Ein Staubsauger namens Facebook

Die benutzerorientierte Werbung erreicht neue Qualitäten: Offensichtlich wertet Facebook auch aus, was Nutzer sonst noch so auf dem Computer schreiben.

FB-InseratNeulich im Eigenversuch festgestellt: Auf der Verkaufsplattform Ricardo suchte ich nach Snowboards. Kurze Zeit später ein Klick zu Facebook. Und siehe da: Am rechten Rand erscheint die bezahlte Werbung der Auktionsplattform. Solche benutzerdefinierte Werbung kennt man auch von Google. Wer über sein Gmail-Konto jemandem beispielsweise eine Nachricht schreibt und über die Euro-Krise in Griechenland schreibt, wundert sich längst nicht mehr über die Hotel-Annoncen.

Der neuste Eigenversuch war nicht geplant: Ich schreibe an einem Text im Programm von Open Office, der Inhalt dreht sich um den Begriff Stammbaum. Minuten später ein Klick auf Facebook. Und siehe da: Am rechten Rand erscheint bezahlte Werbung von einem kommerziellen Anbieter genealogischer Dienstleistungen. Dazu der Text: «Erstelle kostenlos deinen Stammbaum und erfahre mehr über deine Familiengeschichte:»

Die Frage drängt sich auf: Ist das nur Zufall? Was weiss Facebook eigentlich von mir? Was wertet Facebook aus? Wie funktioniert dieser Staubsauger?

Haben auch Sie solche Zusammenhänge beobachtet? Meldung bitte an: otto.hostettler@beobachter.ch

Nationalrat bremst bei der Transparenz von Parteispenden

Die Schweiz wird sich weiterhin von internationalen Gremien für die intransparente Parteienfinanzierung kritisieren lassen müssen: Die Rechtskommission des Nationalrats will den Schleier nur einen Spalt breit öffnen.

In der Schweiz haben es Bemühungen für mehr Transparenz bei Parteispenden weiterhin schwer. Nach wie vor herrscht im Gegensatz zu anderen Ländern weitgehend Unkenntnis darüber, wenn Unternehmen Politiker, Parteien oder Kampagnen finanzieren. Neuster Rückschlag im Bestreben nach mehr Transparenz: Die vorberatende Kommission für Rechtsfragen des Nationarats lehnt eine parlamentarische Initiaitve des parteilosen Schaffhauser Ständerats Thomas Minder ab. Minder fordert, börsenkotierte Unternehmen und Unternehmen der öffenlichen Hand müssten finanzielle Zuwendungen an Parteien, Verbände und Kampagne in ihren Geschäftsberichten offen legen. Für Spenden über 10’000 Franken verlangt Minder sogar, dass die Empfänger detailliert veröffentlicht werden.

Während die Rechtskommission des Ständerats Minders Forderung letztes Jahr noch zustimmte, unterlag er nun in der Rechtskommission des Nationalrats knapp: Mit 10 gegen 9 Stimmen (bei fünf Enthaltungen) stellt sich das Gremium dagegen. Stattdessen will er einen eigenen Vorschlag ausarbeiten. Demnach sollen lediglich Firmen, die mehrheitlich im Besitz der öffentlichen Hand sind, Spenden an politische Einzelakteure, Parteien und Organisationen offen legen müssen. Mit dieser Regelung müssten immerhin Unternehmen wie beispielsweise Swisscom, SBB, Post oder auch die halbstaatlichen Stromkonzerne ihre Geldzuschüsse an politische Akteure und Organisationen veröffentlichen.

Mit diesem Entschei steht die Schweiz international weiterhin abseits. Wegen der intransparenten Regelung wird die Schweiz seit Jahren immer wieder von internationalen Gremien kritisiert, etwa von der Antikorruptionsbehörde Greco.

Smart Meter: wer genau «floppt» in Luzern?

«Intelligente Stromzähler floppen» berichten mehrere Zeitungen zu einem Versuch des halbstaatlichen Energiekonzerns CKW. Der erhoffte Spareffekt sei bescheiden. Doch die Frage drängt sich auf: wer genau «floppt» da?

imagesDie Axpo-Tochter CKW zog nach 3,5-jährigem Test im Kanton Luzern mit 1000 so genannten intelligenten Stromzählern ein ernüchterndes Fazit: «Für die grosse Mehrheit der Kunden sind die Stromspareffekte und der Nutzen von Smart Meter gering.» Der neuartige Zähler, der über ein Display im Haushalt den aktuellen Stromverbrauch anzeigt, würde sich nur für jene Kunden lohnen, die hochmotiviert seien und sich mit ihrer Energieeffizienz auseinander setzen würden. «Der intelligente Zähler allein spart noch keinen Strom», schreibt die CKW in einer Medienmitteilung.

