Tabakgegner: «… Seite an Seite mit Nationalsozialisten…»

Tabak-LBIm Beobachter schrieben mein Kollege @beobangeli und ich vor einigen Monaten die Titelgeschichte «Das Tabakparadies: Wie die Schweiz Hersteller hätschelt und Raucher schont». Es war voraussehbar: Eine Welle Leserbriefe erreichte uns. Nicht nur erfeuliche Worte fanden die Absender für unsere Recherche. Doch der jüngste, eben erst eingetroffene Brief schlägt alle bisher ins Feld geführten Argumente:

«Die Tabakgegner argumentieren vor allem auch ideologisch. Sie sitzen hier Seite an Seite mit den Nationalsozialisten».

Ein zweites Argument habe ich so auch noch nie gehört: «Die Ärzte und Spitäler leben davon». Der Leserbriefschreiber meinte wohl, Berufe des Gesundheitswesen profitierten von Rauchern. Wollte Leserbriefschreiber H.P.I aus L. tatsächlich ausdrücken, dass Ärzte und Spitäler froh um jeden Raucher sein können? Sagt also der eine Arzt zum andern: Endlich wiedermal ein Lungenkarzinom? Glaubt Herr I. allen Ernstes,  Spitäler würden sich auf rauchende Patienten ausrichten, weil diese gute Kunden sind? Zuerst der eine Lungenflügel, anschliessend noch ein Zungenkarzinömchen im Rachenraum? Nur weil es Geld gibt? Vielleicht sollte Herr I. die Beobachter-Recherche noch einmal lesen: Der Gewinn pro Aktie der drei grössten Tabakkonzerne Philip Morris, British Americam Tabacco und Japan Tobacco International hat sich seit 2007 praktisch verdoppelt. Wer genau profitiert von den Rauchern?

Ladekabelsalat à discretion

Die EU will einheitliche Stecker für Ladekabel von Handys, Smartphones und Tablets. Ob das Konsumentenärgernis mit den unterschiedlichen Ladekabel aber aus der Welt geschafft wird, steht in den Sternen.

LadekabelMit der Freiwilligkeit klappte es nicht, jetzt will die EU die Hersteller von Mobiltelefonen und Smartphones per Gesetz zur Kundenfreundlichkeit zwingen. Doch das letzte Woche vom EU-Parlament verabschiedete Gesetz ist gnädig ausgefallen. Den Herstellern wird eine grosszügige Umsetzungsfrist von drei Jahre eingeräumt, bis sie das einheitliche Ladekabel einführen müssen. Im Internet-Zeitalter eine halbe Ewigkeit.

Mit einer freiwilligen Lösung war es der Branche offensichtlich nicht allzu ernst. Vor bald fünf Jahren hatten sich die Hersteller mit der EU geeinigt, künftig einen einheitlichen Stecker zu verwenden. Doch aus der in schönen PR-Phrasen angekündigten Meldung von 2009 wurde nie etwas. Die Industrie ignorierte die Konsumenten kurzerhand – und lancierte munter weiterhin mit fast jeder Gerätegeneration ein neues Ladekabel.

 

Xing versteckt massive Gebührenerhöhung

Das Berufsnetzwerk Xing erhöht seine Mitgliedergebühren massiv – und versteckt sie hinter der Umstellung auf Schweizer Franken.

xing-logoDie Kosten der Mitgliedschaft beim deutschen Berufsnetzwerk Xing ist offensichtlich Glückssache. Einige bezahlten einen Jahrestarif von 112 Franken,  viele profitierten aber offensichtlich von Aktionspreisen und Sonderprogrammen. Nutzer hatten die Übersicht längst verloren. Jetzt will Xing seine Preise «harmonisieren und anpassen». Der neue Einheitstarif für Schweizer Mitglieder beträgt gemäss Xing Schweiz Country Manager Robert Beer Fr. 155.40 pro Jahr.

Wer die Preismodelle nicht genau sturiert, bezahlt aber noch mehr: Vor wenigen Tagen kündigte mir Xing einen neuen Monatstarif von Fr. 16.95 an, macht pro Jahr Fr. 203.40; also fast eine Verdoppelung – und 50 Franken mehr als der neue Einheitstarif. Erst auf Nachfrage bei Xing heisst es lapidar: Der tiefere Preis entspricht einer jährlichen Zahlung, der höhere Tarif wird bei der dreimonatlichen Zahlung verrechnet.

