Rauchen kann auch die Hirnwindungen stören

«Das Tabakparadies: Wie die Schweiz Hersteller hätschelt und Raucher schont», titelten wir im Beobachter. Die Reaktionen liessen nicht lange auf sich warten: Eine Auswahl der schönsten und wortgewaltigsten Bagatellisierer, Schönredner und Fatalisten.

Titel-Tabak

Heute zweifelt grundsätzlich niemand mehr an den Fakten. Sogar Philip Morris, Nummer 1 des weltweiten Tabakmarktes, sagt unmissverständlich: «Rauchen macht süchtig und verursacht zahlreiche schwere Krankheiten wie Herzkrankheiten, Lungenkrebs und Emphyseme.» Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind noch krasser: Zigaretten enthalten gegen 4000 chemische Verbindungen, die meisten davon sind lungengängige Feinstaubpartikel. Über 200 dieser Stoffe sind giftig, von mindestens 40 davon weiss man: Sie sind krebserregend.

Was antworten also Raucherinnen und Raucher den Journalisten, die die Schweiz als Paradies der Tabakindustrie beschreiben, weil die Branche hier viel laschere Gesetze vorfindet und sich bei gesellschaftlich wichtigen Organisationen mit Millionenspenden unentbehrlich machen? Hier die sechs wichtigsten Argumentations-Grundlagen der unverbesserlichen Raucher.


Argument ‘Abstreiten’: «Ich glaube, dass das Rauchen und das Nikotin allein nicht schädlich ist, (wie Koffein, Teein) sondern die Geschmacksbildenden und anderen Hilfsstoffe die dem Tabak beigefügt werden!», schreibt A.G. aus R.

Argument ‘armer Steuerzahler’: «Wir RaucherInnen bezahlen pro Jahr mehr als 1000 Franken an zusätzlichen Steuern», teilt M.P. aus B mit. Es sei «eine absolute Frechheit», wenn ein Päckli Zigaretten acht Franken statt nur vier Franken koste. «Wir rauchen ja nicht weniger, sondern sparen anderswo; starke Raucher sparen wahrscheinlich beim Essen!» Und dazu schreibt er: «Wie stellt man sich die Finanzierung der AHV vor, wenn niemand mehr raucht und ergo alle länger leben?»

Argument ‘Nichtraucher fahren Auto’: Der gleiche Leser kennt noch weitere Gründe, warum Rauchen nicht schädlich ist: «Und was ist mit den mit zunehmender Einwohnerzahl steigenden Autoabgasen? Nichtraucher fahren hemmungslos Auto, lassen den Motor laufen usw.. Das ist auch die Erklärung dafür, dass Lungenkrebs in etwa gleichem Masse zunimmt, wie die Zahl der Rauchenden abnimmt. Ist das etwa logisch?»


Argument ‘noch schlimmer ist Sport’:
«Die angeblichen Gesundheitskosten aufgrund des Rauchens sind im Vergleich zu den jährlichen Unfällen aufgrund sportlicher Betätigungen fast schon marginal», schreibt B.S. Aus B.


Argument ‘sterben müssen sowieso alle’: «Der Artikel über das Tabak-Paradies ist eine Frechheit. Wo bleibt die Selbstbestimmung des Bürgers? Zudem hat der liebe Gott Tabak, Alkohol und die illegalen Drogen geschaffen. Wer pfuscht ihm da ins Werk? Jeder Mensch hat eine Sucht und sterben müssen schlussendlich alle», teilt M.H. aus S mit. Und weiter: «Ich rauche seit 45 Jahren und steige auf jeden Berg, wo ist da das Problem? Rauchen ist für mich Freiheit und Genuss. Darf ich nur noch Körnli picken?»


Argument ‘böses Bundesamt für Gesundheit’: M.H. setzt noch einen drauf: «Jetzt hat man es schwarz auf weiss, dass die vom BAG unter dem Druck der Lungenliga und ihrer Adlaten im politischen Bern seit Jahren mit grösster Penetranz in Wort und Bild und mit der Volksgesundheit als Vorwand auf uns abgefeuerte Antiraucher-Werbung ein ziemlicher Flop ist. Die einzig wirklich Leidtragenden dieses übertriebenen Aktionismus einer sektiererischen Clique von vermeintlichen Gutmenschen und Wohltätern sind die Gastronomie und die Gemütlichkeit beim geselligen Beisammensein.»

