Der Kassenzettel kann Ihre Gesundheit gefährden

Auf Druck der EU ist Bisphenol A aus Schoppen und Nuggi verschwunden. Doch im Alltag bleibt der hormonaktive Stoff omnipräsent – zum Beispiel in Kassenzetteln. 

Plötzlich ging alles ganz schnell. Ende November kündigte die EU-Kommission an, auf März werde der hormonaktive und eventuell krebserregende Stoff Bisphenol A in Babyflaschen verboten.

Noch bevor das Verbot in Kraft tritt, sind  Bisphenol-A-haltige Schoppenflaschen vom Markt verschwunden – auch in der  Schweiz. Innerhalb weniger Wochen haben  Hersteller Alternativprodukte lanciert und  die herkömmlichen Schoppen und Schnuller aus dem Angebot genommen. Bei Coop  und Migros prangt plötzlich an Schoppen,  Nuggi und sogar an Kindertellern und Kinderbesteck ein grüner Farbklecks, darauf  steht: «BPA-frei» oder: «0% Bisphenol A». 

Damit ist in der Schweiz der Detailhandel den Behörden zuvorgekommen. Denn  das EU Verbot für den Basisstoff von Plastikflaschen gilt in der Schweiz nicht.  Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) verkündete noch im November, man werde ein Verbot für die Schweiz «studieren und abklären». Heute heisst es beim BAG: «Wir sehen zurzeit keinen Handlungsbedarf.» Auch wenn BPA-haltige Säuglingsprodukte fast über Nacht vom Markt verschwunden sind: Die Konsumenten werden dem problematischen Stoff im Alltag weiterhin ausgesetzt sein (siehe «Bedenken wegen Bisphenol A»).

Bisphenol A gehört zu den am meisten produzierten Chemikalien weltweit. Seit Ende der fünfziger Jahre ist es ein wichtiger Baustein des Kunststoffs Polycarbonat. Die jährliche Produktion stieg in den letzten Jahren trotz gesundheitlichen Bedenken gewaltig. Weltweit wurden 2008 rund 5,2 Millionen Tonnen hergestellt – zwei Jahre zuvor waren es noch 3,8 Millionen.

Allein in Europa wurden 2006 rund 1,5 Millionen Tonnen hergestellt. Neuere Zahlen sind nicht erhältlich. Wie viele tausend Tonnen jährlich in der Schweiz in die Kunststoffproduktion fliessen, will Marktführer Bayer nicht bekanntgeben. Klar ist: Unser Alltag ist mit Bisphenol-A-Produkten geradezu durchsetzt. Sie finden sich in unzerbrechlichen Plastikflaschen, in Lebensmittelverpackungen, in der Innenbeschichtung von Konserven- und Aludosen, in Zahnversiegelungen und auf Datenträgern (CD,  DVD). Ein weiteres grosses Einsatzgebiet sind Plastikteile im Automobilbau.

Ein anderes Anwendungsfeld wurde in der Öffentlichkeit bisher kaum wahrgenommen. Tests des Zürcher Kantonslabors zeigten 2010: Kassenzettel aus Thermopapier bestehen zu fast zwei Prozent aus reinem Bisphenol A. Sie sind im Alltag omnipräsent. Bei den Grossverteilern, am Parkautomaten oder in der Warteschlange von SBB und Post. Viele stecken den Zettel gar gedankenverloren zwischen die Lippen.

Die Messungen aus Zürich zeigen, was passiert, wenn man die Kassenzettel berührt: Innerhalb weniger Sekunden haften  Spuren von BPA auf der Haut. Bei trockener Haut sind es weniger als zwei Mikrogramm, bei fettiger oder schweissiger Haut hingegen bis zu 20 Mikrogramm. Das Zürcher Kantonslabor äusserte aufgrund seiner Messungen den Verdacht, dass der Stoff anschliessend in die Haut  eindringe. Denn nach 90 Minuten, so die Erkenntnis aus den Messungen, sei auf der Haut fast nichts mehr vom ursprünglichen  Bisphenol A zu messen gewesen, obwohl  der Stoff nicht verdunste. Passiert ist seit  den Messungen wenig. Das Bundesamt für  Gesundheit ging nicht weiter auf die Untersuchungen des Zürcher Labors ein.