Damit die happige Gebührenerhöhung nicht zu sehr auffällt, versteckte sie Xing hinter dem angeblich «vielfachen Wunsch unserer Kunden», Mitgliederbeiträge neu in Schweizer Franken in Rechnung zu stellen statt wie bisher in Euro. Warum Deutsche Xing-Kunden in Zukunft aber massiv günstiger fahren als Schweizer, erfährt man nicht. In Deutschland beträgt der neue Jahrestarif Euro 95.40. Bei einem Umrechnungskurs von 1.25 wären dies gerademal Fr. 119.25. Schweizer Kunden berechnet Xing künftig satte 36 Franken mehr.

Die Preiserhöhung sorgte auf verschiedenen Kanälen bereits für erboste Reaktionen. Auch in Xing-Foren hagelte es Proteste. Einige Nutzer kündigten über Twitter ihre Kündigung an. Einige enttäuschte Xing-Kunden verabredeten sich spontan zum «Goodby Xing Premium Dinner».

Xing-Schweiz-Chef Beer sagt zur versteckten Tarifsteigerung, dies sei die erste Preiserhöhung seit zehn Jahren. In letzter Zeit habe man die Premium-Mitgliedschaft «massiv ausgebaut». Beer: «Die Investitionen, die wir gerade in jüngster Zeit in der Schweiz getätigt haben, rechtfertigen unserer Meinung nach den neuen Preis.»

Smart Meter: wer genau «floppt» in Luzern?

«Intelligente Stromzähler floppen» berichten mehrere Zeitungen zu einem Versuch des halbstaatlichen Energiekonzerns CKW. Der erhoffte Spareffekt sei bescheiden. Doch die Frage drängt sich auf: wer genau «floppt» da?

imagesDie Axpo-Tochter CKW zog nach 3,5-jährigem Test im Kanton Luzern mit 1000 so genannten intelligenten Stromzählern ein ernüchterndes Fazit: «Für die grosse Mehrheit der Kunden sind die Stromspareffekte und der Nutzen von Smart Meter gering.» Der neuartige Zähler, der über ein Display im Haushalt den aktuellen Stromverbrauch anzeigt, würde sich nur für jene Kunden lohnen, die hochmotiviert seien und sich mit ihrer Energieeffizienz auseinander setzen würden. «Der intelligente Zähler allein spart noch keinen Strom», schreibt die CKW in einer Medienmitteilung.

Fazit des 3-Millionen Franken teuren Pilotprojekts: Die CKW setzt künftig auf Energiesparmassnahmen, «die sich für alle Kunden lohnen» würden. Denn gemäss Angaben der CKW hat die live-Information über den eigenen Stromverbrauch nur einer kleinen Gruppe von interessierten Haushalten Einsparungen gebracht. Im Durchschnitt würden diese lediglich 3 Prozent Strom sparen, umgerechnet 30 Franken pro Jahr.

Wie genau beispielsweise die Luzerner Zeitung und die Berner Zeitung darauf kommen, dass Smart Meter «floppen», ist ein Rätsel. Die Meldung stammt von der Schweizerischen Depeschenagentur (sda), den Begriff «Flop» verwendete die CKW nicht, dürfte also von der sda stammen. Der Verdacht liegt nahe: Die Tonalität der Pressemeldungen sind ganz im Sinn der CKW. Denn mit dieser Interpretation des Pilotversuches kann sich die CKW getrost zurück lehnen, denn offensichtlich drängen sich nach diesem Versuch keine Investitionen in solche Geräte auf.

Dabei geht allerdings Folgendes vergessen: Nicht die neuartigen Zähler sparen Strom, sondern die Stromkonsumenten. Das tun sie beispielsweise mit energieeffizienteren Geräten oder mit einem bewussterem Umgang der täglichen Gewohnheiten. Für die CKW aber könnten Smart Meter sehr wohl ein Gewinn sein. Die Geräte gäben dem Energieversorger die Möglichkeit, den Verbrauch ihrer Kunden online zu verbuchen, statt wie vor 50 Jahren persönlich von Haushalt zu Hauhalt abzulesen. Doch die Schweizer Stromkonzerne schicken lieber ihr das Ablese-Personal vorbei, statt die Elektronik zu nutzen.