Fazit des 3-Millionen Franken teuren Pilotprojekts: Die CKW setzt künftig auf Energiesparmassnahmen, «die sich für alle Kunden lohnen» würden. Denn gemäss Angaben der CKW hat die live-Information über den eigenen Stromverbrauch nur einer kleinen Gruppe von interessierten Haushalten Einsparungen gebracht. Im Durchschnitt würden diese lediglich 3 Prozent Strom sparen, umgerechnet 30 Franken pro Jahr.

Wie genau beispielsweise die Luzerner Zeitung und die Berner Zeitung darauf kommen, dass Smart Meter «floppen», ist ein Rätsel. Die Meldung stammt von der Schweizerischen Depeschenagentur (sda), den Begriff «Flop» verwendete die CKW nicht, dürfte also von der sda stammen. Der Verdacht liegt nahe: Die Tonalität der Pressemeldungen sind ganz im Sinn der CKW. Denn mit dieser Interpretation des Pilotversuches kann sich die CKW getrost zurück lehnen, denn offensichtlich drängen sich nach diesem Versuch keine Investitionen in solche Geräte auf.

Dabei geht allerdings Folgendes vergessen: Nicht die neuartigen Zähler sparen Strom, sondern die Stromkonsumenten. Das tun sie beispielsweise mit energieeffizienteren Geräten oder mit einem bewussterem Umgang der täglichen Gewohnheiten. Für die CKW aber könnten Smart Meter sehr wohl ein Gewinn sein. Die Geräte gäben dem Energieversorger die Möglichkeit, den Verbrauch ihrer Kunden online zu verbuchen, statt wie vor 50 Jahren persönlich von Haushalt zu Hauhalt abzulesen. Doch die Schweizer Stromkonzerne schicken lieber ihr das Ablese-Personal vorbei, statt die Elektronik zu nutzen.

Den tatsächlichen Nutzen werden Smart Meters ohnehin erst dann entfalten können, wenn auch in der Schweiz flexible Tarife möglich werden. Sprich: Zu Tageszeiten mit hohem Stromverbrauch (und Stromknappheit) sind die Tarife hoch, bei Stromüberschuss (und Stromüberfluss) sind die Kosten tief. Aber solche Modelle, mit welchen Konsumenten Geld sparen könnten, scheuen die Schweizer Energieversorger bisher wie der Teufel das Weihwasser. Dazu kommt: Angenommen alle 200’000 von der CKW mit Strom versorgten Haushalte im Kanton Luzern würden – wie im Pilotprojekt von interessierten Kunden erreicht – durchschnittlich 30 Franken  Strom sparen, gingen der CKW jählich 6 Millionen Franken Einnahmen aus dem Stromverkauf verloren.

Ironie der Geschichte: Praktisch zeitgleich mit der Ankündigung der CKW, nicht weiter auf die intelligenten Stromzähler zu setzten, wurde eine denkwürdige Firmenübernahme bekannt: Für 3.2 Milliarden Dollar übernimmt der Suchmaschinen- und Werbekonzern Google das US-Unternehmen Nest, ein Anbieter von intelligenten Heizungsreglern und Rauchmeldern. Thermostate von Nest können über Internet und Smartphone gesteuert werden und gelten als “lernfähig”. Sie erkennen die Gewohnheiten der Benutzer. Wenn beispielsweise Bewohner einer Liegenschaft immer tagsüber abwesend sind, reduziert der Thermostat automatisch die Raumtemperatur.

 

Lockerbie: Die Schweiz schweigt seit 25 Jahren

25 Jahre nach dem Absturz der Pan Am-Jumbo über Lockerbie gibt der Terroranschlag noch immer Rätsel auf. Wichtige Spuren führen in die Schweiz – und wurden nie geklärt.

lockerbieOffiziell ist der Terroranschlag von Lockerbie geklärt: Abdelbaset al-Megrahi, Sicherheitschef der Libyan Arab Airlines und Offizier des libyschen Geheimdienstes, wurde Anfang 2001 von einem schottischen Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Für das Gericht war erwiesen, dass er den Koffer mit der Bombe in jenen Jumbo-Jet der Pan Am schmuggelte, der am Abend des 21. Dezember 1988 über der schottischen Stadt Lockerbie explodierte. Alle 259 Menschen an Bord sowie elf Einwohner der Ortschaft starben.

