Smart Meter: wer genau «floppt» in Luzern?

«Intelligente Stromzähler floppen» berichten mehrere Zeitungen zu einem Versuch des halbstaatlichen Energiekonzerns CKW. Der erhoffte Spareffekt sei bescheiden. Doch die Frage drängt sich auf: wer genau «floppt» da?

imagesDie Axpo-Tochter CKW zog nach 3,5-jährigem Test im Kanton Luzern mit 1000 so genannten intelligenten Stromzählern ein ernüchterndes Fazit: «Für die grosse Mehrheit der Kunden sind die Stromspareffekte und der Nutzen von Smart Meter gering.» Der neuartige Zähler, der über ein Display im Haushalt den aktuellen Stromverbrauch anzeigt, würde sich nur für jene Kunden lohnen, die hochmotiviert seien und sich mit ihrer Energieeffizienz auseinander setzen würden. «Der intelligente Zähler allein spart noch keinen Strom», schreibt die CKW in einer Medienmitteilung.

Fazit des 3-Millionen Franken teuren Pilotprojekts: Die CKW setzt künftig auf Energiesparmassnahmen, «die sich für alle Kunden lohnen» würden. Denn gemäss Angaben der CKW hat die live-Information über den eigenen Stromverbrauch nur einer kleinen Gruppe von interessierten Haushalten Einsparungen gebracht. Im Durchschnitt würden diese lediglich 3 Prozent Strom sparen, umgerechnet 30 Franken pro Jahr.

Wie genau beispielsweise die Luzerner Zeitung und die Berner Zeitung darauf kommen, dass Smart Meter «floppen», ist ein Rätsel. Die Meldung stammt von der Schweizerischen Depeschenagentur (sda), den Begriff «Flop» verwendete die CKW nicht, dürfte also von der sda stammen. Der Verdacht liegt nahe: Die Tonalität der Pressemeldungen sind ganz im Sinn der CKW. Denn mit dieser Interpretation des Pilotversuches kann sich die CKW getrost zurück lehnen, denn offensichtlich drängen sich nach diesem Versuch keine Investitionen in solche Geräte auf.

Dabei geht allerdings Folgendes vergessen: Nicht die neuartigen Zähler sparen Strom, sondern die Stromkonsumenten. Das tun sie beispielsweise mit energieeffizienteren Geräten oder mit einem bewussterem Umgang der täglichen Gewohnheiten. Für die CKW aber könnten Smart Meter sehr wohl ein Gewinn sein. Die Geräte gäben dem Energieversorger die Möglichkeit, den Verbrauch ihrer Kunden online zu verbuchen, statt wie vor 50 Jahren persönlich von Haushalt zu Hauhalt abzulesen. Doch die Schweizer Stromkonzerne schicken lieber ihr das Ablese-Personal vorbei, statt die Elektronik zu nutzen.

Den tatsächlichen Nutzen werden Smart Meters ohnehin erst dann entfalten können, wenn auch in der Schweiz flexible Tarife möglich werden. Sprich: Zu Tageszeiten mit hohem Stromverbrauch (und Stromknappheit) sind die Tarife hoch, bei Stromüberschuss (und Stromüberfluss) sind die Kosten tief. Aber solche Modelle, mit welchen Konsumenten Geld sparen könnten, scheuen die Schweizer Energieversorger bisher wie der Teufel das Weihwasser. Dazu kommt: Angenommen alle 200’000 von der CKW mit Strom versorgten Haushalte im Kanton Luzern würden – wie im Pilotprojekt von interessierten Kunden erreicht – durchschnittlich 30 Franken  Strom sparen, gingen der CKW jählich 6 Millionen Franken Einnahmen aus dem Stromverkauf verloren.

Ironie der Geschichte: Praktisch zeitgleich mit der Ankündigung der CKW, nicht weiter auf die intelligenten Stromzähler zu setzten, wurde eine denkwürdige Firmenübernahme bekannt: Für 3.2 Milliarden Dollar übernimmt der Suchmaschinen- und Werbekonzern Google das US-Unternehmen Nest, ein Anbieter von intelligenten Heizungsreglern und Rauchmeldern. Thermostate von Nest können über Internet und Smartphone gesteuert werden und gelten als “lernfähig”. Sie erkennen die Gewohnheiten der Benutzer. Wenn beispielsweise Bewohner einer Liegenschaft immer tagsüber abwesend sind, reduziert der Thermostat automatisch die Raumtemperatur.