Den tatsächlichen Nutzen werden Smart Meters ohnehin erst dann entfalten können, wenn auch in der Schweiz flexible Tarife möglich werden. Sprich: Zu Tageszeiten mit hohem Stromverbrauch (und Stromknappheit) sind die Tarife hoch, bei Stromüberschuss (und Stromüberfluss) sind die Kosten tief. Aber solche Modelle, mit welchen Konsumenten Geld sparen könnten, scheuen die Schweizer Energieversorger bisher wie der Teufel das Weihwasser. Dazu kommt: Angenommen alle 200’000 von der CKW mit Strom versorgten Haushalte im Kanton Luzern würden – wie im Pilotprojekt von interessierten Kunden erreicht – durchschnittlich 30 Franken  Strom sparen, gingen der CKW jählich 6 Millionen Franken Einnahmen aus dem Stromverkauf verloren.

Ironie der Geschichte: Praktisch zeitgleich mit der Ankündigung der CKW, nicht weiter auf die intelligenten Stromzähler zu setzten, wurde eine denkwürdige Firmenübernahme bekannt: Für 3.2 Milliarden Dollar übernimmt der Suchmaschinen- und Werbekonzern Google das US-Unternehmen Nest, ein Anbieter von intelligenten Heizungsreglern und Rauchmeldern. Thermostate von Nest können über Internet und Smartphone gesteuert werden und gelten als “lernfähig”. Sie erkennen die Gewohnheiten der Benutzer. Wenn beispielsweise Bewohner einer Liegenschaft immer tagsüber abwesend sind, reduziert der Thermostat automatisch die Raumtemperatur.

 

Coop ersetzt Bisophenol haltige Kassenzettel

Plötzlich geht es doch: Coop will per Ende Jahr kein Kassenzettel-Papier mehr mit Bisphenol A (BPA)  verwenden. Beim Bundesamt für Gesundheit ist der hormonaktive Stoff weiterhin kein Thema.

bpaBisphenol A ist seit Jahren in der Verpackungsindustrie ein beliebter Stoff und gehört zu den weltweit am meisten produzierten Chemikalien. Er wird in vielen Getränkeflaschen verwendet aber auch in Konservenbüchsen und anderen Nahrungsmittelbehältnissen. Doch der praktischen Verwendung zum Trotz: Der hormonaktive Stoff mit östrogenartiger Wirkung kann den Hormonhaushalt des menschlichen Körpers beeinflussen und steht im Verdacht, verschiedene Krebsarten auszulösen. Das deutsche Umweltbundesamt betont das «ausreichende Besorgnispotenzial» und fordert von der Industrie «gesundheits- und umweltfreundlichere Alternativen» zu verwenden, «insbesondere für Produkte im Kontakt mit Lebensmitteln».

Aus vielen Schoppen und Nuggis ist BPA inzwischen verschwunden, obschon Hersteller immer wieder betonen, Bisphenol A sei unbedenklich. Coop verbannte diese Nuggis und Schoppen schon vor drei Jahren aus dem Regal. Und auch der Industriebetrieb SIGG verzichtet inzwischen bei seiner beliebten Getränkeflasche auf den Einsatz von Bisphenol A. Das Bundesamt für Gesundheit hingegen behauptet auch heute kühn, es bestehe «kein Gesundheitsrisiko». Achtzehn führende Wissenschaftler im Bereich des weiblichen Fortpflanzungssystem kamen hingegen zu einem alarmierenden Schluss (siehe «Bisphenol A: Seit Jahren im Verdacht»).

2010 wies das Zürcher Kantonslabor nach, dass BPA von Kassenzetteln innerhalb weniger Sekunden auf der Haut haften bleibt und der Verdacht bestehe, dass der Stoff anschliessend in die Haut eindringe («Der Kassenzettel kann Ihre Gesundheit gefährden»). Bereits damals kündigte Coop Tests mit alternativem Papier an, jetzt will der Grossverteiler die Umstellung auf bisphenolfreies Papier per Ende 2013 in allen Filialen abgeschlossen haben. Die BPA-haltigen Kassenzettel verschwinden auch aus den Filialen der zu Coop gehördenden Ladenketten von Interdiscount, Import-Parfumerie und Toptip/Lumimart.