«Das Tabak-Paradies: Wie die Schweiz Zigaretten-Hersteller hätschelt und Raucher schont», Beobachter 22/2014.

 

 

So vernebelt der Kanton Bern die Affäre Thorberg

Der Kanton Bern will den Originalbericht zur Affäre Thorberg nicht herausrücken. Journalisten werden vertröstet und mit formalen Details hingehalten – trotz Öffentlichkeitsprinzip.

Der Direktor der Strafanstalten Thorberg war nicht mehr tragbar. Er verkehrte auf dem Bieler Drogenstrich, hatte zu Gefangenen persönliche Beziehungen und sein Vorgesetzter liess ihn weitgehend gewähren. Zu diesem Schluss kam eine Untersuchung des externen Strafvollzugsexperten Benjamin Brägger. Doch jetzt zeigt sich: Der veröffentlichte Bericht ist unvollständig. Die Polizei- und Militärdirektion von FDP-Regierungsrat Hans-Jürg Käser händigte den Medien nur eine gekürzte Version des externen Untersuchungsberichts aus.

Doch was hat die Polizei- und Militärdirektion aus dem Bericht herausgestrichen? Nicht enthalten sind «im grossen Umfang Zitate und Auszüge aus Protokollen von befragten Personen», bestätigt Florian Hirte, stellvertretender Generalsekretär. Die Polizei- und Militärdirektion habe entschieden, dass im zusammenfassenden Schlussbericht «sämtliche wesentlichen Untersuchungsergebnisse und Schlussfolgerungen des Schlussberichts» veröffentlicht würden. Was «wesentlich» ist hat die Polizeidirektion gleich selber entschieden. Sie urteilt auch darüber, was von öffentlichem Intresse ist und was nicht.

Die Zitate und Auszüge aus den Protokollen würden die Persönlichkeitsrechte der erwähnten Personen «direkt und erheblich» tangieren, weshalb das Öffentlichkeitsprinzip eingeschränkt werde. Auf den Vorschlag, entsprechende Passagen und/oder Namen zu anonymisieren, heisst es bei der Polizeidirektion: «Der Bericht wäre schlicht unleserlich geworden, wenn diese Zitate und Passagen bloss abgedeckt worden wären.»

Damit darf die Öffentlichkeit nicht einmal erfahren, welche Personen in der Administrativuntersuchung befragt worden waren. Sogar die Liste der befragten Personen fehlt nämlich im zusammenfassenden Schlussbericht. Damit bleibt auch die Rolle von Regierungsrat Käser für die Öffentlichkeit ungeklärt. Journalisten, die die Hintergründe der Untersuchung erfahren wollen und deshalb den vollständigen Bericht verlangen, werden per E-Mail abgewimmelt. Wer trotzdem Einsicht nach dem Öffentlichkeitsprinzip will, muss ein formelles schriftliches Gesuch auf dem Postweg nachreichen.

 

 

 

Ach wie gut ,dass niemand weiss

Die Geheimniskrämerei geht weiter: Die schweizerische Förderagentur für Innovation mit dem umständlichen Namen «Kommission für Technologie und Innovation » will nicht bekannt geben, welche Firmen 2012 und 2013 vom 100-Millionen-Geldsegen profitierten.

steinlinWer in der Schweiz eine Idee für ein Produkt hat, kann auf Geldsegen aus Bundesbern hoffen. Jedes Jahr verteilt die Kommission für Technologie und Innovation (KTI) 100 Millionen Franken. Der Bund bezahlt damit den Firmen zumindest teilweise die Forschung an Universitäten und Fachhochschulen. Welche Unternehmen aber tatsächlich von diesen Fördergeldern profitieren, will die KTI nicht bekannt geben. Präsident Walter Steinlin (Bild) weigert sich, neben den Forschungsprojekten auch die beteiligten Firmennamen zu veröffentlichen – trotz klarem Entscheid des eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten Hanspeter Thür.