 

Strom: Clever teilen spart Kraftwerk

Mit einem virtuellen Kraftwerk liesse sich so viel Strom ins Netz einspeisen wie mit einem mittelgrossen ­Gaskraftwerk. Doch die Stromkonzerne setzen lieber auf Gas.

Stromversorgung - UmspannwerkDie Schweizer Stromwirtschaft hat ihr eigenes Rezept, um die Energiewende zu schaffen: Sie möchte die jahrzehntealten Atomkraftwerke durch neue Gaskraftwerke ersetzen. Vier, lieber fünf, noch besser sechs sollen es sein. Es gibt aber eine Alternative dazu, die bisher kaum diskutiert wurde: sogenannte vir­tuelle Kraftwerke.

Ihr Prinzip ist einfach, die Technik ­vorhanden, die Einführung überraschend günstig: Grosse Strombezüger werden mit einer intelligenten Computersteuerung untereinander vernetzt. Der Strom, der durch kurzzeitig nicht benutzte Motoren, Pumpen oder Kühlaggregate für Sekunden oder Minuten frei wird, kann praktisch in Echtzeit anderen Strombezügern geliefert werden, die just in jenem Moment einen höheren Bedarf haben. So lassen sich Lastspitzen brechen, die sonst durch ein konventionelles Kraftwerk produziert werden müssten.

Trotz grossem Potential steckt das so­genannte Lastspitzenmanagement in der Schweiz noch in den Kinderschuhen. Das einzige konkrete Projekt heisst Flex Last, wird vom Bundesamt für Energie gefördert und wurde im September mit grossen Worten angekündigt. Dahinter stehen neben IBM die Migros und der bernische Stromkonzern BKW. Als Strompuffer dienen hier die Kühlhäuser der Migros-Verteilzentrale in Neuendorf SO.

In eine andere Dimension will ein Projekt von Xamax vorstossen, einer auf Energie­effizienz spezialisierten Tochterfirma des Stromkonzerns Alpiq. Xamax bewirtschaftet und optimiert schon heute bei über 1000 Industrie- und Gewerbebetrieben (Spitäler, Milch-, Fleisch-, Getränkeverarbeiter, Hotels, grosse Industriebetriebe) den Stromverbrauch in Spitzen­zeiten. Beispielsweise lassen sich mit einer ausgeklügelten Steuerung die Öfen einer Gross­bäckerei kurzzeitig ausschalten, wenn sie gerade nicht heizen müssen, weil im Herstellungsprozess erst die Knet­maschinen laufen. Von der Reduktion solcher Verbrauchsspitzen profitieren Firmen doppelt: Sie sparen Stromkosten und verhindern erst noch, dass sie wegen steigenden Strombedarfs in ihre Infrastruktur investieren müssten.

Unter dem Namen Powerallianz will Xamax solche Betriebe jetzt gezielt zum virtuellen Kraftwerk vernetzen. Gemeinsam mit der Laufenburger Softwarefirma Senergy konnte die Alpiq-Tochter in ersten Tests zeigen, dass ein solcher Pool in der Praxis tatsächlich funktioniert. «In der Schweiz liegt ein beachtliches Potential einfach brach», sagt Projektleiter Rafael Osswald. Sein virtuelles Kraftwerk könnte mit den bestehenden Xamax-Kunden bereits etwa 150 Megawatt Leistung ins Schweizer Stromnetz einspeisen. Die Kosten schätzt er auf rund zwei Millionen Franken.

Doch das sei erst der Anfang. «Diese Leistung lässt sich mit geringem Aufwand vervierfachen», ist Osswald überzeugt. Das wäre fast die doppelte Leistung des AKWs ­Mühleberg oder würde einem Gaskraftwerk entsprechen, wie es von der Grössenordnung her nun für die Schweiz geplant ist. Noch im laufenden Jahr will Alpiq der ­na­tionalen Netzgesellschaft Swissgrid mit Tests die technische Machbarkeit belegen.

