Ich werde Shawne Fielding nicht los

Shawne Fielding hängt an mir – ich habe gar keine andere Wahl: Ich muss ihr Freund bleiben.

Das kam so: Als ich das soziale Netzwerk Facebook zu erkunden begann, wollte ich auch Spass haben. Ein Arbeitskollege empfahl mir, Shawne Fielding als Freundin zu kontaktieren, das sei vielversprechend. Der Spass war tatsächlich garantiert. Mehrmals täglich erhielt ich ihre Statusmeldungen, erfuhr, dass sie im Flughafen darauf wartete, endlich ins Flugzeug nach New York steigen zu können. Sie teilte mir mit, dass sie gelandet sei, sie stellte ein Video online, auf dem sie im Cabrio durch Manhattan fuhr und aus dem Auto filmend knackige Velofahrer anflirtete. Sie zeigte auch, wie sie mit ihrem Golflehrer das Einlochen übte.

Das ging Tag für Tag so weiter, bis sie wieder zu Hause war und im Bademantel, das Cüpli in der Hand, durch die Wohnung schwebte und dazu in die Kamera hauchte: «Das Leben ist wunderbar.»

Shawne wurde mir plötzlich zu viel. So genau wollte ich gar nicht über ihr Leben Bescheid wissen. Ich machte, was in der Facebook-Szene verpönt ist: Ich kündigte ihr meine Freundschaft. Die Funktion heisst «Verbindung entfernen» (und war fast nicht zu finden). Das Gute an dieser Funktion: Shawne merkte nicht, dass ich ihr die Freundschaft gekündigt hatte – ausser sie hätte ihre Freundesliste aufgerufen, meinen Namen ins Suchfeld gegeben und festgestellt: «Mist, der Otto ist nicht mehr mein Freund.» Aber ich gehe davon aus, dass sie dazu keinen Anlass hatte.

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Item, Shawne ging vergessen, wir lebten uns auseinander. Monate später, ich las in Klatschspalten über ihre innerehelichen Probleme, löschte sie ihr eigenes Facebook-Profil. Sie zog sich damals aus dem öffentlichen Leben zurück. Doch lange hielt die einstige Miss Texas, die als Botschaftergattin in Berlin ganz in Weiss durch die Schweizer Vertretung ritt, das nicht aus. Eines schönen Abends, ich war gwundrig, wie mein Uralt-Kollege Tschanz mit seinem Vater auf dem Töff durch die USA tourte und via Facebook Bilder nach Hause schickte, erhielt ich eine «Freundschaftsanfrage» eingeblendet. Von Shawne Fielding!

Damit das klar ist: Shawne und ich haben nie ein Wort miteinander gewechselt, nie eine E-Mail-Nachricht ausgetauscht, nie eine SMS geschrieben. Hat sie tatsächlich, kaum hatte sie sich wieder ein Facebook-Profil angelegt, meinen Namen in die Suchmaske getippt, um mich als verlorengegangenen Freund wieder zu sich zu nehmen? Wohl kaum. Oder hatte sie irgendwo sämtliche früheren Angaben gespeichert und liess sich diese alle wieder herstellen? Eher unwahrscheinlich. Es muss so gelaufen sein: Shawne Fielding hat die Facebook-Funktion «automatischer Freundefinder» aktiviert. Damit liess sie in den Tiefen der Facebook-Server alle jemals gespeicherten Daten durchforsten und kramte dabei auch meine Angaben wieder hervor.

Ich habe die Freundschaftsanfrage von Shawne abgelehnt, «ignoriert» heisst das in der Facebook-Sprache. Das war vor ein paar Wochen. Jetzt die Ernüchterung: Einer Arbeitskollegin will ich das narzisstische Profil von Shawne Fielding zeigen – und entdecke mich als ihr Freund. Einer von 4938. Aber mit Bild auf ihrer Startseite.

Ich bin gespannt, welche Freundschaft mir Facebook als Nächstes aufdrängt. Vielleicht wird man mir aber auch gleich den Entscheid abnehmen und per Statusmeldung mitteilen: «Du bist jetzt mit Françine Jordi befreundet.» Oder Facebook könnte eine neue Funktion kreieren: «Michelle Hunziker möchte um deine Hand anhalten.» Klick, und schon ist man verheiratet.

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