Thür musste schon Anfang Jahr die Geheimniskrämerei der KTI beurteilen. Damals verlangte der Beobachter die Liste der Firmen, die vom 100 Millionen schweren «Sonderprogramm starker Franken» profitierte. Die Förderagentur blockte die Anfrage des Beobachtets ab, Erst auf Druck des Datenschützers gab die KTI die Liste schliesslich frei. Daraufhin wurde klar, dass nicht nur KMU von den Fördermillionen profitieren, wie oft kommuniziert, sondern auch Milliardenkonzerne wie die Swatch, der Pharmakonzern CLS Behring, die Ems-Chemie, das Othopädieunternehmen Mathys, aber auch der Computerkonzern Logitech oder der halbstaatliche Energiekonzern Repower (siehe «Fördermillionen für Milliardenkonzerne». die vollständige Liste findet sich hier). Jetzt macht die KTI bei der Liste der Jahre 2012 und 2013 einen Schritt zurück und argumentiert mit angeblichen «Geschäftsgeheimnissen» der beteiligten Unternehmen. Nun liegt der Ball beim Bundesverwaltungsgericht.

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 12/2014.

(Bild: KTI)

Ein Bremsklotz für das Bundesamt für Landwirtschaft

Das Recherche Netzwerk Investigativ.ch kürt das Bundesamt für Landwirtschaft mit dem Bremsklotz des Jahres – für seinen Umgang mit Journalisten.

 BremsklotzDas Bundesamt für Landwirtschaft ist Informationsverhinderer des Jahres. Dies nicht zuletzt wegen seinem Verhalten auf ein Einsichtsbegehren des «Beobachters». Das Amt verlangte für eine Liste der Empfänger von Verkäsungszulagen eine absurde Gebühr von 275’000 Franken. Später wollte das Amt für die 49 grössen Subventionsbezüger noch immer 5’300 Franken. Erst als der Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte Hanspeter Thür die Herausgabe forderte, rückte das Amt die Liste heraus – kostenlos. Thür hielt Anfang 2014 sogar fest: «An dieser Stelle muss der Beauftragte explizit festhalten, dass sich beim Bundesamt für Landwirtschaft eine Praxis etabliert hat, die geeignet erscheint, die Bearbeitung von Zugangsgesuchen zu blockieren.»

 

Mehr zum Fall Bundesamt für Landwirtschaft vs «Beobachter» findet sich hier.

Diese Milchverarbeiter erhalten Millionen.

«Käse vom Amt», Beobachter 5/2013

Die komplette Liste der wichtigsten Subventionsempfänger zwischen 2006 und 2012 findet sich hier.

Die Laudatio von Investigativ-Vorstandsmitglied George Humbel.

Eine Kindheit als Knecht

Schweizer Behörden haben Tausende Kinder und Jugendliche verdingt, ­weggesperrt, sterilisiert, psychiatrisiert und zur Adoption ­freigegeben. Einer davon: Ernst Stricker.

 

«Dieses Jahr werde ich 80. Mein Leben lang habe ich nie über meine Jahre als Verdingkind ­gesprochen. Jetzt aber hat es mir den Nuggi herausgehauen. Es brauchte Überwindung, 
aber ich schrieb Bundesrätin ­Simonetta Sommaruga einen Brief: «Sie sind auf Ihrem ­Posten am Drücker! Lösen Sie also endlich das Problem. Oder wollen Sie so lange warten, 
bis wir alle gestorben sind?»

Mein Vater war Hilfsarbeiter und oft zu faul zum Arbeiten. Wir waren mausarm. Als ich 1946 in die sechste Klasse kam, musste ich von zu Hause weg. Mit einem kleinen Koffer ­schickte man mich nach Baar zu einem Bauern. Ich hatte bei ihm genug zu essen und wurde auch nicht geschlagen. Aber meine Eltern fehlten mir. Da nützten die Tränen im Kopf­kissen nicht viel.