Fachleute haben hohe Erwartungen an solche Projekte, weil mehr Sonnen- und Windstrom zu Schwankungen im Netz führen wird. «Virtuelle Kraftwerke werden in Zukunft nötig sein, um das Stromnetz zu stabilisieren», sagt Matthias Gallus, Experte für Energieversorgung im Bundesamt für Energie. Tatsächlich steht die Strombranche vor einem radikalen Umbruch. Seit Jahrzehnten liefern Atom- und Wasserkraftwerke Grundstrom für Haushalte und die Industrie. Um den Spitzenverbrauch abzu­decken, produzierten Regelwerke (etwa Speicherkraftwerke) die zusätzliche elektrische Energie. Hat die Schweiz zu viel Strom oder ist der Strom im Ausland günstig zu haben, pumpen die Kraftwerke Wasser in höher gelegene Speicherseen. In nachfragestarken Zeiten wird das Wasser turbiniert – und der Strom teuer exportiert.

Dieses alte Modell funktioniert aber nicht mehr. Die Stromproduktion aus deutschen und italienischen Solaranlagen hat in den letzten zwei Jahren derart zugenommen, dass an schönen Tagen eine Menge Solarstrom ins Netz fliesst, die der 20-fachen Leistung des AKWs Gösgen entspricht. In den Mittagsstunden besteht also plötzlich nicht mehr ein für die Schweiz lukrativer Stromengpass, sondern ein Überangebot. «Es ist wesentlich effizienter, die Spitzen im Schweizer Stromverbrauch zu optimieren, als Ersatzkraftwerke auf Vorrat zu bauen», glaubt Projektleiter Osswald.

Vollständiger Artikel im Beobachter 23/2012.
 
(Bild: © strippenzieher – Fotolia.com)

Deutscher Solarstrom vermiest BKW und Co. das Geschäft

Jahrelang haben sich die Schweizer Stromkonzerne konsequent dem Strom aus Sonne und Wind verweigert. Neben ein paar Prestiganlagen setzten BKW, Axpo, Alpiq konsequent auf Atomkraft, Kohle und Gas. Jetzt erhält sie die Quittung.

Das bisherige Geschäftsmodell der BKW war simpel: Ihr AKW Mühleberg produzierte so genannte Bandenergie und deckte so den Grundbedarf an Strom für den Alltag. War die Nachfrage nach Strom hoch, etwa über die Mittagszeit, produzierte ihre Tochtergesellschaft Kraftwerke Oberhasli (KWO) zusätzlich Strom aus den Speicherseen. Das nannte sich Spitzenenergie. War die Nachfrage klein, etwa nachts, konnte die KWO mit dem überlfüssigen AKW-Strom das Wasser zurück in höher gelegene Speicherseen pumpen. Das erlaubte den KWO, tagsüber den Strom teuer zu verkaufen. Dafür kreierte man den Begriff Stromveredelung.

Jetzt ist plötzlich alles anders. Der Zubau von Solaranlagen in Deutschland entwickelte sich innerhalb von wenigen Jahren dermassen schnell, dass heute in den Mittagsstunden Strom in der Grössenordnung von 20 grossen AKWs ins Netz gespiesen wird. Ausgerechnet in diesen Stunden verkaufte aber bisher die BKW ihre Spitzenenergie aus den Speicherseen – mit schönem Gewinn. Dieser MIttagsmarkt ist nun zusammengebrochen, bestätigt die BKW. Von höchster Stelle heisst es nun, der deutsche Solarstrom «kannibalisiere» den Strom aus den Schweizer Bergen (siehe: «Dunkle Wolken über den ‘Batterie Europas’»; Beobachter 17/2012).

In der Sendung 10-vor-10 (Ausgabe 16. August 2012) bezifferte BKW-Chef Kurt Rohrbach die Verluste für die Schweizer Stromwirtwschaft wegen der Deutschen Solarkraft auf 100 Millionen Franken pro Jahr. Und was genau passiert in der Schweiz? Axpo und Alpiq investieren zurzeit mehrere Milliarden in neue Pumpspeicherkraftwerke und Bundesrätin Doris Leuthard bejubelt die Pumpspeicherkraftwerke  unverdrossen als «Batterie Europas».

Jetzt will die BKW in den nächsten zehn Jahren auch noch für fast 400 Millionen ihr 40-jähriges AKW nachrüsten. Sprich: Die BKW beharrt auf ihrer längst überholten Geschäftsstrategie.

(Bild: © Waldteufel – Fotolia.com)

Stromzähler bleiben noch lange dumm

Statt intelligente Stromzähler 
zu fördern, finanziert der Bund eine 246’000 Franken teure ­Studie. Resultat: wenig Neues.

