Remo Largo über die Gewalt in Kinderheimen

© Beobachter 2010/Otto Hostettler

Bis weit in die siebziger Jahre wurden Kinder in Heimen misshandelt, gedemütigt und missbraucht. Im Beobachter berichteten Betroffene über ihre Erlebnisse. Doch wie konnten solch schwere Übergriffe üblich sein? Kinderarzt Remo Largo sieht als Basis dafür die repressive Erziehungshaltung, die damals breite Akzeptanz fand. 

Beobachter: Betroffene berichteten im Beobachter, wie sie in Kinderheimen bis in die siebziger Jahre unter Gewalt litten. Weshalb konnten sich Erziehungsmethoden aus dem 19. Jahrhundert so lange halten?

Remo Largo: Die Situation in Kinderheimen spiegelt die Erziehungshaltung, die damals auch in der übrigen Gesellschaft verbreitet war. Die repressive Haltung war auch in Familien üblich. Dies änderte sich erst in den sechziger Jahren. Hinzu kam, dass sich niemand um diese Arbeit in Heimen riss.

Beobachter: Was lösen Strafen wie kopfüber in einen Wassereimer gesteckt zu werden oder auf den Hintern angebundene Nachttöpfe bei Kindern aus?
Largo: Es gibt Betroffene, die leiden ein Leben lang darunter und werden allenfalls auch wieder zu gewalttätigen Erziehenden. Andere können das Trauma verarbeiten und überwinden – je nach Persönlichkeit.

Beobachter: Viele berichten von Prügelstrafen.
Largo: Körperstrafe war zu dieser Zeit weit verbreitet. In den sechziger Jahren wurde in Familien mehr als die Hälfte der Kinder geschlagen. Heute sind es noch 20 Prozent. Aber nur noch fünf Prozent der Eltern sehen die Körperstrafe als legitimer Teil der Erziehung. Eine Mehrheit jener Eltern, die heute noch schlagen, tun dies, weil sie in Konfliktsituationen nicht mehr weiterwissen und die Kontrolle verlieren. Die meisten bedauern dies im Nachhinein.

Beobachter: Wann hörte man auf, den Willen der Kinder zu brechen und sie so zu Gehorsam zu erziehen?
Largo: Das war ein schleichender Prozess. Die 68er Bewegung und die antiautoritäre Erziehung waren lediglich Phänomene eines viel tiefer gehenden gesellschaftlichen Wandels. Gehorsam war bei uns nicht nur ein Mittel, sondern der eigentliche Zweck der Erziehung. In der jüdisch-christlichen Tradition wurde das Kind so erzogen, dass es als Erwachsener nicht aufmuckt und sich der Obrigkeit fügt.  

Beobachter: In Kinderheimen legten auch Frauen bei Strafen eine unglaubliche Phantasie an den Tag.
Largo: Das waren Ausnahmesituationen mit überforderten Erzieherinnen. Die überwiegende Mehrheit der Frauen hat sich nicht so verhalten – was den Männern gar nicht behagte. Die Pädagogen beklagten bereits vor Jahrhunderten die enge Beziehung zwischen Mutter und Kind. Daher der Begriff «Affenliebe».

Beobachter: Was braucht es für eine Erziehung ohne Repression und Autorität?
Largo: Wenn man nicht autoritär und repressiv erziehen will, braucht es erstens eine Beziehung, in der sich das Kind akzeptiert und aufgehoben fühlt. Zweitens braucht es eine natürliche Autorität, die sich aus der Kompetenz des Erwachsenen ergibt. Ein Kind akzeptiert den Vater nicht einfach nur deshalb, weil er der Vater ist. Es akzeptiert ihn, wenn dieser etwas besser weiss oder besser kann. Genauso ein Lehrer, er kann heute den Schülern nicht einfach nur deshalb Anweisungen geben, weil er der Lehrer ist. Er muss mit seinen Kompetenzen glaubwürdig sein.

Remo Largo, 67, leitete 30 Jahre lang die Abteilung «Wachstum und Entwicklung» am Kinderspital Zürich. Seine Studien über die kindliche Entwicklung finden international Beachtung, seine Bücher «Babyjahre», «Kinderjahre» und «Schülerjahre» wurden Klassiker.

Das vollständige Interview lesen Sie im Beobachter 12/2010

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>