Eine schwedische Studie wies in Kassabons sogar einen BPA-Anteil von über drei Prozent nach. Der Umweltchemiker Tomas  Östberg vom Jegrelius-Institut sagte darauf: «Das ist 1000-mal mehr, als man in den Schoppenflaschen findet.» Dazu hat Östberg einen weiteren Verdacht: Bisphenol A werde von Kassenbons auf andere Alltagsgegenstände übertragen, beispielsweise im  Portemonnaie auf Geldscheine. Für ihn scheint klar, dass Kassenzettel «stark dazu beitragen», dass Bisphenol A im menschlichen Körper gemessen werden könne. Bisher gehen Forscher davon aus, dass BPA überwiegend durch Nahrungsmittel in den  Körper gelangt. In der Schweiz wiegelt man ab. Das Zentrum für Fremdstoffrisikoforschung der Uni Zürich findet, das Risiko einer  toxischen Wirkung könne «auch bei ständiger Handhabung von Kassabons, etwa durch Kassenpersonal in Warenhäusern, als gering eingeschätzt werden». Die Aufnahme von Bisphenol A über die Haut sei lediglich ein «Nebenaufnahmeweg». Dabei würden heute 10000-fach höhere tägliche Gesamtmengen als unbedenklich gelten, schreibt das Zentrum.

Allerdings ist dieser Grenzwert umstritten. Denn es handelt sich dabei nicht um eine wissenschaftliche Grösse, sondern um einen politischen Entscheid der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA. Bis 2007 galten täglich maximal zehn Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht als Grenze. Plötzlich hiess es, der Mensch vertrage 50 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht.  Nach der Lockerung des Grenzwerts wurde bekannt, dass sich die Behörde dabei auf eine Studie stützte, die von der US-Kunststoffindustrie finanziert worden war.

Doch vielen ist es dabei nicht ganz wohl, auch wenn die Thermopapierindustrie betont, von ihren Kassenzetteln drohe keinerlei gesundheitliche Gefahr. In Deutschland kündigten führende Supermarktketten an, auf umweltfreundlicheres Papier umzustellen. Der Detailhändler Rewe hat seine Kassen bereits umgerüstet.

In der Schweiz bemüht sich derzeit Coop um eine Alternative zum Bisphenol-A-haltigen Thermopapier. Man prüfe zurzeit andere Kassenzettelpapiere und plane einen Praxistest, bestätigt Sprecherin Denise Stadler dem Beobachter. Die Migros sieht dagegen keinen Handlungsbedarf, eine Umstellung sei nicht geplant.

Einige Hersteller bewiesen inzwischen, dass es auch ohne Bisphenol A geht. Etwa der Getränkeflaschenproduzent Sigg. Er stellte schon vor zwei Jahren konsequent um, die weitverbreitete Metalltrinkflasche kommt inzwischen ohne BPA-Beschichtung aus. Der Konzern tauschte besorgten Kunden die alten Flaschen mit der BPA-Innenbeschichtung sogar gratis aus. Inzwischen hat Sigg aber das Umtauschprogramm abgeschlossen, wie dem Konsum-Blog mitgeteilt wurde. Die damals offen kommunizierten Fakten zur bisherigen BPA-Beschichtung in den Flaschen wurden von der Webseite entfernt.

Das BAG zeigt sich in der Diskussion um die Problematik wenig kritisch. Es übernimmt vielmehr die Argumentation der Industrie. Das deutsche Umweltbundesamt hingegen verweist auf Studien, in  denen Mengen von Bisphenol A zum Einsatz kamen, die weit unter denjenigen liegen, die von der europäischen Lebensmittelbehörde als gesundheitlich bedenklich eingestuft werden. «Trotzdem sind diese Mengen in der Lage, in Tierversuchen ernsthafte Wirkungen hervorzurufen.»

Die Untätigkeit der Schweizer Behörde bringt die Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz, Sara Stalder, auf die Palme: «Es gibt hier nichts mehr zu überlegen. Bisphenol A gehört verboten.» Die grünliberale Nationalrätin Tiana Moser, die in Bern die Problematik mehrfach thematisierte, ist erstaunt: «Sogar nach dem Entscheid der EU-Kommission will der Bund nichts unternehmen.» Für sie ist klar: «Bisphenol A ist im Bereich der Lebensmittelverpackung gar nicht mehr nötig, es gibt Alternativen dazu.»

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