Der verurteilte al-Megrahi ist seit zwei Jahren tot, doch der Fall kommt nicht zur Ruhe. Letztes Jahr listete die schottische Justizaufsichtsbehörde in einem 800-seitigen Bericht eine Reihe gravierender Unstimmigkeiten bei den Ermittlungen auf. Das Fazit: Das Urteil wäre womöglich anders ausgefallen, wären der Verteidigung im Vorfeld des Prozesses nicht zahlreiche Informationen vorenthalten worden. Hinterbliebene, Juristen und frühere Polizeiermittler um den renommierten Rechtsprofessor Robert Black fordern seit Jahren, die Wahrheit müsse endlich auf den Tisch.

Im grössten je in Europa verübten Terroranschlag spielt auch die Schweiz eine wichtige Rolle. Doch die Schweiz unternahm wenig, um zur Aufklärung beizutragen. Den Beobachter behinderte die Bundesanwaltschaft in den letzten drei Jahren sogar massiv bei der Recherche. Drei zentrale Fragen sind bis heute ungeklärt.

Wie ist es möglich, dass der Zürcher Elektronik-Händler Edwin Bollier für den Schlüsselbeweis verantwortlich sein soll, juristisch aber nie belangt wurde?

Mit seiner Firma Mebo war Bollier nach offizieller Lesart des Gerichts so etwas wie der Gehilfe der Attentäter. In den 1980er Jahren lieferte er dem Ghaddafi-Regime 20 elektronische Schaltuhren vom Typ MST-13. Ein solcher Timer soll später die Bombe über Lockerbie zur Explosion gebracht haben. Trotz der angeblich klaren Beweislage wurde Bollier juristisch nie belangt – weder in Schottland noch in der Schweiz. Bollier ist bis heute überzeugt, er sei benutzt worden, um einen Täter aus dem Umfeld Ghaddafis zu finden. Tatsächlich spielte sich unmittelbar nach dem Attentat Eigenartiges ab. Im Juni 1989 wurden zwei Bundespolizisten bei Bolliers Firma vorstellig. Sie interessierten sich für die Schaltuhren, die nach Libyen geliefert worden waren. Ein Mitarbeiter händigte den Beamten einen Prototyp aus. Wenige Monate später tauchte in Schottland ein fingernagelgrosses Fragment genau eines solchen Timers auf. Auf diesem Beweisstück basiert letztlich die gesamte These, die Täter seien Libyer. Bollier ist überzeugt, das Beweisstück sei aus diesem Prototyp erstellt worden. Tatsächlich gibt es rund um diesen Schlüsselbeweis erstaunliche Unstimmigkeiten (Beobachter Nr. 12/2012): So war das angeblich in Lockerbie gefundene Teil der Leiterplatte mit reinem Zinn beschichtet – jene nach Libyen gelieferten Timer aber mit einer Zinn-Blei-Legierung.

War der verurteilte Abdelbaset al-Megrahi bloss ein Beauftragter des Ghaddafi-Regimes, der mit einem mysteriösen Hassan Badri von Zürich aus das Handelsembargo umging und Libyen mit wichtigen Gütern versorgte?

Bollier war lange vor dem Attentat von Lockerbie auf dem Radar westlicher Geheimdienste, weil er seit den frühen 70er Jahren Chiffriergeräte, Funkausrüstungen und weiteres elektronisches Material in die DDR und nach Libyen verkaufte. Dokumente, die dem Beobachter vorliegen, zeigen: Bollier half kräftig mit, dass sich Ghaddafi im Westen mit elektronischen Gütern eindecken konnte. Seine Libyen-Connection gipfelte darin, dass er 1988 und 1989 im Zürcher Novapark einem gewissen Hassan Badri ein Büro vermietete.

Badri hatte zuvor in Liechtenstein die Aviation Business Holding gegründet. Am 23. Februar 1988 eröffnete er bei der Schweizerischen Kreditanstalt am Flughafen Zürich-Kloten ein Privatkonto mit der Nummer 0383-645281-60, fünf Tage später zahlte er am Schalter 1,05 Millionen Franken ein – in bar. Auf das Firmenkonto 201-697-32 hatte ein weiterer Libyer Zugriff: Abdelbaset al-Megrahi, der 2001 verurteilte Lockerbie-Attentäter.