Der herkömmliche Stromzähler ist dumm: Er dient dem Elektrizitätswerk nur für die Jahresabrechnung. Beim intelligenten Stromzähler hingegen wird der Stromverbrauch den Konsumenten in Echtzeit und sehr detailliert dargestellt – so kann man Stromfressern im eigenen Haus auf die Schliche kommen. Zugleich wissen die Elektrizitätswerke, wer wann wo wie viel Strom bezieht, Angebot und Nachfrage können einander angepasst werden. Und Kunden könnten eine monatliche Abrechnung erwarten und wüssten somit regelmässig,  ob sie viel oder wenig Strom verbrauchen. So wie es eine Selbstverständlichkeit ist, Ende Monat über die Kosten für Handy und Festnetz Bescheid zu wissen.

Die neuste Studie des Bundesamts für Energie zu intelligenten Zählern ist 363 Seiten dick – lässt sich aber sehr kurz zusammenfassen: Es würde sich lohnen, solche Smart Meters flächendeckend einzuführen. Rund eine Milliarde Franken müsste investiert werden, der volkswirtschaftliche Nutzen – dank Stromeinsparungen – würde aber langfristig bis zu 2,5 Milliarden betragen.

Nur: Das wusste man bereits aus früheren Studien, Fachpublikationen und Expertisen. «Das ist alles längst bekannt», sagten mehrere Teilnehmer am Branchentreffen «Powertage» in Zürich. Eigentlich hatte sich die Branche vom Bund endlich klare Signale erhofft, wie die Smart-Meter-Technologie in der Schweiz konkret eingeführt werden soll. Doch dazu gab es nur schwammige Informationen. Walter Steinmann, Direktor des Bundesamts für Energie, kündigte verklausuliert an, nächstes Jahr werde eine Revision des Strommarktgesetzes gestartet.

Weil damit der langwierige politische Prozess erst am Anfang steht, wird auch der Strommarkt bis auf weiteres noch nicht liberalisiert. Damit können private Haushalte – anders als Grosskunden – ihren Stromlieferanten auch in naher Zukunft nicht selber wählen. Was heisst: Die Einführung intelligenter Zähler und intelligenter Stromnetze wird weiter hinaus­geschoben, obwohl es sie braucht. Ohne solche technologisch raffinierte Möglichkeiten werden Elektrizitätswerke in Zukunft nur schwer ein stabiles Stromnetz betreiben können. Denn das System wird mit jeder neuen Solar- und Windanlage, die Strom ins Netz speist, komplexer.

Die notwendige Technologie dazu gibt es längst, in verschiedenen Ländern wird sie schon heute eingesetzt. Nicht so in der Schweiz. Den Grund für die verzögerte Einführung sieht Beat Steiner, Smart-Grid-­Spezialist an der Hochschule für Technik und Architektur Freiburg, in «zu vielen regulatorischen, finanziellen und technischen Rahmenbedingungen». Steiner glaubt nicht mehr daran, dass bis in acht Jahren 80 Prozent der Strombezüger mit intelligenten Zählern ausgerüstet sind, wie das die EU fordert.

Vollständiger Artiker siehe Beobachter 13/2012
 

Fukushima – der Ausstieg hat längst begonnen

Nach der Mehrfach-Katastrophe von Fukushima sollten wir in der Schweiz wiedereinmal ein paar aktuelle Statistiken beachten. Zum Beispiel jene der Windenergie. Oder der Solarenergie.

Die aktuellen Statistiken der Wind- und Solarbranche gehen zurzeit in den Schlagzeilen von Fukushima unter. Doch sie haben es in sich: Seit ein paar Jahren geht bei der Windenergie – fast überall ausser in der Schweiz – buchstäblich die Post ab. Alleine in Europa wurden letztes Jahr Windräder mit einer Leistung von über 9000 Megawatt installiert. Zum Vergleich: Diese Leistung erreichen etwa 30 Atomkraftwerke in der Grösse von Mühleberg.