Mit der Aktion schwelgt aber auch eine gute Portion PR mit: In schwülstigen Worten lässt der Grossverteiler verlauten: «Coop nimmt die Bedenken der Kunden und Mitarbeitenden ernst und nutzt die Chance, die der Fortschritt bietet.» Und betont dabei, man sei der erste Detaillhändler der Schweiz, der sich von Bisphenol A auf Kassenzetteln verabschiede. Gleichzeitig betont Coop, die Wirkung der Bisphenole sei nach wie vor «wissenschaftlich umstritten» und von den Behörden «nicht verboten». Was weder Coop noch das Bundesamt für Gesundheit sagen: in mehreren Ländern ist Bisphenol A in Babyflaschen verboten – bereits seit Jahren.

 

Schmieren und salben hilft allenthalben

Die Muskelcrème Perskindol kann auch Kopfschmerzen bereiten: Der Pharmabereich der Galenica-Gruppe kleistert die Plakatwände zu und stopft die Apotheken mit Werbung voll – Personal inklusive.

perskidolBescheidenheit ist kein Kernelement der aktuellen Werbekampagne des Pharmakonzerns Vifor. Für eines seiner bekanntesten Produkte, die Muskelcrème Perskindol, kleistert der Pharmabereich der Galenica-Gruppe derzeit die Plakatwände zu. Mehr noch: Wer Apotheken betritt, muss sich teils buchstäblich durch einen gelb verbarrikadierten Eingang kämpfen. Hinter dem Tresen der Apotheken empfangen einem Mitarbeiter der Apotheke auch gleich noch im gibeligelben Perskindol-T-Shirt.

Von diesem Personal soll der Kunde eine neutrale fachliche Beratung erhalten, die er an der Kasse auch noch mit einem Zuschlag finanzieren muss? «Die Apotheker werden in ihrer Beratung in keiner Weise beeinflusst, sie sind absolut unabhängig», versichert eine Perskindol-Sprecherin. Die T-Shirts würden den Apotheken gratis zur Verfügung gestellt, betont die Firmen-PR-Stelle. Weil Perskindol das Eidgenössische Turn und Sportfest sponserte, sei die nationale Kampagne in der Region Biel mit T-Shirts für Apotheken und Drogerien «ergänzt» worden.

Wow, die Apotheker ziehen die gelben Shirts sogar freiwillig über! Für eine gute Sache. Oder steckt doch mehr dahinter? Es ist eine alte Geschichte, dass sich Apotheken von Pharmaunternehmen dafür bezahlen lassen, deren Produkte auffällig im Laden zu plazieren und damit bevorzugt zu verkaufen. Wieviel die Industrie dafür bezahlt, will niemand sagen. Auch im Fall des augenfälligen Auftritts von Perskindol heisst es: «keine Auskunft».

Publikumswerbung ist für Perskindol gesetzlich erlaubt, das Produkt ist bei Swissmedic teilweise als Kosmetika und teilweise als Arzneimittel registriert. Zulässig ist aber nur so genannte «Markenwerbung». Anders sähe es aus, wenn Perskindol auch so genannte Produktewerbung betreiben würde, also Werbung mit Heilanpreisung. Wegen dieser Problematik sagt Apothekerverbands-Sprecher Karl Küenzi: «pharmaSuisse ermuntert seine Mitglieder zu einem zurückhaltenden Einsatz von Werbung.» In der Standesordnung heisst es trotzdem nur schwammig: «Sie machen Werbung, (…) die weder irreführend noch aufdringlich ist.» Und: «Sie enthalten sich jeder Art kommerzieller Sonderabmachungen mit anderen Leistungserbringern zwecks gegenseitiger Begünstigung.» Glauben macht seelig.

Abt. für dumm verkauft

Bei Coop kann man jetzt Verpackungen sogar öffnen. Easy.

