Warum ich mich gegen PR abgrenze

Gibt es «gute» Lobbyisten und «böse» Lobbyisten? Nein, deshalb sollten wir Journalisten eine gesunde Distanz zu dieser Branche wahren.

twitterDie Twitter-Nachricht war an mich gerichtet: «ich freue mich auf eine Replik», schrieb Oliver Classen, hartnäckiger Themenplatzierer der NGO «Erklärung von Bern». Er verlinkte dazu einen Text über darbenden Journalismus und die Notwendigkeit von NGOs, den zusammengesparten Redaktionen mit eigenen Recherchen auszuhelfen. Auslöser seiner Rechtfertigung war eine Twitter-Meldung, in der er Anfang Jahr seine Teilnahme am  Recherchetag des Medienausbildungszentrums MAZ in Luzern ankündigte. Die Frage, die ich darauf via Twitter schrieb, drängte sich förmlich auf: Was hat eigentlich ein Lobbyist am Recherchetag der Schweizer Journalisten zu suchen? Classen war nicht Referent und er war auch nicht als Teilnehmer eines Podiumsgesprächs vorgesehen. Und Recherchieren muss er auch nicht mehr lernen. Der frühere Journalist und heutige NGO-Sprecher hat dies als Co-Autor des Buchs «Rohstoff, das gefährlichste Geschäft der Schweiz» bewiesen.

Also: Warum besuchte Classen einen Anlass, an dem sich Journalisten über Recherche  austauschen?  Die Antwort ist einfach. Classen kam wegen der Journalisten. Selten versammeln sich in der Schweiz so viele neugierige, motivierte Journalistinnen und Journalisten an einem Ort. Gegen 80 an der Zahl konnte er am Recherche-Anlass auf einen Schlag treffen. Um seine Themen in Schweizer Medien zu platzieren, braucht Classen Zugang zu Journalisten. An diesem Treffen standen für ihn Aufwand und Ertrag in einem traumhaften Verhältnis. Effizienter kann Lobbyismus kaum sein.

Die Frage ist durchaus selbstkritisch gemeint: Hätten wir Journalisten andere Lobbyisten auch an der Tagung teilnehmen lassen? Etwa Thomas B. Cueni, Cheflobbyist von Interpharma, Jürg Wildberger von Hirzel.Nef.Schmid-Konsulenten. Wie so viele Lobbyisten waren auch Cueni und Wildberger einst Journalisten. Wetten, dass ein Aufschrei durch die Medienszene erfolgt, wenn der Interpharma-Chef am Recherchetag aufkreuzt?

Classen sieht sich noch immer als Journalist, er ist sogar «konsterniert», mit klassischen Lobbyisten verglichen zu werden. Es gibt Journalisten, die sagen, er sei eben ein «guter» Lobbyist. Die «Erklärung von Bern», die sich für eine gerechtere Welt einsetzt, sei gar nicht so weit weg von der Tätigkeit eines «Beobachters», der sich «stark für die Schwachen» auf die Fahne geschrieben habe. Ja, der «Beobachter» wehrt sich mitunter anwaltschaftlich für die Interessen seiner Leser. Manchmal werden sie von Betrügern geprellt, manchmal von Behörden schickaniert oder drangsaliert. Dann setzt sich die Redaktion für sie ein, schreibt ihnen ein Gesuch um Akteneinsicht oder übergibt einen Musterbrief zur Beanstandung einer Abzocker-Rechnung. Andere Medien setzen sich beispielsweise für weniger Regulierungen im Finanzmarkt ein (Finanz und Wirtschaft) oder kritisieren die Allmacht der Banken (WOZ). Journalisten müssen meiner Meinung nach eine Haltung haben. Anders gesagt: Journalismus ohne Haltung ist haltlos. Praktisch jede Themensetzung von Journalisten ist letztlich Politik. Völlig vermessen ist nun aber, den «Beobachter» als Lobbyorganisation herbei zu argumentieren mit dem Ziel, die «Erklärung von Bern» als journalistische Kraft zu definieren.

Die «Erklärung von Bern» erfüllt – wie viele andere Lobbyorganisationen – aus ihrer Sicht unverzichtbare Arbeit. Sie recherchiert, bereitet Zahlen auf, sucht spannende Fallbeispiele, um eine gewünschte Situation treffend darzustellen. Letztlich tut sie das in der Hoffnung, via Medien eine Breitenwirkung zu erzielen. So arbeitet aber auch Interpharma, etwa wenn sie mit einer Wertschöpfungsstudie nachweist, wie wichtig die Pharmaindustrie als Arbeitgeberin für die Region Basel ist. Lobbyisten sind wichtige Input-Geber für Journalisten. Aber meiner Meinung nach gibt es keine «guten» oder «böse» Lobbyisten. Deshalb sollten wir auch eine gesunde Distanz zu dieser Branche wahren. Die Lobbyisten machen es genauso. Lobbyisten, die etwas auf sich haben, agieren zurückhaltend, nicht aufdringlich.

Die Selbstsicht von Classen deckt sich ausserdem in einem anderen Punkt vollständig mit derjenigen von anderen (zeitgemässen) Lobbyisten. Er nimmt für sich in Anspruch, ein «Informationsermöglicher» zu sein und kein «Informationsverhinderer». Aber: Angenommen, ein Journalist würde über einen Mobbingfall bei der «Erklärung von Bern» recherchieren oder über finanzielle Unstimmigkeiten in der Kasse der NGO. Wäre Classen dann auch ein «Informationsermöglicher»?