Im Jahr zuvor kam ebenfalls die Leistung von 30-Mühleberg-AKWs dazu (10’000 Megawatt). Alle Windräder Europas produzieren inzwischen Strom mit einer totalen Leistung von 84’000 Megawatt. Weltweit kamen 2009 total 37’000 Megawatt neue Leistung dazu. Das entspricht etwa einer Leistung von 37 AKWs in der Grösse von Gösgen. Gösgen wiederum ist etwa dreimal leistungsfähiger als Mühleberg. Der Zubau von 2009 steigerte die weltweit installierte Leistung der Windkraft auf einen Schlag um einen Drittel auf 158’000 Megawatt (The European Wind Energy Assosiation).

In den Zahlen stecken einige Überraschungen: Wer an Wind denkt, denkt an Nordeuropa. Doch am meisten neue Windräder wurden europaweit in Spanien aufgestellt. Und weil die Windräder im Meer («off-shore») zurzeit in aller Munde sind, glauben viele, Windstrom werde inzwischen zu einem guten Teil auf dem Meer produziert. Doch weit gefehlt. Beim europäischen Zubau wurde nur der allerkleinste Teil der neuen Windräder ins Meer gestellt. Die neuen «Off-Shore»-Windparks kommen gerademal auf eine Leistung von 800 Megawatt. In diesem Bereich ist also künftig noch einiges zu erwarten.

Eine andere Zahl gibt Angesichts der hiesigen Diskussion um erneuerbare Energien ebenfalls zu denken. Bis anhin gibt man in der Schweiz den Photovoltaikanlagen – also der Produktion von Strom durch Solaranlagen – keine grosse Zukunftschancen. In Deutschland hat der technologische Quantensprung bei gleichzeitig sinkenden Preisen für Solarzellen eine erstaunliche Entwicklung hinter sich. Letztes Jahr erreichte die Solarstrom-Produktion 12 Milliarden Kilowattstunden. Soviel prognostizierten die rot-grünen Optimisten unter Bundeskanzler Schröder für das Jahr 2050.

Erstaunlich dabei: Die Hälfte dieser Strommenge stammt aus Anlagen, die erst im Jahr zuvor installiert wurden. Alleine die letztes Jahr neu produzierte Strommenge entspricht etwa 10 Prozent des schweizerischen Jahresverbrauchs.

Und was machen wir in der Schweiz? Wir limitieren die Förderung der erneuerbaren Energien und hindern damit aktuell über 8000 Gesuchsteller daran neue Solaranlagen, Windräder, Biomasse-Kraftwerke und Kleinwasserkraftwerke zu bauen. All diese Projekte könnten jährlich 3,7 Milliarden Kilowattstunden Strom produzieren. Weit mehr als das AKW Mühleberg.

AKW Mühleberg: Geheimnis um die Sicherheit

Alle Schweizer AKWs sollen nach der Katastrophe in Japan einer umfassenden Sicherheitsprüfung unterzogen werden. In Mühleberg wurde eine solche Prüfung erst gerade vorgenommen, doch die Akten bleiben unter Verschluss.

Alle paar Jahre müssen die Betreiber der Schweizer Atomkraftwerke in einer so genannten Periodischen Sicherheitsüberprüfung PSÜ umfassend nachweisen, dass ihr AKW alle sicherheitsrelevanten Standards erfüllt. Vor wenigen Jahren musste sich auch Mühleberg wieder einer PSÜ unterziehen. Der umfassende Sicherheitscheck von Schweizer AKWs, den Bundesrätin Doris Leuthard jetzt angeordnet hat, gibt es also für Mühleberg bereits.

Im Gegensatz zu den Berichten anderer Schweizer Atomkraftwerke hält der halbstaatliche bernische Energiekonzern BKW die PSÜ zu ihrem Kraftwerk bis heute unter Verschluss. Anwohner des AKWs erkämpften vor Gericht immerhin eine minimale Einsicht in diese Akten. Doch der allergrösste Teil der Sicherheitsüberprüfung darf die Bevölkerung nicht sehen.

Öffentlich zugänglich ist hingegen eine Analyse der Aufsichtsbehörde ENSI zu diesem Sicherheitscheck. In einer über 500-seitigen «Sicherheitstechnischen Stellungnahme» (Seite 45) bewertete die staatliche Aufsicht 2007 die Sicherheitsprüfung des AKW Betreibers. Nach der Katastrophe von Fukushima liest sich die Einschätzung der Aufsichtsbehörde zum letzten Sicherheitsnachweis von Mühleberg in einem neuen Licht. Auf Seite 45 beispielsweise listet die Atom-Aufsichtsbehörde auf, ob die verschiedenen Systeme in einem schweren Unfall funktionieren würden. Das Resultat ist ernüchternd.