20130703-213338.jpgCoop hat eine bahnbrechende Neuerung eingeführt: In Plastik verschweisste Fleischwaren kann man neu auch öffnen. Nein, das ist nicht selbstverständlich. Das war auch nicht immer so. Zwar ist jeweils eine Ecke etwas weniger kompakt verschweisst, doch so richtig packen und von der Plastikunterschale wegziehen kann man die Folien nicht. Wer die Schere zur Hand nimmt flucht und schneidet sich entweder in die Hand oder ins (Tier)-Fleisch.

Fazit: Je nach Gschick lässt sich das Plätzli schneller oder weniger schnell von der Verpackung befreien.

Jetzt wird alles anders. Der neue Verschluss heisst «easy to open» und: Er lässt sich wirklich very easy open. Aber die Frage drängt sich auf: Warum war die Verpackung eigentlich bisher NICHT easy zu öffnen?

Ein Schelm, der denkt, die mühsame Verpackung habe sich deshalb so lange halten können, damit die Neuerung jetzt werbewirksam präsentiert werden könnte. Das wäre nun ja wirklich very easy durchschaubar.

Versteckspielen mit Nestlé

Nestlés Kinder-Frühstücksflocken sind in vielen Fällen kräftige Zuckerbomben. Daran ändert auch der neuste PR-Feldzug des Nahrungsmittel-Konzerns nichts.

2013-01-23 16.13.20Die neuste Inseratekampage des Nahrungsmittel-Multi Nestlé suggeriert: Jetzt ist alles anders. «Weniger als 9 g. Zucker pro Portion», prangt in grossen Buchstaben. Dazu der Claim: «Die Lieblingscerealien Ihrer Kinder haben jetzt eine verbesserte Rezeptur …» Auf den Verpackungen prangt zudem prominent der Hinweis, die süssen Flakes würden 36 Prozent Vollkorn enthalten («Lion»).

Tönt gut. Aber: Wo ist der Zucker nur geblieben? Natürlich in den Frühstücksflocken. Die Flakes  «Lion» bestehen auch heute noch zu über einen Viertel aus purem Zucker (siehe hier). Trotz der von Nestlé gelobten «neuen Rezeptur». Vorher war es einfach noch schlimmer: Bisher vor kurzen hatten die «Lion»-Cerealien einen Zuckeranteil von über 35 Prozent. Bildlich ausgedrückt: Wer eine mittlere Schale Frühstücksflocken ass (50 Gramm), schluckte bisher auch gleich über vier Stück Würfelzucker. Neu sind es nur noch knapp vier Stück Würfelzucker.

Die neuste Werbebotschaft basiert – einmal mehr – auf schön gerechneten Fakten. Nestlé wählt die Portionengrösse so klein, dass der Anteil Zucker auf weniger als 10 Gramm fällt. Das klingt es fast so, als würde der Nahrungsmittel-Multi die Forderung der deutschen Konsumentenorganisation Foodwatch erfüllen. Sie verlangte jüngst, Frühstücksflocken sollten nicht mehr als 10 Prozent Zuckern enthalten. Jetzt prangt auf den Nestlé-Inseraten eine «9». Doch Nestlé spricht in der neusten Werbung nicht von Prozenten, sondern von Gramm. Diese bezieht sich auf eine – extrakleine – Portion von 30 Gramm. Diese Schönrechnungs-Methode wendet die Industrie bereits seit einigen Jahren an – offensichtlich erfolgreich (siehe hier).

 

Soviel Zucker enthalten Nestlé-Kinder-Frühstücksflocken:

Lion

Anteil Zucker neu: 29,2 % (bisher: 35,2%); entspricht fast 4 Stk. Würfelzucker (bisher fast 5 Stk)*

Nesquick Duo 

Anteil Zucker neu: 25% (bisher: 30.9%); entspricht 3 Stk Würfelzucker (bisher fast 4 Stk)*

Nesquick  

Anteil Zucker neu: 25,2 % (bisher: 30,4 %); entspricht 3 Stk Würfelzucker (bisher fast 4 Stk)*

Cookie Crisp

Anteil Zucker neu: 24,2 % (bisher34,4 %); entspricht 3 Stk Würfelzucker (bisher über 4 Stk)*

Cini Mini    

Anteil Zucker neu 25,1 % (bisher: 32,1 %); entspricht 3 Stk Würfelzucker (bisher 4 Stk)*

 

*) bei einer mittleren Frühstücksportion (50 Gramm)

(Zuckeranteil gemäss Angaben von Nestlé)

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Mais fürs Bisi vom Büsi

Statt auf dem Teller im Katzenklo: Die Landi vertreibt ein Katzenstreu, das aus Mais hergestellt wird – und sieht kein Problem dabei.