Viele hatten es schlechter 
als ich. Aber was musste ich krampfen. An mir sparte der Bauer einen Knecht. Ich erin­nere mich gut, wie ich als Zwölfjähriger in glühender Hitze Korn zusammentragen musste. Der Bauer sass derweil im Schatten des Hauses und ­dengelte seine Sense. Vier Jahre lang sah ich keinen Franken.

Jetzt will man uns mit einem Trinkgeld abspeisen. Das finde ich nicht in Ordnung. Wir alle wurden ausgenutzt und ge­demütigt, gelitten haben alle. Ja, mit Geld kann man die ­verlorene Mutterliebe nicht ­ersetzen, aber die geleistete ­Arbeit sollte der Staat den ­Betroffenen entschädigen.

Seit meinem zwölften ­Lebensjahr stehe ich auf eigenen Füssen. Ich musste viel ­einstecken. Das prägt einen 
fürs Leben. 1955 kam ich nach St. Gallen zur Bahn. Ich hatte das Glück, ohne erlernten Beruf eine Stelle zu finden. Ich arbeitete zuerst im Güterschuppen, später im Rangierdienst und dann in den Stellwerken. Fast 40 Jahre war ich bei der Bahn.»

Opfer von Behördenwillkür sollen entschädigt werden

Verdingt, weggesperrt, vergessen: Die Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels der Schweizer Sozialgeschichte hat zwar begonnen, zwei Bundesrätinnen haben sich öffentlich entschuldigt, ein runder Tisch wurde ins Leben gerufen – doch die Opfer fühlen sich bis heute im Stich gelassen. Jetzt lancieren sie zusammen mit Historikern, einer überparteilichen Politikergruppe und dem Beobachter eine Volksinitiative und fordern eine Wiedergutmachung. Ihr Ziel: Verdingkinder, administrativ Versorgte, Zwangssterilisierte und Zwangsadoptierte sollen für das Leid, das ihnen der Staat angetan hat, finanziell entschädigt werden.

Unterschriftenbögen der Wiedergutmachungsinitiative finden sich hier.

«Zwangsmassnahmen: Die Schuld der Schweiz», Beobachter Nr. 7/2014

Geldregen im starken Nebel

Innerhalb weniger Wochen verteilte die Förderagentur KTI des Bundes 2011 rund 100 Millionen Franken. Jetzt muss sie dem Beobachter sagen, welche Firmen wieviel Geld aus dem Sonderprogramm erhalten haben. Doch die KTI sträubt sich weiter.

Im Schnellzugstempo bewilligten 2011 die eidgenössischen Räte 100 Millionen FRanken für die angebliche darbende Exportwirtschaft. Diese malte wegen des starken Frankens den Teufel an die Wand, National- und Ständeräte öffneten die Schatulle. Wer aber aus diesem Sonderprogramm 2011 wieviel Geld erhalten hatte, wollte die KOmmission fpr Technologie und Innovation (KTI) nicht sagen. Gegenüber dem Beobachter verweigert sie seit zwei Jahren Einsicht in zwei Listen: Jene mit den Firmen, die Geld aus dem Topf erhalten haben und jene, die nichts erhalten haben.

Jetzt stellt sich der eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte vollumfänglich hinter den Beobachter. Datenschützer Hanspeter Thür kommt zum Schluss, es sei «nicht nachvollziehbar», weshalb die KTI die Listen unter Verschluss halte. «Es kann kaum je möglich sein, ein überwiegendes privates Interesse an der Geheimhaltung eines gesamten Verwaltungszweiges, nämlich der Innovationsförderung durch die KTI, vernünftig zu begründen.» Ein von der Förderagentur ins Feld geführten Reputationsschaden für die betroffenen Firmen im Fall einer Bekanntgabe ihrer Namen «entbehrt sogar jeglicher Grundlage». Der vollständige Bericht des Datenschützers findet sich hier.

Doch statt dem Beobachter die Listen herauszurücken, verzögert die KTI das Prozzedere weiter. Vollständiger Artikel auf Beobachter-Online.