Gemäss dieser sicherheitstechnischen Einstufung funktionieren 17 der 37 mechanischen Sicherheitssystemen im Fall eines schweren Erdbebens nicht. Darunter ist etwa das Kernsprühsystem, ein oberhalb des Reaktors angebrachte Ringleitung zur Kühlung im Notfall (weist notabene bereits heute Risse auf) oder das Kühlsystem des Brennelement-Beckens. In den Brennelement-Becken werden die ausgedienten, aber noch wärme absondernden Brennstäbe gelagert, bis sie eine Temperatur erreichen, um ins Zwischenlager verfrachtet zu werden. In Fukushima (gleiche Raktorentypen wie Mühleberg) sind ausgerechnet die Brennelement-Becken zurzeit teilweise ausser Kontrolle geraten.

In Mühleberg würde bei einem schweren Erdbeben aber auch folgende Systeme nicht funktionieren: Reaktor-Umwälzsystem, Abfahr- und Toruskühlsystem, Vergiftungssystem, Hilfskühlwassersystem im Reaktorgebäude, Abgassystem, Notabluftsystem, Notstromdieselanlage, Steuerluftsysteme, Reaktorwasser-Reinigungssystem, Containment-Rückpumpsystem, Inertierungssystem des Primärcontainments, Zwischenkühlwassersystem Reaktorgebäude, Hochreservoir-Einspeisung sowie die Notstromversorgung vom Wasserwerk Mühleberg, sowie ein Sicherheits-Ablassventil.

(Bild: www.bkw-fmb.ch)

Fukushima: Das Ende des jahrelangen Reinwaschens der Atomkraft

Seit der AKW-Katastrophe von Tschernobyl 1986 hatte die Energiewirtschaft nur ein Ziel: Das Terrain ebnen, um in der Schweiz den Ausstieg aus der Atomenergie zu verhindern und dereinst weitere Atomkraftwerke zu bauen. Schritt um Schritt wurde die Atomkraft schöngeredet. Aus dem Atomkraftwerk wurde ein Kernkraftwerk. Wer in Diskussionen Tschernobyl erwähnte, erntete die Bemerkung: «So etwas kann bei uns nicht passieren».

Einen Höhepunkt bildete die seit ein paar Jahren verbreitete Argumentation, AKWs würden CO2-freien Strom produzieren. Damit rückten die Stromkonzerne ihre AKWs in die Nähe der Sonnen- und Windenergie, ohne dies tatsächlich zu behaupten. AKW, so die Message, ist quasi grüner Stom. Kein Wort über die unhaltbaren Zustände in den Uranminen, kein Wort über die unglaublichen Massen von Beton, die für den Bau von AKW nötig sind, kein Wort vom nach wie vor ungelösten Abfallproblem.

Die PR-Maschinerie leistete in den vergangenen Jahren ganze Arbeit. Die Stromwirtschaft gründete zahlreiche Vereinigungen, die unabhängig von einander mit Aktionen an die Öffentlichkeit traten – mit jeweils klarem Publikum im Fokus. Sie tragen so schöne Namen wie «Aktion für eine vernünftige Energiepolitik AVES», «Frauen für Energie», «Forum Medizin und Energie», «Christen & Energie». Alle hatten eine Botschaft: Kernenergie ist die Energie der Zukunft.

Parallel dazu wurde die Energiewirtschaft nicht müde, international die «Renaissance der Atomkraft» zu predigen. Regelmässig wurde dazu vermeldet, wie viele Atomkraftwerke weltweit im Bau seien. Dass eine stattliche Anzahl teils seit Jahrzehnten im Bau sind und defacto längst zu Bauriunen wurden, verschwieg die Branche grosszügig (siehe hier im Blog).

Fast hätten es die Stromkonzerne geschafft. Voraussichtlich 2013 hätte das Volk an der Urne über neue AKWs entscheiden sollen. Die Vorzeichen standen gut, in einer Konsultativumfrage sagte der Kanton Bern schon mal ja zur Atomkraft – wenn auch knapp. Jetzt ist alles anders. Der Spiegel titelt in seiner neusten Ausgabe: «Das Ende des Atomzeitalters – Fukushima 12. März 2011, 15.36 Uhr». Die Deutsche Regierung stellt kurzum sieben alter Atommeiler ab. Bundesrätin Doris Leuthard sistiert die Rahmenbewilligungsgesuche.

