Das Leben im Durchgangszentrum

12644885_212554635755675_8417637317479537869_nAm Anfang stand ein Porträt. Über Faryda S. Eine 34-jährige Kurdin aus Aleppo, Syrien. Sie ist mit ihren drei Kindern (7-, 5,-, 4-jährig) zu Fuss, mit Autos, im Bus, mit der Bahn in die Türkei geflüchtet. Mit dem Schlauchboot nach Griechenland, über Mazedonien nach Ungarn, weiter nach Österreich, schliesslich nach Deutschland an den Bodensee und zu Fuss in die Schweiz. Ihr Mann ist seit drei Jahren verschwunden. Das war zur Zeit, als Assads Schergen Fassbomben auf die eigene Bevölkerung warf und unzählige Männer verschleppt wurden.

Es gibt Bekannte, die sagen mir: «Die kommen einfach, weil sie es hier besser haben als dort». Diese Wortwahl erinnert an Parolen aus einer Parteizentrale. «Dichtestress» ist auch ein beliebter Ausdruck und soll heissen, es kämen immer mehr Ausländer in die Schweiz. Deshalb seien die Züge so voll. Exponenten der grössten Partei wittern auch eine «Anspruchsinflation». Das heisst soviel, wie wenn Flüchtlinge immer mehr wollen als sie haben. So nach der Geschichte des Fischers und seiner Frau: Meine Frau, die Ilsebill, will nicht so wie ich gern will. Wer wissen will, weshalb Faryda S. geflüchtet ist, kann in der Bildersuche von Google «Aleppo» eingeben. Das beantwortet jede Frage. Kein Mensch unternimmt mit drei kleinen Kindern eine solche Reise aus Abenteuerlust, sondern aus Angst. Wer der Google-Bildersuche nicht traut, kann sich auch die Geschichte von Faryda anhören. Oder diejenige von N. und ihrem Kind. Das zweite Kind von ihr sowie ihre Eltern kamen bei einem Bombenangriff ums Leben.

Beide Frauen leben seit einigen Wochen in einem Durchgangszentrum im Berner Jura. Faryda lebt mit ihren drei Kindern in einem Zimmer, etwa 25 Quadratmeter. Vier Personen, drei Betten, zwei Schränke, ein Kühlschrank. Es ist eines der grösseren Zimmer im Durchgangszentrum. 65 Personen wohnen im Haus, ein lang gezogener Trakt, zwei Etagen. Unten wohnen allein lebende Männer, oben Familien und Frauen. Die Stimmung ist friedlich, man lässt sich gegenseitig gewähren, einige helfen einander, kochen miteinander. Andere schauen für sich. Wie es halt so ist, wenn 65 Personen, die sich nicht kennen, beisammen wohnen. Gruppendynamik, Getuschel im Korridor, lachen hinter der Hand. Aber immer herzlich. Eine Frau verteilt im Gang mit Gemüse gefülltes Fladenbrot.

Die Türen stehen schief in den Angeln, die Fensterrahmen verfaulen, der Boden ist abgewetzt. Es zieht durch die Ritzen. Immerhin: Die eine oder andere Toilette wurde renoviert. Die Küche hingegen ist in desolatem Zustand. Schubladen fallen auseinander, die Wände beim Fenster sind schwarz vor Schimmel. Das Haus hat schon bessere Zeiten gesehen. Das ist lange her. Sehr lange. Mein siebenjähriger Sohn sagt auf der Fahrt nach Hause: «Ich würde einen grossen Bagger nehmen, alles flach machen und drei neue Häuser bauen.»

Wir sind zum Essen eingeladen. Um zwei Tische sitzen drei Familien, ein halbes Dutzend Erwachsene, ebenso viele Kinder. Stühle hat es nicht genug. Einige sitzen auf dem Bett. Ein Mädchen sitzt im Schrank. Der Schrank ist eigentlich nur ein Gestell, vornüber hängt ein Tuch. Es gibt Reissuppe, dann Poulet, Aubergine, gefüllt mit Hackfleisch. Dazu Reis und kleine Fleischstücke. Alle essen mit Löffel. Es gibt nur eine Gabel und zwei Messer. Gläser gibt es keine. Ein Kind trinkt aus einem Becher Wasser, es ist kein Trinkbecher, sondern ein Kunstoffbehältnis, in dem der Grossverteiler einst Datteln verkaufte.

Der Herbst war mild, der Winter blieb vorerst aus. Mit dem neuen Jahr kam aber auch der Schnee. Die Kinder spielen draussen, sie sitzen zum ersten Mal auf einem Schlitten. Der Schnee ist die einzige Betätigungsmöglichkeit für die Kinder im Durchgangszentrum. Ein siebenjähriger Knabe zieht den Bob zum x-ten Mal nach oben, sitzt drauf und fährt nach unten. Er trägt lediglich lange Unterhosen. Und Turnschuhe – ohne Socken, wie die allermeisten anderen Kinder. Handschuhe kennen sie nicht. Der 17-jährige Jodi hat vor Kälte leuchtend rote Hände. Nein, nein, er friere nicht, beteuert er. Dazu strahlt er. Als wir uns am späten Nachmittag verabschieden, stehen sie alle im Korridor. Frauen, Männer und Kinder aus Syrien, Afghanistan, Tibet und Somalia. Niemand beklagt sich, weder über die fehlenden Kleider noch über die unwürdige Unterkunft. Alle strahlen.

Hinweis: Wir suchen weiter Kleider, Schuhe (Kinder, Frauen, Männer) sowie Spielzeug und Zeichnungsmaterial sowie engagierte Menschen. Kontakt: otto.hostettler@bluewin.ch

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