MaisernteDer grösste Teil der weltweiten Maisernte landet nicht auf dem Teller, sondern im Tank von Autos. Jener Teil, der Menschen ernährt, wird immer kleiner. Eindrücklich zeigt dies die Statistik der USA, grösster Maisroduzent der Welt:Im Erntejahr 2010/2011 verarbeiteten die USA 128 Millionen Tonnen Mais zu Ethanol, fünfmal so viel wie vor zehn Jahren. Nur etwa 35 Millionen Tonnen enden als Müesliflocken oder Stärke. Hilfswerke kritisieren, die Nachfrage nach Ethanol erhöhe die Preise für Mais. Das werde für die Ärmsten, die sich von Mais ernähren, immer mehr zum Problem.

In der Schweiz promotet beispielsweise die Landi ein Maisprodukt – als Einstreu im Katzenklo. Die Katzenstreu Biscat natur bestehe «zu 100 Prozent aus nachwachsenden, pflanzlichen Rohstoffen», lobt die Landi. Klingt gut. Doch es handelt sich nicht um irgendeinen pflanzlichen Rohstoff, sondern eben um gemahlenen Mais. Anders gesagt: Katzen entleeren Blase und Darm also auf ein Nahrungsmittel.

«Das ist pietätlos», kritisiert Marianne Schmid (Name geändert). Sie kaufte in der Landi Schänis SG eine Packung und bemerkte zu Hause: «Das riecht und schmeckt wie Frühstücksmüesli.» Tatsächlich steht auf der Packung: «aus Mais und Getreide».

Bei der Landi sieht man kein Problem: Es handle sich um ein «Abfallprodukt». Bevor Mais zu Nahrungsmitteln verarbeitet werde, werde er gesiebt, dabei falle «Maisbruch» an. «Biscat-Naturkatzenstreu besteht zu 100 Prozent aus Maisbruch», sagt Landi-Sprecherin Sonja Schild. Dieser werde vermahlen, wodurch die «vielporige» Einstreu entstehe.

Ob es sinnvoll ist, Mais ins Katzenklo zu streuen, statt als Nahrungsmittel zu verwenden, beantwortet Sonja Schild nicht.

Den vollständigen Artikel finden Sie im Beobachter 1/2013 (online nicht verfügbar)
(Bild: © mirpic – Fotolia.com)
 

Strom: Clever teilen spart Kraftwerk

Mit einem virtuellen Kraftwerk liesse sich so viel Strom ins Netz einspeisen wie mit einem mittelgrossen ­Gaskraftwerk. Doch die Stromkonzerne setzen lieber auf Gas.

Stromversorgung - UmspannwerkDie Schweizer Stromwirtschaft hat ihr eigenes Rezept, um die Energiewende zu schaffen: Sie möchte die jahrzehntealten Atomkraftwerke durch neue Gaskraftwerke ersetzen. Vier, lieber fünf, noch besser sechs sollen es sein. Es gibt aber eine Alternative dazu, die bisher kaum diskutiert wurde: sogenannte vir­tuelle Kraftwerke.

Ihr Prinzip ist einfach, die Technik ­vorhanden, die Einführung überraschend günstig: Grosse Strombezüger werden mit einer intelligenten Computersteuerung untereinander vernetzt. Der Strom, der durch kurzzeitig nicht benutzte Motoren, Pumpen oder Kühlaggregate für Sekunden oder Minuten frei wird, kann praktisch in Echtzeit anderen Strombezügern geliefert werden, die just in jenem Moment einen höheren Bedarf haben. So lassen sich Lastspitzen brechen, die sonst durch ein konventionelles Kraftwerk produziert werden müssten.