Die Menschenversuche von Münsterlingen

Der Schweizer Psychiater Roland Kuhn gilt als «Vater der Antidepressiva». Doch dieser Ruhm gründet auf Hunderte von ahnungslosen Patienten. Betroffene leiden bis heute, Todesfälle wurden nie untersucht.

titel3Während Jahrzehnten liess die Pharmaindustrie neue Wirkstoffe  an nicht zustimmungsfähigen Kranken und Kindern testen. Recherchen des Beobachters zeigen erstmals das Ausmass solcher Medikamentenversuche: In der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen TG verabreichte der Psychiatrieprofessor Roland Kuhn über Jahrzehnte hinweg seinen Patienten nicht bewilligte Substanzen. Die Tests dienten unter anderem zur Entwicklung des ersten Antidepressiva, das noch heute als Tofranil im Handel ist. Die Pharmaindustrie verdankt Kuhn Milliardenumsätze.

Die Recherche war aufwändig: Dokumente gefunden habe ich vor allem im Staatsarchiv Thurgau, bei Swissmedic und im Medizinhistorischen Archiv. Dazu habe ich ein halbes Dutzend nationale und internationale Publikationen ausgewertet, mit Betroffenen und früheren Angestellten gesprochen. Die Informationen und Erkenntnisse ergeben ein erschreckendes Bild:

  • Dokumentiert sind mindestens 1600 Fälle von Medikamentenversuchen (vor allem Largactil, Imipramin/Tofranil, Ketoimipramin, Maprotilin/Ludiomil sowie zahlreiche Derivate dieser Substanzen)
  • die Versuche deckten eine Zeitspanne von über 30 Jahren ab
  • im wichtigsten Versuch verbrauchte der Psychiater 20’000 Pillen und 1000 Ampullen – pro Monat. Zusammengerechnet verabreichte er seinen Patienten in diesem Jahresversuch mindestens 6 Kilogramm des Wirkstoffs
  • dokumentiert sind Versuche an schwer depressiven Schwangeren
  • Versuche an schwer Kranken

«Die Experimente des Dr. Kuhn», Beobachter 3/2014;

Nationalrat bremst bei der Transparenz von Parteispenden

Die Schweiz wird sich weiterhin von internationalen Gremien für die intransparente Parteienfinanzierung kritisieren lassen müssen: Die Rechtskommission des Nationalrats will den Schleier nur einen Spalt breit öffnen.

In der Schweiz haben es Bemühungen für mehr Transparenz bei Parteispenden weiterhin schwer. Nach wie vor herrscht im Gegensatz zu anderen Ländern weitgehend Unkenntnis darüber, wenn Unternehmen Politiker, Parteien oder Kampagnen finanzieren. Neuster Rückschlag im Bestreben nach mehr Transparenz: Die vorberatende Kommission für Rechtsfragen des Nationarats lehnt eine parlamentarische Initiaitve des parteilosen Schaffhauser Ständerats Thomas Minder ab. Minder fordert, börsenkotierte Unternehmen und Unternehmen der öffenlichen Hand müssten finanzielle Zuwendungen an Parteien, Verbände und Kampagne in ihren Geschäftsberichten offen legen. Für Spenden über 10’000 Franken verlangt Minder sogar, dass die Empfänger detailliert veröffentlicht werden.

Während die Rechtskommission des Ständerats Minders Forderung letztes Jahr noch zustimmte, unterlag er nun in der Rechtskommission des Nationalrats knapp: Mit 10 gegen 9 Stimmen (bei fünf Enthaltungen) stellt sich das Gremium dagegen. Stattdessen will er einen eigenen Vorschlag ausarbeiten. Demnach sollen lediglich Firmen, die mehrheitlich im Besitz der öffentlichen Hand sind, Spenden an politische Einzelakteure, Parteien und Organisationen offen legen müssen. Mit dieser Regelung müssten immerhin Unternehmen wie beispielsweise Swisscom, SBB, Post oder auch die halbstaatlichen Stromkonzerne ihre Geldzuschüsse an politische Akteure und Organisationen veröffentlichen.