Nach der Atomkatastrophe in Japan beschleicht einem ein mulmiges Gefühl, wenn man sich an die Störfälle der letzten Jahre in Schweizer AKWs erinnert. Wie war das mit den Rissen im Kernmantel in Mühleberg? Wie war das mit der langen Pendenzenliste der Aufsichtsbehörde, die auch heute noch nicht erledigt ist (siehe “von Rissen darf keiner wissen” Beobachter 3/2009)?

Das Märchen von der Stromlücke

Seit den 60er Jahren wollen die Stromproduzenten der Bevölkerung einreden, in der Schweiz gebe es bald eine Stromlücke. Jetzt muss die Alpiq eingestehen: sie ist schon wieder nicht eingetreten.

Im Ohr des komfortverwöhnten Schweizers klingt der Begriff «Stromlücke» nach Einschränkungen, nach Stromabschalten, nach Finsterheit. Wie ein Mantra wiederholen die grossen Stromkonzerne seit den 60er Jahren immer wieder das Szenario der Stromlücke. In den letzten paar Jahren war es die eigentliche argumentative Grundlage für neue Atomkraftwerke in der Schweiz (siehe Beobachter 17/08).

 Doch die Realität ist eine andere. In Europa herrschen auf dem Strommarkt gewaltige Überkapazitäten, die Strompreise liegen entsprechend tief, manchmal werden an der Börse sogar Negativ-Preise bezahlt. Aus dem aktuellen Jahresergebnis des grössten Schweizer Stromproduzenten Alpiq geht Ernüchterndes hervor: Der Überschuss in Europa führte dazu, dass Strom während des Tagesverlaufs zu viel geringeren Preisdifferenzen gehandelt wird als bisher. Gewöhnlich kostete der Strom an der Leipziger Strombörse beispielsweise über Mittag, wenn ganz Europa das Mittagessen kocht und die Industrie auf vollen Touren läuft, wesentlich mehr als abends, wenn die Bevölkerung ruht und die Produktion in Firmen vielerorts still steht.

Diese unterschiedliche Nachfrage war bisher das Erfolgsmodell der Schweizer Pumpspeicherkraftwerke. Diese tragen zwar nichts zur eigentlichen Stromproduktion bei, denn um Wasser in höher gelegene Speicherseen zu pumpen, verbrauchen sie mehr Energie als sie später wieder produzieren. Sie sind aber eigentliche Stromveredelungswerke. Sie pumpen nachts mit  überflüssigem – und folglich billigem Atom- und Kohlestrom – aus ganz Europa Wasser in die Speicherseen hoch. In nachfragestarken Stunden verstromen die Schweizer Werke das gleiche Wasser wieder zu Strom und verkaufen ihn teuer in ganz Europa. Eine Gelddruckmaschine. Besonders eindrücklich ist dieser Mechanismus an der Produktionsanalyse der Kraftwerke Oberhasli KWO zu sehen (Grafik).

Jetzt schlägt sich der aktuelle Stromüberschuss erstmals in der Bilanz der Schweizer Energiekonzerne nieder. Alpiq hat zwar 2010 mengenmässig 8 Prozent mehr Strom verkauft, aber damit 5 Prozent weniger Umsatz erzielt. An der Jahresmedienkonferenz mussten die Verantwortlichen der Alpiq eingestehen, dass man sich bei den Prognosen zur Energieproduktion verschätzt habe. Die noch vor wenigen Jahren lauthals für jetzt prognostizierte Stromlücke ist nicht eingetreten. Neuerdings kommt sie jetzt ein bisschen später, Ende 2013.

Interessant sind auch die Pläne der Alpiq. Laut CEO Giovanni Leonardi will die Alpiq die Stromproduktion in Europa verdoppeln. Dafür will Alpiq rund 10 Milliarden Franken investieren – in ganz Europa. In der Schweiz will der Energiekonzern in dieser Zeitspanne eine Leistung von 700 Megawatt zubauen, vornehmlich in Wasserkraftwerken. Das entspricht etwa der doppelten Leistung des AKW Mühleberg. In den Ausbauplänen von 700 Megawatt ist das im Bau stehende Pumpspeicherkraftwerk Nate de Drance (VS) nicht eingerechnet.