Am meisten aber stört mich an Classens Sicht, dass er sich als Demokratieretter aufspielt. Er behauptet allen Ernstes, die «Medienkrise» erzeuge «demokratierelevante Informationslücken». Er als PR-Journalist könne diese Lücke mit «nötiger PR» schliessen. Mit Verlaub, von was für einer «demokratierelevanten Informationslücke» spricht Classen? Machen Journalisten heute einen schlechteren Job als ihre Vorgänger in den 80er Jahren? Kaum. Klar, es hat sich einiges verändert in der Medienszene, das Geschäftsmodell von Zeitungen funktioniert nicht mehr wie vor 30 Jahren. Aber deswegen sind die Zeitungen nicht schlechter. Trotz aller Sparrunden gibt es heute in vielen Zeitungen immer wieder hervorragende Geschichten. Wie schon früher. Es gibt aber auch immer wieder Themen, die wir Journalisten verschlafen, leider. Wie früher auch schon. Sicher, wir können immer besser werden. Aber dass früher alles besser war, ist ein Mythos.

Ist «Para-Journalismus» eine Bereicherung?, fragt Oliver Classen schliesslich. Ja, zweifellos. Aber nicht für den Journalismus, sondern für die PR-Branche.

 

Die Twitter-Diskussion findet sich hier.

«Para-Journalismus als Bedrohung und/oder Bereicherung», Oliver Classen in der Medienwoche:
http://www.werbewoche.ch/zeitung/para-journalismus-als-bedrohung-undoder-bereicherung

 

 

7 thoughts on “Warum ich mich gegen PR abgrenze

  1. Guter Kommentar, ich teile die Sichtweise. Zukünftig sollte man bei den Einladungen konsequent sein: Entweder dürfen alle bezahlten Interessenvertreter teilnehmen oder eben keine.

  2. Ich sehe anhand von ihrer Argumentation, Herr Hostettler, nicht, inwiefern sich ein Beobachter, eine WOZ oder eine FuW von einer Erklärung von Bern unterscheiden sollen, wenn doch alle, wie sie selbst schreiben, eine bestimmte Geisteshaltung offen deklarieren und sich für die damit verbundenen Werte einsetzen. Der einzige Unterschied, ihrer eigenen, zu knappen Argumentation zufolge, besteht darin, dass WOZ, Beobachter und FuW seit Jahren ihre Sicht als Pressetitel darlegen können und dabei vom Irrglauben der Medienkonsumenten profitieren, die (mit Ausnahme der WOZ) den besagten Titeln Objektivität in der Berichterstattung unterstellen. Die Erklärung von Bern hat mit der Publikation ihres Rohstoffbuches Aufgaben erfüllt, die genauso von klassischen Medientiteln hätten erfüllt werden können, ja müssen. Sie ist in ihren Geschäftsbereich eingedrungen und hat direkt publiziert ohne den Umweg über die etablierten Medienhäuser zu suchen. Diese dienten im besten Fall als Steigbügelhalter für die Bewerbung des Buches selbst.
    Wenn sie also behaupten, dass Journalismus einer gewissen Haltung bedarf (was ich übrigens auch glaube), so frage ich mich doch, wie sie etablierte Medien mit einer klaren offen erkennbaren Haltung von NGOs unterscheiden wollen, die ebenfalls einfach eine gewisse Haltung einnehmen und ihre Sicht publizieren.

    Zudem: Demokratierelevante Informationslücken müssen nicht entstehen, weil früher alles besser war. Tatsächlich sind viele Zeitungen heute in vielen Bereichen besser (und schöner…). Unbestritten aber ist, dass die Welt komplexer geworden ist, eine der wenigen Plattitüden, die tatsächlich so schön ist, weil sie stimmt. Unbestritten ist auch, dass die Schreib- und Recherchekraft vieler Redaktionen mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten hat. Und das finde ich noch nett ausgedrückt. Diese zwei Entwicklungen resultieren automatisch in Informationslücken. Wer daran zweifelt, dass diese Informationslücken demokratierelevant sind, hat glaubt entweder nicht an die Wirkungskraft der Medien (und sollte wohl nicht beim Beobachter arbeiten) oder hat schlichtwegs das letzte Abstimmungswochenende nicht mitbekommen.

    • Die Shell-Jugendstudie erfüllt auch Aufgaben, “die genauso von klassischen Medientiteln hätten erfüllt werden können.” Unterscheiden sich also auch die Pressesprecher von Shell nicht von Journalisten?

  3. Der witz war gut..Zitat: “die «Medienkrise» erzeuge «demokratierelevante Informationslücken». Er als PR-Journalist könne diese Lücke mit «nötiger PR» schliessen. ”
    Das ist ja zu komisch. PR besteht meistens aus ..Lügen..Verdrehungen und dem weglassen von allem was negativ sein könnte. Also wird von daher durch PR gar nichts geschlossen. Und schon gar nicht eine journalistische Lücke. Aber man kann für alles das man tut einen Rechtfertigungsgrund finden..und sei er noch so an den Haaren herbeigezogen.

  4. Was unterscheidet den “guten” Lobbyisten vom “bösen” Lobbyisten? Vielleicht, dass der “böse” Lobbyist, zumal in Gestalt des beispielhaft genannten Pharmalobbyisten, ausschließlich die Profitinteressen seines Arbeitgebers im Blick hat, während der “gute” Lobbyist, zumindest dem Ideal nach, die Interessen einer Allgemeinheit?

  5. “Lobbyisten”? “P.R.”?
    Ich spreche deutlicher- wie ehrlicherweise immer von Reklame und Bestechung.
    .
    Auch, weil: Alles was englisch betitelt ist, ist sowieso ein Schmarr’n.

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