Megrahi und Badri deckten sich bei führenden Schweizer Luftfahrtfirmen mit Zubehör für Libyens Flugzeugflotte ein, wie Dokumente belegen. Zudem beschafften sie für Ghaddafi via Zürich verschiedenste Fahrzeuge. Im April 1988 etwa waren es zehn Ambulanzfahrzeuge, Typ Peugeot 505. 15 weitere Peugeot 505 wollten sie explizit in “luxuriöser Ausstattung”. Dazu kamen 20 Toyota “King Cab” 4×4 sowie 50 Harley-Davidson-Motorräder “Electra Glide”. In Zürich verhandelte Badri im März 1988 mit einer Firma aus Monte Carlo über den Kauf von Flugzeugen des Typs Fokker F-27. Wenige Monate später organisierte er ein Pilotentraining in Frankreich oder Marokko. Für den Schweizer Flugzeugbauer Farner war Badri gleichzeitig als “technischer Berater” tätig, der angebliche Lockerbie-Attentäter Megrahi gab auf seinem Einreiseantrag 1988 an, er arbeite ebenfalls für Farner. Badri verschwand schliesslich genauso mysteriös, wie er aufgetaucht war.

Badri

Mysteriöser Hassan Badri: Einkäufer Libyens, in der Schweiz tätig für Farner. Bei der Konto-Eröffnung am Flughafen legte er 1.05 Mio. Fr. in bar auf den Tresen.

 

 

SKA-Auszug

Zwei Tage nach Lockerbie wurden Millionen aus dem Iran auf ein Konto in Lausanne überwiesen und an palästinensische Extremisten weitergeleitet. Was unternahm die Schweiz?

Der frühere CIA-Beamte Robert Baer, Ende der 80er Jahre verantwortlich für ausländische Geheimdienstquellen mit Schwergewicht Naher Osten, veröffentlichte ein Jahr nach dem Lockerbie-Prozess ein brisantes Buch. Baer, der im Prozess nicht einvernommen worden war, schilderte gestützt auf Geheimdienstquellen, was Grossbritannien stets bestritten hatte: Zwei Tage nach dem Attentat von Lockerbie wurden aus dem Iran elf Millionen US-Dollar auf das Konto Nr. 20551 der Indosuez Bank in Lausanne überwiesen. Gemäss Baer gehörte das Konto einem führenden Mitglied der palästinensischen Extremistengruppe PFLP-GC. Diese Gruppe um den berüchtigten Ahmed Jibril hat sich seit Ende der 60er Jahre immer wieder zu Attentaten auf zivile Flugzeuge bekannt, unter anderem zum Anschlag auf die Swissair-Coronado 1970, bei dem 47 Menschen starben. Von der Lausanner Bank wurde gemäss Baers Quellen am 24. und 25. April 1989 Geld auf PFLP-GC-Konten verschoben. Je 500 000 Dollar landeten beim PFLP-GC-Anführer Abu Talb und dessen Statthalter in Westdeutschland, Hafez Dalkamoni. Damit schloss sich der Kreis. Wenige Wochen vor dem Lockerbie-Attentat gelang den deutschen Behörden mit der “Aktion Herbstlaub” ein harter Schlag gegen die palästinensische Terrorzelle. Ein gutes Dutzend Mitglieder wurde verhaftet, darunter Dalkamoni und der Bombenbauer und mutmassliche Mehrfachagent Marwan Khreesat. Trotz internationalem Haftbefehl liess man ihn nach kurzer Zeit frei. In den Einvernahmen gab Khreesat zu, fünf Bomben gebaut zu haben; man fand aber nur vier. Die Lockerbie-Ermittler waren anfänglich überzeugt, Bombe Nummer 5 sei im Pan-Am-Jumbo explodiert und die Täterschaft sei bei der Terrorgruppe PFLP-GC zu suchen.

Baer ist überzeugt, dass die in die Schweiz überwiesenen elf Millionen Dollar die “Erfolgsprämie” der Palästinenser waren. Die Vorgeschichte: Am 3. Juli 1988 hatten die Amerikaner über dem Persischen Golf – angeblich irrtümlich – einen iranischen Airbus abgeschossen. 224 Erwachsene und 66 Kinder starben. Iran drohte daraufhin mit Vergeltung. Baer schildert in seinem Buch, wie ein Offizier der iranischen Revolutionsgarde kurz nach dem Abschuss des Airbus an einem Treffen im Libanon den PFLP-GC-Exponenten Dalkamoni und ein weiteres Kadermitglied der Gruppe anwies, “ein amerikanisches Flugzeug in die Luft zu jagen mit dem Ziel, so viele Menschen wie möglich zu töten”.