Neue Kraftwerke für 10 Milliarden, darunter neue Pumpspeicherkraftwerke in der Schweiz, während in Europa Stromüberschuss herrscht? Das könnte für die Schweizer Energiekonzerne, die letztlich der öffentlichen Hand und somit den Steuerzahlern gehören, zum finanziellen Albtraum werden. Etwa dann, wenn der Strompreis nicht mehr dazu reicht, das Kapital eines Kraftwerkes zu verzinsen und zu amortisieren. Das gab es in der Schweiz schon einmal. Ende der 90er Jahre nannte man das «stranded investments» oder: nicht amortisierbare Investitionen. In der Schweiz schätzte damals die Credit Suisse die gesamten «stranded investments» auf 5,3 Milliarden Franken («Bonitätsanalyse der Schweizerischen Elektrizitätswerke»), die Hälfte davon fielen alleine auf das AKW Leibstadt zurück – ein Kraftwerk der Alpiq.

AKW-Mühleberg: Gegner erhalten Einsicht in geheimes Gutachten

Erfolg für die Gegner des Atomkraftwerks Mühleberg: Sie erhalten Einsicht in ein bisher geheim gehaltenes Gutachten über die Risse im Kernmantel des AKW.

Im Verfahren um die unbefristete Betriebsbewilligung des AKW Mühleberg forderten Kritiker unter anderem auch Einsicht in den Sicherheitsbericht. Das Bundesstrafgericht hat nun in einer Zwischenverfügung entschieden, dass die Gegner zumindest beschränkte Einsicht in diese Akten erhalten sollen. Dabei geht es um ein Gutachten zu den Rissen im Kernmantel des Reaktors sowie um drei weitere Unterlagen («Von Rissen darf keiner wissen», Beobachter 3/2009). Das Bundesstrafgericht kommt zum Schluss, das Recht auf Einsicht überwiege bei diesen Unterlagen das Interesse auf Geheimhaltung wegen Geschäftsgeheimnissen der Betreibergesellschaft BKW.

Keinen Zugang erhalten die AKW-Gegner aber in die von der Aufsichtsbehörde als «vertraulich» eingestuften Akten. Hier würden öffentliche Geheimhaltungsinteressen, die die innere Sicherheit betreffen würden, überwiegen.

Bauer unter Hochspannung

© Beobachter 2010/Otto Hostettler

Einem Bauern bleibt auf freiem Feld plötzlich der Atem weg, und die Haare stehen ihm zu Berge. Der Grund: die Hochspannungsleitung über ihm.

Bauer Thomas Bucher grub gerade Sellerieknollen auf seinem Feld in Gunzwil bei Beromünster LU aus, als es passierte. «Ich glaubte zuerst, die Erde bebe», erzählt er. Doch es war kein Erdbeben: Der Energiekonzern Alpiq schaltete nach einem Unterbruch an jenem Nachmittag den Strom auf der Hochspannungsleitung Gösgen–Mettlen von null auf Volllast.

Genau zu diesem Zeitpunkt standen Bucher und seine Frau direkt unter der Leitung, die den Strom nach Süden transportiert. «Ich bekam kurz keine Luft, die Haare standen mir zu Berg, am Reissverschluss meiner Jacke bildeten sich Sternchen», berichtet er. Seiner Frau ging es nicht besser, beide spürten am ganzen Körper ein Kribbeln, waren minutenlang wie weggetreten.

Bucher fragte bei der Alpiq nach, was passiert sei. Die Stromgesellschaft, die auch das AKW Gösgen betreibt, schickte einen Kadermann vorbei und bot auch die Fachkommission der Energiewirtschaft für den Bereich Hochspannung auf.

Auch ein Jahr später kann niemand sagen, ob Bucher jederzeit wieder mit einem solchen Stromschlag rechnen muss, wenn er auf seinem Feld arbeitet. Dem Beobachter sagt ein Alpiq-Sprecher lediglich, solche «Vorkommnisse» seien bisher «noch nie» gemeldet worden, die «Ursachen und Phänomene» seien nicht bekannt, Abklärungen seien im Gang.

Der vollständige Artikel findet sich im Beobachter 25/2010

(Bild: alpiq)