Trotz grossem Potential steckt das so­genannte Lastspitzenmanagement in der Schweiz noch in den Kinderschuhen. Das einzige konkrete Projekt heisst Flex Last, wird vom Bundesamt für Energie gefördert und wurde im September mit grossen Worten angekündigt. Dahinter stehen neben IBM die Migros und der bernische Stromkonzern BKW. Als Strompuffer dienen hier die Kühlhäuser der Migros-Verteilzentrale in Neuendorf SO.

In eine andere Dimension will ein Projekt von Xamax vorstossen, einer auf Energie­effizienz spezialisierten Tochterfirma des Stromkonzerns Alpiq. Xamax bewirtschaftet und optimiert schon heute bei über 1000 Industrie- und Gewerbebetrieben (Spitäler, Milch-, Fleisch-, Getränkeverarbeiter, Hotels, grosse Industriebetriebe) den Stromverbrauch in Spitzen­zeiten. Beispielsweise lassen sich mit einer ausgeklügelten Steuerung die Öfen einer Gross­bäckerei kurzzeitig ausschalten, wenn sie gerade nicht heizen müssen, weil im Herstellungsprozess erst die Knet­maschinen laufen. Von der Reduktion solcher Verbrauchsspitzen profitieren Firmen doppelt: Sie sparen Stromkosten und verhindern erst noch, dass sie wegen steigenden Strombedarfs in ihre Infrastruktur investieren müssten.

Unter dem Namen Powerallianz will Xamax solche Betriebe jetzt gezielt zum virtuellen Kraftwerk vernetzen. Gemeinsam mit der Laufenburger Softwarefirma Senergy konnte die Alpiq-Tochter in ersten Tests zeigen, dass ein solcher Pool in der Praxis tatsächlich funktioniert. «In der Schweiz liegt ein beachtliches Potential einfach brach», sagt Projektleiter Rafael Osswald. Sein virtuelles Kraftwerk könnte mit den bestehenden Xamax-Kunden bereits etwa 150 Megawatt Leistung ins Schweizer Stromnetz einspeisen. Die Kosten schätzt er auf rund zwei Millionen Franken.

Doch das sei erst der Anfang. «Diese Leistung lässt sich mit geringem Aufwand vervierfachen», ist Osswald überzeugt. Das wäre fast die doppelte Leistung des AKWs ­Mühleberg oder würde einem Gaskraftwerk entsprechen, wie es von der Grössenordnung her nun für die Schweiz geplant ist. Noch im laufenden Jahr will Alpiq der ­na­tionalen Netzgesellschaft Swissgrid mit Tests die technische Machbarkeit belegen.

Fachleute haben hohe Erwartungen an solche Projekte, weil mehr Sonnen- und Windstrom zu Schwankungen im Netz führen wird. «Virtuelle Kraftwerke werden in Zukunft nötig sein, um das Stromnetz zu stabilisieren», sagt Matthias Gallus, Experte für Energieversorgung im Bundesamt für Energie. Tatsächlich steht die Strombranche vor einem radikalen Umbruch. Seit Jahrzehnten liefern Atom- und Wasserkraftwerke Grundstrom für Haushalte und die Industrie. Um den Spitzenverbrauch abzu­decken, produzierten Regelwerke (etwa Speicherkraftwerke) die zusätzliche elektrische Energie. Hat die Schweiz zu viel Strom oder ist der Strom im Ausland günstig zu haben, pumpen die Kraftwerke Wasser in höher gelegene Speicherseen. In nachfragestarken Zeiten wird das Wasser turbiniert – und der Strom teuer exportiert.

Dieses alte Modell funktioniert aber nicht mehr. Die Stromproduktion aus deutschen und italienischen Solaranlagen hat in den letzten zwei Jahren derart zugenommen, dass an schönen Tagen eine Menge Solarstrom ins Netz fliesst, die der 20-fachen Leistung des AKWs Gösgen entspricht. In den Mittagsstunden besteht also plötzlich nicht mehr ein für die Schweiz lukrativer Stromengpass, sondern ein Überangebot. «Es ist wesentlich effizienter, die Spitzen im Schweizer Stromverbrauch zu optimieren, als Ersatzkraftwerke auf Vorrat zu bauen», glaubt Projektleiter Osswald.

Vollständiger Artikel im Beobachter 23/2012.
 
(Bild: © strippenzieher – Fotolia.com)