Erika Benz, mit 19 Jahren zwangssterilisiert

Die Schweiz hat jahrzehntelang Personen bevormundet, sterilisiert, weggesperrt und verdingt. Zum Beispiel Erika Benz. Ihr Vormund versprach ihr eine Ausfahrt – doch er fuhr sie in die psychiatrische Klinik.

«Es war irgendwann 1972, ich war 19-jährig. Mein Vormund holte mich mit seinem Auto in St. Gallen ab. Er sprach von einem Ausflug und ich dachte mir: Endlich einmal etwas Schönes. Doch dieser Tag war der Anfang einer für mich einschneidenden Geschichte.

Aufgewachsen war ich mehrheitlich bei einer Tante, der Grossmutter und in Pflegefamilien. Mein Vater war Alkoholiker, er verprügelte meine Mutter. Als ich etwa zehn Jahre alt war, liess sie sich scheiden.

Mit 17 wurde ich selber Mutter. Mein damaliger Freund, der Vater meiner Tochter, machte sich aus dem Staub, als sie noch ein Baby war. Um für unseren Lebensunterhalt aufzukommen, füllte ich in einem Laden Regale auf. Etwa zwei Jahre später verliebte ich mich erneut – und wurde bald darauf wieder schwanger.

Irgendwie erfuhr mein Vormund davon, wahrscheinlich hatte meine Chefin ihm davon erzählt. Und plötzlich kam der Tag, als er mir diesen Ausflug versprach. Er fuhr mich direkt in die psychiatrische Klinik im benachbarten Wil. Offenbar ging es darum, mich als ledige Mutter psychiatrisch abzuklären. Ich verstand überhaupt nicht, um was es eigentlich ging. Am Schluss der Befragung erhielt ich ein Couvert, das ich dem Vormund abgeben musste. Es zu öffnen getraute ich mich nicht.

Einige Wochen später holte mich mein Vormund wieder ab. Er sagte, ich müsse zu einer Untersuchung ins Spital. Aber es war eine abgekartete Sache. Er lieferte mich am Abend ab, ich erhielt eine Beruhigungsspritze. Am Morgen darauf wurde ich auf einem Schragen in einen Operationsraum gebracht.

Ein Arzt erschien und erkundigte sich, ob ich wisse, was für einen Eingriff er nun vornehmen werde. Ich wusste es nicht. Der Arzt verliess den Raum, wahrscheinlich rief er den Vormund an. Kurz darauf kam er wieder herein, das Prozedere nahm seinen Lauf.

Als ich aus der Narkose aufwachte, musste ich dringend Wasser lösen. Noch immer wusste ich nicht, was geschehen war. Eine stämmige Schwester stand vor mich und bemerkte hämisch: «Sie haben es ja so gewollt, jetzt könne sie auch selber dafür sorgen, dass sie auf die Toilette kommen.» Da wurde mir klar, was passiert war. Ich weiss bis heute nicht, wer diesen Eingriff angeordnet hatte.

Im Arztzeugnis, das ich im Geschäft abgeben musste, hiess es, ich sei «wegen Unterleibsstörungen» krank geschrieben. Diese Begründung macht mich noch heute wütend. Sie haben mir mein Kind weggenommen und mich unterbunden, sterilisiert, wie man so schön sagt. Und das nannten sie ‘Unterleibsstörungen’!

Mein Kind geht mir bis heute nicht aus dem Kopf. Es wäre jetzt 38 Jahre alt. Jahrelang habe ich  alles verdrängt. Aber es holt mich immer wieder ein. Der Staat soll sich endlich für diese Ungerechtigkeit entschuldigen.

Erika Benz, 58, arbeitet als Reinigungskraft. Sie ist verheiratet, lebt in St. Gallen und fordert eine Rehabilitierung der Zwangssterilisierten.

 

Siehe auch: Rolf Horst Seiler lebte 40 Jahre im Wald.

«Schöne Worte genügen uns nicht»; Verdingkinder und Zwangssterilisierte leiden noch heute – ein Hilfsfonds muss her. Beobachter 21/2011.

Weitere Artikel zu diesem Thema: «Düstere Jahre» (Beobachter 10/2010), «Misshandelt im Kinderheim»; «Die Schwester mit dem Stock gab das Kommando»; «Rathausen: Gewalt, Missbrauch, Suizide», «Privater lanciert Aufarbeitung», «Die Liste wird länger».

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