Ob die Schweiz jemals im Fall der Elf-Millionen-Transaktion ermittelt hat, ist nicht bekannt. Die Bundesanwaltschaft tut, was sie im Fall Lockerbie immer getan hat: Sie schweigt.

Den vollständigen Artikel finden Sie im Beobachter 25/3013

© Beobachter

Heilsarmee zahlt betagter Frau nach 68 Jahren ihren Lohn

Mit 68 Jahren Verspätung bezahlt die Heilsarmee einer früheren Angestellten ihren Lohn.

Späte Genugtuung: Die Heilsarmee bezahlt einer früheren Angestellten des Kinderheims Paradies in Mettmenstetten ZH mit 68 Jahren Verspätung ihren Lohn aus. Klara Zelg (Name geändert) arbeitete 1945 als damals 16-jährige für ein Jahr in der Säuglingsabteilung. Vereinbart worden war mit dem Vormund ein Monatslohn von 25 Franken. Die Heilsarmee-Verantwortliche bezahlte aber damals der jungen Frau nur zwei Franken pro Woche aus, also acht Franken pro Monat. Jetzt hat die Heilsarmee der betagten Frau 3500 Franken überwiesen und sich gleichzeitig «in aller Form für das in ihrer Kindheit erlittene Unrecht entschuldigt».

Noch vor drei Jahren foutierte sich die Heilsarmee während Monaten um die betagte Frau (siehe hier). Die damals 82-jährige Klara Zelg*, die 1938 mit ihren vier Geschwistern ins Heim gekommen war, wollte endlich die leidvolle Geschichte hinter sich lassen und schrieb deshalb dem Hauptquartier. Sie berichtete von erbärmlichen Zuständen und drakonischen Strafen. Doch statt verständnisvolle Worte erhielt die Frau monatelang gar keine Antwort.

Klara Zelg, die jahrzehntelang mit niemandem über ihre Erlebnisse gesprochen hatte, liess nicht locker und schrieb der Heilsarmee Brief um Brief. Zuletzt mit der Forderung, man möge ihr endlich den nie ausbezahlten Lohn überweisen. «Es geht mir nicht zuletzt um die Würde all jener Kinder, die im «Paradies» geschlagen, zur Strafe in den Keller eingesperrt wurde oder auf Essen verzichten mussten», sagt Klara Zelg. «Und um die Glaubwürdigkeit all jener, die damals demütigende Rituale und Schläge über sich ergehen lassen mussten, nur weil sie Bettnässer waren und damit leben müssen, dass ihre Aussagen bis heute angezweifelt werden».

Jetzt ging plötzlich alles ganz schnell: Die Angelegenheit wurde zur Chefsache erklärt, eine externe Anlaufstelle wurde eingerichtet und die Forderung der betagten Frau umgehend erfüllt.

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 24/2013.

Ständeräte wollen kein Lobbyregister – warum auch?

Die vorberatende Ständeratskommission will Lobbyisten nicht in einem speziellen Register erfassen. So bleiben auch ihre Verbindungen zu diesen Interessensvertretern weitgehend unter dem Deckel.

Die staatspolitische Kommission des Nationalrats hatte sich noch hitner ein neues Lobbyregister gestellt, in der vorberatenden Kommission des Ständerats hatte die parlamentarische Initiaitve von FDP-Nationalrat Andrea Caroni keine Chance. Die staatspolitische Kommission lehnte die Änderung mit 8 gegen 3 ab. Argumentiert wurde mit dem «erheblichen bürokratischen Aufwand» der mit einem Lobbyregister verbunden wäre. Angeblich würde ein solches Akkreditierungssystem zu noch mehr Lobbyisten führen.

Caronis Vorschlag: Lobbyisten, die Zugang zu den nicht öffentlichen Bereichen des Bundeshauses wollen, müssten sich registrieren – und dabei auch Ihre Arbeitgeber und Mandate offen legen. Heute müssen sie nur eine allgemeine Funktion angeben, PR-Büros und Anwälte können damit ihre Auftraggeber verschleiern. Das heutige System führt auch dazu, dass sich Lobbyisten kühn als «Gäste», «persönliche Mitarbeiter» oder «Geschäftsführer» figurieren. Kontrolliert werden die Angaben nicht. Siehe «Mischler im Bundeshaus».

