Lebensmittelindustrie gibt den Tarif durch

Die Lebensmittelindustrie lässt sich nicht vorschreiben, wie sie ihre Produkte für Konsumenten kennzeichnen soll.

Die Schweizer Nahrungsmittelindustrie intervenierte erfolgreich: Das Bundesamt für Gesundheit hat das geplante Gesundheitslabel für Schweizer Lebensmittel zurückgezogen. Die überwiegende Mehrheit der Nahrungsmittelproduzenten wehrte sich gegen die Idee, «gesunde» Lebensmittel mit einem «Gutzeichen» zu markieren.

Mit dem System «Healthy choice», das in Belgien, Neuseeland und den USA bereits eingesetzt wird, hätte in jeder Produktekategorie das jeweils beste Produkt mit einem «Häkchen» auf einem grünen Punkt ausgezeichnet werden sollen. Mit diesem System werden absurderweise auch ungesunde Lebensmittel ausgezeichnet wie beispielsweise Fischstäbli und Schockoriegel.

Doch soweit kommt es nun gar nicht. Denn diese Kennzeichnung, die Konsumenten immerhin eine rudimentäre Information geliefert hätte, wurde von der Nahrungsmittelindustrie bereits im Vorfeld der Abklärungen des Bundes unterlaufen. Noch bevor klar war, ob die Schweiz ein «Häckchen» für das beste Produkt eine Lebensmittelkategorie einführen will, druckten die grossen Hersteller in den letzten Monaten auf ihren Produkten ein eigenes Signet auf, das dem geplanten «Healthy choice» zum verwechseln ähnlich ist. Nestlé zum Beispiel zeichnet Produkte mit ihrem «Gutzeichen» aus, wenn sie Getreide enthalten. Etwa Corn-Flakes. Kein Wort davon, dass sie übermässig hezuckert sind Die Absicht der Industrie war offenkundig: dem Konsumenten soll suggeriert werden, solche Produkte seien besonders gesund. Kein Wunder, haben sich nun in der Vernehmlassung des Bundesamts für Gesundheit (BAG) ein überwiegender Teil der Industrie gegen ein «Choice»-Label ausgesprochen. Das BAG zog nun kurzerhand das Projekt zurück.

Ein ähnlicher Coup ist der Nahrungsmittelindustrie bereits gelungen, als sie erfolgreich gegen die breite Einführung des «Ampel»-Systems Sturm lief. Mit der Ampel werden Lebensmittel je nach Gehalt für die Bereiche Zucker, Salz, Fett farbige Punkte erhalten: Grün (für problemlos essen), orange (für gelegentlich essen) und rot (für ausnahmsweise essen). Damals lancierte die Industrie das eigene System des «Guidline daily amount» und lobbyierte in der EU derart intensiv, dass das in Grossbritannien bereits eingeführte Ampel-System keine Chance mehr hatte. Wer die Übersichtlichkeit der Ampel selber testen will, schaut beim Produkte-Portal Codecheck nach. Hier wird schon heute vieles auf die Ampel umgerechnet.

Weil jetzt auch das «Healthy choice»-System beerdigt wird, hat die Lebensmittel ihr eigenes System durchgesetzt. Dabei werden die Mengen eines Lebensmittels nicht mehr auf 100 Gramm angegeben, sondern in Portionen aufgeteilt und die enthaltenen Nährwerte Zucker, Fett, Salz in Prozentangaben des täglichen Bedarfs umgerechnet. Mit einem simplen Trick können so Lebensmittel gesunder dargestellt werden, als sie tatsächlich sind.

Ungesunde Pommes Chips etwa schliessen nur deshalb nicht allzu schlecht ab, weil die gewählte Portion lächerlich klein ist. Und bei den überzuckerten Süssgetränke wird eine 0,5-Liter-Flasche in zwei Portionen eingeteilt und der Zuckergehalt erst noch an einem doppelt so hohen Tagesbedarf gemessen als es die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt. Auf Cola-, Rivella-, Schorle- oder anderen Süssgetränke-Flaschen, die alle rund 25 Gramm Zucker enthalten (entspricht fast 6 Stück Würfelzucker), heisst es dann unter der Rubrik Zucker: 28 Prozent des täglichen Verbrauchs. Tönt gut. Aber: Wer eine 0,5-Liter-Flasche eines solchen Süssgetränks trinkt, hat den Bedarf an Zucker für einen ganzen Tag gedeckt. (So rechnet die Industrie Zucker- und Fett-Bomben gesund)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>