Mit diesem Entschei steht die Schweiz international weiterhin abseits. Wegen der intransparenten Regelung wird die Schweiz seit Jahren immer wieder von internationalen Gremien kritisiert, etwa von der Antikorruptionsbehörde Greco.

Ständeräte wollen kein Lobbyregister – warum auch?

Die vorberatende Ständeratskommission will Lobbyisten nicht in einem speziellen Register erfassen. So bleiben auch ihre Verbindungen zu diesen Interessensvertretern weitgehend unter dem Deckel.

Die staatspolitische Kommission des Nationalrats hatte sich noch hitner ein neues Lobbyregister gestellt, in der vorberatenden Kommission des Ständerats hatte die parlamentarische Initiaitve von FDP-Nationalrat Andrea Caroni keine Chance. Die staatspolitische Kommission lehnte die Änderung mit 8 gegen 3 ab. Argumentiert wurde mit dem «erheblichen bürokratischen Aufwand» der mit einem Lobbyregister verbunden wäre. Angeblich würde ein solches Akkreditierungssystem zu noch mehr Lobbyisten führen.

Caronis Vorschlag: Lobbyisten, die Zugang zu den nicht öffentlichen Bereichen des Bundeshauses wollen, müssten sich registrieren – und dabei auch Ihre Arbeitgeber und Mandate offen legen. Heute müssen sie nur eine allgemeine Funktion angeben, PR-Büros und Anwälte können damit ihre Auftraggeber verschleiern. Das heutige System führt auch dazu, dass sich Lobbyisten kühn als «Gäste», «persönliche Mitarbeiter» oder «Geschäftsführer» figurieren. Kontrolliert werden die Angaben nicht. Siehe «Mischler im Bundeshaus».

Welche Ständeräte sich gegen mehr Transparenz wehren,  ist nicht bekannt. Klar ist nur, die Mitglieder der staatspolitischen Kommission des Ständerats verfügen über eine Vielzahl von Verbindungen zu Firmen, Verbänden, Organisationen und Lobbyisten. Einigen von ihnen wird es recht sein, dass sie weiterhin im Halbschaten agieren können:

Robert Cramer, Kommissionspräsident, Grüne:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Felix Wirz, Ecopolitics (zahlreiche Mandate im Bereich Ökologie und Mobilität)

Fabio Abate, FDP
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Vincenzo Pedrazzini, Vizepräsident FDP Schweiz, Anwalt, Pedrazzini Holding AG.
Pascale Bruderer, FDP:

Raphaël Comte, FDP:

Verena Diener, Grünliberale:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Ronny Kaufmann, Schweizerische Post, Leiter Public Affair & Corporate Responsibility

Christine Egerszegi, FDP:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Hanspeter Konrad, Schweizerischer Pensionskassenverband ASIP.

Christof Engler, CVP:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Fadri Ramming, Regierungskonferenz der Gebirgskantone (RKGK)
;
Thomas Egger, Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für das Berggebiet (SAB)

Peter Föhn, SVP:

Filippo Lombardi, CVP:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Maria Luisa Bernini Burkard, Swiss Communication Agency

Rudolf Wyder, Auslandschweizer Organisation

Thomas Minder, Parteilos:

Paul Niederberger, CVP:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Roger Hegi, Sport-Toto-Gesellschaft
Fredy Müller, MUELLER Consulting & Partner

Urs Schwaller, CVP:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Georges Spicher, Verband Schweizer Zementindustrie
Christian Castella, Fédération des Entreprises Romandes


Hans Stöckli, SP:
Ermöglicht Zugang zum Bundeshaus für:
Louis Perron, Perron Campaigns

(Persönliche Mitarbeiter und Gäste aus Familie nicht aufgeführt)

Mischler im Bundeshaus

Sie nennen sich «Gäste» oder «persönliche Mitarbeiter» – in der Tat sind sie aber Lobbyisten. Für wen sie arbeiten, bleibt oft unklar. Eine unvollständige Liste.