Welche Ständeräte sich gegen mehr Transparenz wehren,  ist nicht bekannt. Klar ist nur, die Mitglieder der staatspolitischen Kommission des Ständerats verfügen über eine Vielzahl von Verbindungen zu Firmen, Verbänden, Organisationen und Lobbyisten. Einigen von ihnen wird es recht sein, dass sie weiterhin im Halbschaten agieren können:

Robert Cramer, Kommissionspräsident, Grüne:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Felix Wirz, Ecopolitics (zahlreiche Mandate im Bereich Ökologie und Mobilität)

Fabio Abate, FDP
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Vincenzo Pedrazzini, Vizepräsident FDP Schweiz, Anwalt, Pedrazzini Holding AG.
Pascale Bruderer, FDP:

Raphaël Comte, FDP:

Verena Diener, Grünliberale:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Ronny Kaufmann, Schweizerische Post, Leiter Public Affair & Corporate Responsibility

Christine Egerszegi, FDP:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Hanspeter Konrad, Schweizerischer Pensionskassenverband ASIP.

Christof Engler, CVP:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Fadri Ramming, Regierungskonferenz der Gebirgskantone (RKGK)
;
Thomas Egger, Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für das Berggebiet (SAB)

Peter Föhn, SVP:

Filippo Lombardi, CVP:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Maria Luisa Bernini Burkard, Swiss Communication Agency

Rudolf Wyder, Auslandschweizer Organisation

Thomas Minder, Parteilos:

Paul Niederberger, CVP:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Roger Hegi, Sport-Toto-Gesellschaft
Fredy Müller, MUELLER Consulting & Partner

Urs Schwaller, CVP:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Georges Spicher, Verband Schweizer Zementindustrie
Christian Castella, Fédération des Entreprises Romandes


Hans Stöckli, SP:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Louis Perron, Perron Campaigns

(Persönliche Mitarbeiter und Gäste aus Familie nicht aufgeführt)

Heilsarmee lanciert Anlaufstelle

Drei Jahre nach den ersten Meldungen über denkwürdige Zustände in einem Kinderheim der Heilsarmee lanciert die Institution eine externe Anlaufstelle für Betroffene.

paradiesJetzt stellt sich auch die Heilsarmee ihrer eigenen Geschichte. Drei Jahre nachdem eine damals 82-jährige Frau im «Beobachter» über schreckliche Zustände und fragwürdige Strafmethoden im Kinderheim Paradies in Mettmenstetten ZH berichtet hatte, lanciert die Heilsarmee eine externe Anlaufstelle für Betroffene. Sie wolle «Menschen, denen in ihrer Kinder- und Jugendzeit in einer Heilsarmeeinstitution Unrecht geschehen ist, die Möglichkeit bieten, die Erlebnisse aufzuarbeiten», verkündet die Heilsarmee. Man wolle «betroffenen Menschen Gehör, Verständnis und Beratung anbieten und sich für das Verhalten und die erzieherischen Methoden früherer Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entschuldigen».

Als externe Anlaufstelle amtet Nico Vital, pensionierter Lehrer, Jugendpsychologe und langjähriger Leiter des Kinder- und Jugendheims Maiezyt in Wabern (Bern).

Externe Anlaufstelle für Betroffene in Einrichtungen der Heilsarmee:
c/o Nico Vital, Seestrasse 31, 2572 Mörigen
Telefon:  079 543 28 69

Die Heilsarmee betont, die Anlaufstelle arbeite neutral und unabhängig. Sie unterstehe der Schweigepflicht und behandle Informationen auch gegenüber der Heilsarmee «streng vertraulich».

Mit der Anlaufstelle erfüllt die Heilsarmee eine zentrale Forderung eines externen Beratungsbüros, das einen internen Bericht auswertete. Dieser interne Bericht war allerdings lediglich eine «Situationsanalyse» mit vier «Schlüsselpersonen» der Heilsarmee und einer Befragung von 29 pensionierten Offizieren und Leitungspersonen. Anschliessend war die Rede von drei Fällen, die auf «nicht korrektes Verhalten» hingewiesen hätten. Dem «Beobachter» hingegen waren über ein Dutzend Betroffene namentlich bekannt, die von schrecklichen Zuständen und drakonischen Strafen im Kinderheim «Paradies» berichteten. Aus den Schilderungen sind auch zwei Suizide dokumentiert, die mit dem Erlebten in diesem Heim im Zusammenhang stehen.

