Schleichwerbung auf SF1?

© Beobachter 2010/Otto Hostettler

Die Fernsehsendung «Gesundheit Sprechstunde» gerät schon wieder in den Fokus der Behörden.
Diesmal, weil sie ein neues Opiat-Schmerzmittel propagiert hat.

Die Sendung zum Thema Schmerzen wird den Verantwortlichen der «Ge­sundheit Sprechstunde» womöglich noch Bauchweh machen. Im Zentrum der Sendung von Mitte Oktober stand ein neues, rezeptpflichtiges Opiat gegen chro­nische Schmerzen. Der Beitrag, immerhin über sechs Minuten am Samstagabend auf SF 1 ausgestrahlt, drehte sich ausschliess­lich um den neuentwickelten Wirkstoff Tapentadol. Dass der deutsche Pharma­konzern Grünenthal nicht nur die Sendung unterstützte, sondern auch das neue Mittel herstellt, wurde nicht deklariert. Im Gegen­teil: Die Gesundheitssendung verschleierte die Quellen verschiedener Informationen.

So diskutierte Moderatorin Jeanne Fürst mit einem Experten eine Umfrage zum The­ma Schmerzen. Es wurde mehrfach auf die Website www.changepain.ch verwiesen. Moderatorin und Experte priesen besagte Website zudem, weil Betroffene dort «eine hilfreiche Broschüre» beziehen könnten. Dass dahinter der Sponsor Grünenthal steht, erfuhren die Zuschauer nicht. Damit begibt sich «Gesundheit Sprechstunde» auf dünnes Eis. Das vorbehaltlos empfohlene Opiat Tapentadol untersteht dem Betäu­bungsmittelgesetz und ist gemäss der Heil­mittelkontrollstelle Swissmedic verschrei­bungspflichtig. Brisant: Das Heilmittel­gesetz verbietet Publikumswerbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel.

Swissmedic­Sprecher Joachim Gross sagte dem Beobachter: «Ein neues Opiat so  anzupreisen verträgt sich nicht mit der Heilmittelgesetzgebung.» Das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) prüft derzeit laut Sprecherin Deborah Murith, ob es gegen «Gesundheit Sprechstunde» ein Ver­fahren wegen Verstosses gegen die Werbe­- und Sponsoringvorschriften eröffnen soll.

Hans Jürg Deutsch, beim Medienhaus Rin­gier verantwortlich für «Gesundheit Sprech­stunde», sieht sich im Recht: «Ich habe mich in der Sendung an die Richtlinien der Swissmedic gehalten.» Für ihn habe journalistische Relevanz den Ausschlag ge­geben, Tapentadol zu thematisieren. Zum ersten Mal seit 25 Jahren habe ein neuer Wirkstoff mit überzeugenden Resultaten zur oralen Schmerzbehandlung entwickelt werden können, so Deutsch.

Auf den Vorwurf, dass sich die Sendung mehrfach auf eine Internetseite stützte und die effektive Quelle – den Pharmakonzern Grünenthal – den Zuschauern vorenthielt, sagt er: «Ich habe die Quellenangabe für ausreichend gehalten.» «Gesundheit Sprechstunde» habe am Anfang der Sen­dung den Pharmakonzern unter «weitere Sponsoren und Produktplatzierung» ein­geblendet, womit den Vorschriften des Ba­kom Genüge getan sei. Die Rolle von Grü­nenthal bleibt unklar. Der Konzern betont, «weder einen Produktplatzierungs­- noch einen Sponsorbeitrag» geleistet zu haben.
Man habe nur grafisches Material geliefert.

Den heiklen Übergang von Sponsoring zu Schleichwerbung müsste Deutsch eigent­lich kennen: Er gerät nicht zum ersten Mal ins Visier der Überwachungsbehörden. Ein Verfahren wegen einer anderen «Gesund­heit Sprechstunde»­Sendung ist zurzeit hängig, es soll gemäss Bakom noch vor Ende Jahr abgeschlossen sein. Im Septem­ber berichtete der Beobachter zudem, wie die Sendung einer PR­Agentur angeboten hatte, gegen einen fünfstelligen Betrag ein bestimmtes rezeptpflichtiges Medikament zu thematisieren (Beobachter Nr. 18).

Im vergangenen Jahr kam das Bakom zum Schluss, «Ge­sundheit Sprechstunde» habe 2007 und 2008 mehrfach die Werbe­ und Sponsoringbestimmungen des Radio­ und Fernsehgesetzes verletzt.

Im Oktober 2006 wurde Deutsch als verantwortlicher Leiter sogar persönlich zu einer Busse von 5000 Fran­ken (plus 5000 Franken Verfahrenskosten) verurteilt – wegen mehrfacher «fahrlässiger schwerer Verletzung» des Bundesgesetzes über Radio und Fernsehen. Deutsch, so kam das Bakom damals zum Schluss, habe unter anderem der Lungenliga in der Sen­dung einen ausgiebigen und exklusiven
Auftritt gegen Entgelt gewährt. Die betref­fende Sendung selber war vom Bakom be­reits ein Jahr zuvor gerügt worden.

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