Qualen im Kinderheim: Heilsarmee schaut weg

Es sind ergreifende Worte, die die 82-jährige S.W. schreibt: «Wenn die Köchin sah, dass ich den Teller mit Haberbrei stehen liess, zog sie mich am Arm in die Küche und blockierte meine Arme und Hände zwischen ihren Knien. Mit einem Suppenlöffel stopfte sie mir den kalten Brei in den Mund. Ich musste mich übergeben und schrie, trotzdem stopfte sie ungeachtet weiter. Sie klemmte mir die Nase zu, damit ich den Mund wieder öffnen musste. So ging die Prozedur dann weiter.»

Jahrzehntelang hatte sie ihre Geschichte verdrängt, bis der Beobachter über genau dieses Kinderheim der Heilsarmee berichtete. S.W. verbrachte mit ihren Geschwistern die Jahre zwischen 1938 und 1945 im Kinderheim «Paradies» in Mettmenstetten ZH. Eine leidvolle Zeit. Im schwach beleuchteten Kellergang wurde sie mit dem Teppichklopfer traktiert, weil sie das Bett nässte. Die Heimleiterin trichterte ihr ein: «Wenn Du im Dorf, in der Schule oder einem Lehrer ‚etwas’ über das ‚Paradies’ erzählst, dann wirst Du von Deinen Geschwistern getrennt und kommst in eine Erziehungsanstalt.»

Schläge, Prügel und rigides Strafensystem waren nur das Eine. Jeden Abend nach dem Essen musste S.W. im Nähzimmer dreckige, von Schweiss durchtränkte Knabensocken flicken. Bis ihre Finger derart wund waren, dass sie tagsüber in der Schule den Füllfederhalter kaum noch in der Hand halten konnte. Ihre Schwester kam nie über die Zustände im Kinderheim hinweg und nahm sich später das Leben.

Als der Beobachter über die in Schweizer Kinderheimen bis weit in die 70er Jahre verbreiteten Demütigungen, Misshandlungen und Missbräuche berichtete, schreibt S.W. ihre Erlebnisse aus der Zeit im Heilsarmee-Kinderheim auf. Darauf wendet sie sich an die Leitung der Heilsarmee, in der Hoffnung auf ein mitfühlendes Wort oder sogar auf eine Entschuldigung. Doch es passierte nichts. Sie schreibt ein zweites Mal. Wieder keine Antwort.

Erst als der Beobachter bei der Heilsarmee nachfragt, befasst man sich mit dem Fall. Lapidar heisst es, der Heilsarmee liege neben jener Schilderung von S.W. auch eine «sehr positive» Rückmeldung über das Kinderheim vor. Sprecher Künzi kommt zum Schluss, es dränge sich deshalb «keine umfassende Aufarbeitung» der Geschichte im Kinderheim «Paradies» auf. Immerhin sagt der Heilsarmee-Sprecher zum Fall: «Die Heilsarmee bedauert das erlittene Unrecht ihrer Kindheit sehr.» Im Beobachter 10/2010 tönte es noch anders.  Damals versicherte er man sei bereit, sich bei betroffenen Personen zu entschuldigen. Jetzt ist davon nicht mehr die Rede.

2 thoughts on “Qualen im Kinderheim: Heilsarmee schaut weg

  1. Alle schauen weg! Es war immer so und ist auch heute noch so. Es fängt im Kleinen an und wird auch im Grossen nie anders sein. Traurig aber wahr…
    Liebe Grüsse
    Daniela

  2. Ich war ebenfalls in Kinderheim Paradies. Das war in den 70er und 80ern. Die Strafen von denen die Frau ihnen erzählt hat,kommen mir nicht unbekannt vor. “Socken flicken” wurde mir angedroht und zwar als Strafe,wenn ich keine Finken tragen will (ich hasste Finken) wurde aber dann nie ausgeführt wie früher. Ich weiss das Jungs da geprügelt wurden vom Heimleiter mit dem Gürtel.Ich ging diesem Menschen möglichst aus dem Weg. Ich selber wurde nur einmal geschlagen,aber von der Heimleiterin selber . Einem Kind wurde der Mund mit Seife ausgewaschen. Die Betreuerin hat ihn zum Waschbecken hochgehoben und ihm Seife und Wasser in den Mund gestopft was mich in Panik versetzt hatte,denn das Kind war mein Kleiner Bruder. Er war etwa 3 und konnte nicht wissen,das er “Gopferdammi” niemals hätte sagen dürfen.Fluchen wurde hart bestraft.Essen war Pflicht,wer nicht ausgegessen hatte,musste sitzen bleiben zur Strafe. Auch so hässliche Sachen wie Kutteln und Lebern mussten gegessen werden.Ein kleines Mädchen sass oft Stundenlang in ihrem Hochsessel vor dem selben Frass. Drohungen das man in eine Erziehungsanstalt kommen würde,kenne ich auch sehr gut. Das war quasi immer das Demoklesschwert das über einem hing.. Zudem musste man gläubig sein.Sich bekehren wurde einem immer wieder nahegelegt. Beten vor jedem Essen. Jesus da,Jesus dort…überall halt.
    Sie wollten eben die Kinder gefügig machen. Bettnässer wurden auch in meiner Zeit noch bestraft und verachtet. Alles was irgendwie mit dem Intimbereich zu tun hatte war einfach Strafbar. Echt krank.Ich glaube die meisten Ehemaligen Heimkinder haben versucht,diese Zeit aus ihrem Gedächtnis zu streichen um es zu überleben.
    Ich kann mir sehr gut vorstellen,das die Kinder in den Jahren früher da sehr schwer misshandelt worden sind, Natürlich alles religiös gerechtfertigt….
    Strafen wenn man nicht sofort still war zu Schlafenszeit waren auch üblich . Einschliessen im Putzkämmerlein. Ich war allerdings schon vor Heimeintritt schwer traumatisiert worden und somit extrem gefügig und anpassbar.

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