Basler Ethik-Präsident war gleichzeitig für Novartis tätig

Der Präsident der Basler Ethikkommission und frühere Chefarzt des Basler Unispitals, André Perruchoud, sass während Jahren gleichzeitig in einer Novartis-Stiftung.

Wie neutral kann der Präsident einer unabhängigen Ethikkommission die Forschungsgesuche von Novartis beurteilen, wenn er gleichzeitig vom Pharmakonzern für eine andere Tätigkeit bezahlt wird? Für André Perruchoud ist die Antwort klar: “Ich sehe keinen Interessenkonflikt.” Perruchoud ist seit fünf Jahren Präsident der Ethikkommission beider Basel. Am wichtigsten Standort der Schweizer Pharmaindustrie spielt er damit eine Schlüsselrolle.

Als Wissenschaftler hatte er aber noch eine zweite wichtige Position inne: Bis Anfang 2013 gehörte Perruchoud auch dem Kuratorium der Novartis-Stiftung für medizinisch- biologische Forschung an. Dort entschied er mit, welche Forschungsprojekte Novartis finanziell förderte. Für diese Arbeit wurde er vom Pharmakonzern bezahlt.

Perruchoud ist unbestritten eine Koryphäe in seinem Fach. Der 2008 emeritierte Professor für Pneumologie war Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Basel. In dieser Funktion wurde er 2003 in die Novartis-Forschungsstiftung gewählt. Die Ethikkommission übernahm er erst, als er aus dem Basler Unispital ausschied.

Heute gehört Perruchoud auch dem Vorstand der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Ethikkommissionen an, der Dachorganisation der kantonalen Ethikgremien. In diesen Kommissionen wachen Ärzte, Forscher, Ethiker, Seelsorger und Juristen darüber, ob Pharmaunternehmen bei der Forschung am Menschen nationale und internationale Richtlinien einhalten. Wollen Novartis, Roche oder eine andere Pharmafirma ein Medikament an Patienten testen, benötigen sie dafür die Zustimmung der Ethikkommission des jeweiligen Kantons. Ihr Entscheidungskriterium: die Wahrung der menschlichen Würde.

In Basel beurteilt das Gremium jedes Jahr rund 450 Gesuche der Pharmaindustrie. Laut Perruchoud kommt es in der Kommission immer wieder zu Interessenkonflikten. “Regelmässig müssen Mitglieder in den Ausstand treten, das ist völlig klar und auch unproblematisch”, findet er. Perruchoud selber trat in den fünf Jahren seiner Doppelrolle in der Ethikkommission nie in den Ausstand, wie er bestätigt.

Als Stiftungsrat verteilt er Novartis-Gelder in Millionenhöhe. Dreimal jährlich entscheidet ein Kuratorium über etwa 60 Gesuche, pro Forschungsprojekt gibt es bis zu 60 000 Franken. Er habe in dieser Stiftung keinen Bezug zu Novartis, betont Perruchoud. Sie unterstütze grundsätzlich keine Novartis-Projekte. Gesuche des Pharmakonzerns – oder auch nur mit Forschern der Novartis – würden nicht einmal beurteilt, sondern von vornherein “administrativ zurückgestellt”. Wie hoch ihn Novartis für seine Tätigkeit in der Stiftung bezahlte, will der einstige Chefarzt nicht sagen. Es handle sich lediglich um eine “Entschädigung”.

Nicht alle sehen Perruchouds Doppelrolle so locker wie er selber. Der Tessiner Präventivmediziner Gianfranco Domenighetti hat für die Zweifachfunktion von Perruchoud nur ein Wort übrig: “inakzeptabel”. Bei den Ethikkommissionen wird bald ein anderer Wind wehen. Tritt Anfang 2014 das neue Humanforschungsgesetz in Kraft, werden alle Mitglieder dieser kantonalen Gremien ihre Tätigkeiten in einem Register veröffentlichen müssen. Dann ist zumindest mit der Geheimniskrämerei Schluss.

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 18/2013.

Diese Milchverarbeiter erhalten vom Staat Millionen

33 Milchverarbeiter der Schweiz erhielten 2012 mindest eine Million Franken staatliche Unterstützung. Einsam an der Spitze liegt Emmi mit 46 Millionen Franken.

