BKW-Reaktor in Mühleberg. Dafür rechnet der bernische Energiekonzern für sich mit Kosten von drei bis vier Milliarden Franken.

Weiterlesen im Beobachter 4/2008