Eine Stichprobe des «Beobachters» zeigt: Mindestens 25 PR- und Public-Affair-Firmen gehen im nicht-öffentlichen Teil des Bundeshauses ein und aus – klassische Lobby-Verbände wie Hauseigentümer, Gewerbeverband, Economiesuisse etc nicht eingerechnet. Die PR-Agenturen profitieren von einem Passus im Parlamentsgesetz, wonach jeder Parlamentarier zwei Personen Zutritt zum Bundeshaus gewähren kann. Diese Gäste müssen sich zwar registrieren, brauchen dabei aber nur ihren Namen und ihre Funktion bekannt zu geben. Kontrolliert werden diese Angaben von den Parlamentsdiensten aber nicht. Auch ihre Mandate und Auftraggeber müssen sie nicht offen legen.

In der aktuellen Liste der Zugangsberechtigten tauchen folgende PR-/Lobby-Agenturen auf:

 

Agentur  Mandate/Kunden (Eigendeklaration/Recherche Beobachter) 
Zenhäusern & Partner AG, Zürich Clariden Leu, TUI, Credit Suisse, Luzerner Kantonalbank, Swiss Quality Hotels International, Oracle Software, Matterhorn-Gotthard-Bahn, Walliser Kantonalbank, UBS, Privatbank IHAG, Versicherungen
Dynamics Group Forum Gesundheit, ?
Burson-Marsteller AG BAG (Kampagne Sensibilisierung Chemikalienkennzeichnung), Nuklearforum, ?
MLB Communications Marie-Louise Baumann, VR-Präsidentin Burson Marsteller, ?
Farner Consulting Swisscard AECS AG, Microsoft, Öko-Energie-Blog Basel, Post, Jobs.ch, Swisscom
Estermann Consulting ?
GEO Consulting Group AG ?
pluswert GmbH Umweltverbände, Seco, Bio Suisse, Pro Natura, WWF, Migros Bio, Fairtrade
ThinkArt Consulting ?
Köhler, Stüdeli und Partner GmbH Public Health (Dachorganisation Gesundheitsbereich), Galenica, Dachverband Komplementärmedizin, IG, Phytotherapie etc. 
PAE-PAC Public Affairs & Communications Metrobasel, trinationale Region, zuständig für Beziehungen zum Bund
Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten TCS, Saab (Grippen), ?
Furrer.Hugi&Partner AG Aldi, Google, Post, Auto-Schweiz, FMH, Mc Donald’s, Swisscom, Swisslos, Verband Schweizer Vermögensverwalter, SRG IG Seltene Krankheiten
Rohr Communications Ägyptisches Tourismusministerium, Swisscom, Avenir Suisse, J.P. Morgan Privat Bank, Deutsche Telekom, Miss Bern
Studerus und Partner AG, Zug AVES, Aktion für eine Vernünftige Energiepolitik
Maurer Partner Communication AG Ciba Spezialitäten Chemie, Swiss DRG (Vereinigung im Gesundheitsbereich zur Einführung der Fallpauschalen), Domicil (Altersheime), Entente Bernoise
KM Konsulta ?
Büro für Sprache und Politik Seilbahnprojekt Rothenflue
Ecopolitics GmbH Angestellte Schweiz, Erklärung von Bern, Greenpeace, Krebsliga, Pro Nautra, Sanu, Schweizer Tierschutz, Energiestiftung, Fischerei-Verband, VCS, WWF
Hotz Communications AG Familienplattform, Politarena
Dreizweieins.ch Steg Computer, Wasserkraftwerk EnBAG (Simplon), SwissFur, Bankiervereinigung, Pensionskassenverband ASIP, Matterhorn-Gotthard-Bahn
Swiss Communication Agency Handelskammer Lugano, Swiss Venture Club, Publicita Svizzera Italiana
Mueller Consulting & Partner ? (div. Gesundheit, Pharma, Finace, Retail, Energie, Verkehr, Sicherheit)
Peron Campaigns ?

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 18/2013.

Wie die Lobbyfirmen auf die Arbeit der Kommissionen von Naitonal- und Ständerat einfliessen, zeigt «Der Befangenenchor» (Beobachter 21/2012).