Eineinhalb Jahre lang verwehrte das Bundesamt für Landwirtschaft dem Beobachter die Einsicht in die Liste jener Milchverarbeiter, die von Subventionen profitieren. 300 Millionen Franken schüttet der Bund jährlich aus, um den Milchpreis zu stützen und den heimischen Käsern günstigen Rohstoff zu garantieren. Doch wer von dieser so genannten Verkäsungszulage profitiert, wollte das Bundesamt für Landwirtschaft nicht sagen. Anfänglich forderte es für die Einsicht eine absurd hohe Gebühr von 275’000 Franken. Alle 2500 Bezüger dieser Subvention müssten konsultiert werden, lautete die Begründung. Und für jeden Brief berechnete das Amt eine Stunde Aufwand à 100 Franken. Selbst für die Liste der 49 grössten Subventionsbezüger, alles Käsereien, die in den letzten Jahren über eine Million Franken kassierten, wollte das Bundesamt noch 5300 Franken (Beobachter 5/2013). Erst als der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte das Amt massregelte, rückte es die Liste heraus.

 

Das sind die 20 Top-Bezüger 2012 (in Mio. Fr.):

Emmi (inkl inkl Fromagerie de Saignelégier) 46.0
Züger Frischkäse AG, Oberbüren 15.2
Cremo 7.6
Imlig Käserei Oberriet AG 7.1
Strähl Käse AG 4.5
Milchgold Käse AG (Schürmann Melchior) 4.0
Swiss Premium AG, Dietikon 3.1
Käserei Marbach-Schangnau AG 2.8
Käserei Studer AG 2.6
Käserei Neuenschwander AG 2.6
Baer AG 2.2
Vallait SA 2.2
Sturzenegger Käse AG 2.0
Regio Chäsi Willisau 2.0
Käserei Risi AG, Waldkirch 1.8
Estavayer Lait SA (Migros) 1.8
Säntis Genossenschaft 1.5
Laiterie reunies de Genève 1.5
Wüthrich AG 1.5
Seiler Käserei
1.4

Die komplette Liste der wichtigsten Zulagenempfänger 2006 bis 2012 findet sich hier.

Abt. Nutzlose Piktogramme

Die Welt ist voller Piktogramme. Doch nicht alle sind verständlich und folglich nutzlos. Das neuste Beispiel stammt von den SBB.

sbb KopieDas blaue Symbol prangt neusterdings an Türen von Intercitys und Neigezügen der SBB: Fünf weisse Säulen, von links nach rechts in aufsteigender Höhe, die letzte erinnert an ein Ausrufezeichen. Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Säulendiagramm und erinnert an die Entwicklung der Netto-Verschuldung des Kantons Bern. Nur ohne Zahlen.

Das blaue Signet ist über den ganzen Zug verteilt, bei jeder Türe, auf Augenhöhe. Jeder Passagier muss es sehen, es geht gar nicht anders. Also: Es muss eine wichtig Botschaft sein, die mir die SBB mitteilen will. Doch: welche?

Auf Twitter fragte ich die Crowd:

tweet

 

 

 

 

Die Antworten kamen postwendend und waren vor allem eines – amüsant: “Achtung Treppe” rätselte @telecomuser. @Thunergiu schrieb: “Achtung, die Panflötenspieler sind wieder da!” Und @frauxirah meinte: “Am Telefon laut und deutlich sprechen, damit einem die Mitreisenden besser verstehen”.

Die richtige Antwort erhielt ich natürlich auch, sie ist viel banaler. Das Piktogramm beschilderte jene Wagen, die mit einem so genannten Repeater ausgerüstet sind und für besseren Handyempfang sorgen. Doch die Frage drängt sich auf: Wähle ich in Bern den Zug nach Zürich, nur weil da der Handyempfang besser ist, obschon ich nach Thun fahren sollte?

Bemerke ich nicht ohnehin, dass der Empfang in aufgerüsteten Wagen besser ist oder soll ich bei schlechtem Empfang durch den Zug gehen und mich beim Zugbegleiter nach dem 5-Säulen-Piktogramm erkundigen, bevor ich zum Handy greife?

Fazit: Das neue, omnipräsente Piktogramm ist unverständlich, nutzlos und macht keinen Sinn. Vermutlich stammt es von der Marketingabteilung und entpuppt sich damit als Werbegag.

Sind auch Sie schon unverständlichen, nutzlosen Piktogrammen begegnet?
Senden Sie mir Ihr Bild: otto.hostettle@beobachter.ch