Basler Ethik-Präsident war gleichzeitig für Novartis tätig

Der Präsident der Basler Ethikkommission und frühere Chefarzt des Basler Unispitals, André Perruchoud, sass während Jahren gleichzeitig in einer Novartis-Stiftung.

Wie neutral kann der Präsident einer unabhängigen Ethikkommission die Forschungsgesuche von Novartis beurteilen, wenn er gleichzeitig vom Pharmakonzern für eine andere Tätigkeit bezahlt wird? Für André Perruchoud ist die Antwort klar: “Ich sehe keinen Interessenkonflikt.” Perruchoud ist seit fünf Jahren Präsident der Ethikkommission beider Basel. Am wichtigsten Standort der Schweizer Pharmaindustrie spielt er damit eine Schlüsselrolle.

Als Wissenschaftler hatte er aber noch eine zweite wichtige Position inne: Bis Anfang 2013 gehörte Perruchoud auch dem Kuratorium der Novartis-Stiftung für medizinisch- biologische Forschung an. Dort entschied er mit, welche Forschungsprojekte Novartis finanziell förderte. Für diese Arbeit wurde er vom Pharmakonzern bezahlt.

Perruchoud ist unbestritten eine Koryphäe in seinem Fach. Der 2008 emeritierte Professor für Pneumologie war Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Basel. In dieser Funktion wurde er 2003 in die Novartis-Forschungsstiftung gewählt. Die Ethikkommission übernahm er erst, als er aus dem Basler Unispital ausschied.

Heute gehört Perruchoud auch dem Vorstand der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Ethikkommissionen an, der Dachorganisation der kantonalen Ethikgremien. In diesen Kommissionen wachen Ärzte, Forscher, Ethiker, Seelsorger und Juristen darüber, ob Pharmaunternehmen bei der Forschung am Menschen nationale und internationale Richtlinien einhalten. Wollen Novartis, Roche oder eine andere Pharmafirma ein Medikament an Patienten testen, benötigen sie dafür die Zustimmung der Ethikkommission des jeweiligen Kantons. Ihr Entscheidungskriterium: die Wahrung der menschlichen Würde.

In Basel beurteilt das Gremium jedes Jahr rund 450 Gesuche der Pharmaindustrie. Laut Perruchoud kommt es in der Kommission immer wieder zu Interessenkonflikten. “Regelmässig müssen Mitglieder in den Ausstand treten, das ist völlig klar und auch unproblematisch”, findet er. Perruchoud selber trat in den fünf Jahren seiner Doppelrolle in der Ethikkommission nie in den Ausstand, wie er bestätigt.

Als Stiftungsrat verteilt er Novartis-Gelder in Millionenhöhe. Dreimal jährlich entscheidet ein Kuratorium über etwa 60 Gesuche, pro Forschungsprojekt gibt es bis zu 60 000 Franken. Er habe in dieser Stiftung keinen Bezug zu Novartis, betont Perruchoud. Sie unterstütze grundsätzlich keine Novartis-Projekte. Gesuche des Pharmakonzerns – oder auch nur mit Forschern der Novartis – würden nicht einmal beurteilt, sondern von vornherein “administrativ zurückgestellt”. Wie hoch ihn Novartis für seine Tätigkeit in der Stiftung bezahlte, will der einstige Chefarzt nicht sagen. Es handle sich lediglich um eine “Entschädigung”.

Nicht alle sehen Perruchouds Doppelrolle so locker wie er selber. Der Tessiner Präventivmediziner Gianfranco Domenighetti hat für die Zweifachfunktion von Perruchoud nur ein Wort übrig: “inakzeptabel”. Bei den Ethikkommissionen wird bald ein anderer Wind wehen. Tritt Anfang 2014 das neue Humanforschungsgesetz in Kraft, werden alle Mitglieder dieser kantonalen Gremien ihre Tätigkeiten in einem Register veröffentlichen müssen. Dann ist zumindest mit der Geheimniskrämerei Schluss.

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 18/2013.

Diese Milchverarbeiter erhalten vom Staat Millionen

33 Milchverarbeiter der Schweiz erhielten 2012 mindest eine Million Franken staatliche Unterstützung. Einsam an der Spitze liegt Emmi mit 46 Millionen Franken.

Eineinhalb Jahre lang verwehrte das Bundesamt für Landwirtschaft dem Beobachter die Einsicht in die Liste jener Milchverarbeiter, die von Subventionen profitieren. 300 Millionen Franken schüttet der Bund jährlich aus, um den Milchpreis zu stützen und den heimischen Käsern günstigen Rohstoff zu garantieren. Doch wer von dieser so genannten Verkäsungszulage profitiert, wollte das Bundesamt für Landwirtschaft nicht sagen. Anfänglich forderte es für die Einsicht eine absurd hohe Gebühr von 275’000 Franken. Alle 2500 Bezüger dieser Subvention müssten konsultiert werden, lautete die Begründung. Und für jeden Brief berechnete das Amt eine Stunde Aufwand à 100 Franken. Selbst für die Liste der 49 grössten Subventionsbezüger, alles Käsereien, die in den letzten Jahren über eine Million Franken kassierten, wollte das Bundesamt noch 5300 Franken (Beobachter 5/2013). Erst als der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte das Amt massregelte, rückte es die Liste heraus.

 

Das sind die 20 Top-Bezüger 2012 (in Mio. Fr.):

Emmi (inkl inkl Fromagerie de Saignelégier) 46.0
Züger Frischkäse AG, Oberbüren 15.2
Cremo 7.6
Imlig Käserei Oberriet AG 7.1
Strähl Käse AG 4.5
Milchgold Käse AG (Schürmann Melchior) 4.0
Swiss Premium AG, Dietikon 3.1
Käserei Marbach-Schangnau AG 2.8
Käserei Studer AG 2.6
Käserei Neuenschwander AG 2.6
Baer AG 2.2
Vallait SA 2.2
Sturzenegger Käse AG 2.0
Regio Chäsi Willisau 2.0
Käserei Risi AG, Waldkirch 1.8
Estavayer Lait SA (Migros) 1.8
Säntis Genossenschaft 1.5
Laiterie reunies de Genève 1.5
Wüthrich AG 1.5
Seiler Käserei
1.4

Die komplette Liste der wichtigsten Zulagenempfänger 2006 bis 2012 findet sich hier.

Abt. Nutzlose Piktogramme

Die Welt ist voller Piktogramme. Doch nicht alle sind verständlich und folglich nutzlos. Das neuste Beispiel stammt von den SBB.

sbb KopieDas blaue Symbol prangt neusterdings an Türen von Intercitys und Neigezügen der SBB: Fünf weisse Säulen, von links nach rechts in aufsteigender Höhe, die letzte erinnert an ein Ausrufezeichen. Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Säulendiagramm und erinnert an die Entwicklung der Netto-Verschuldung des Kantons Bern. Nur ohne Zahlen.

Das blaue Signet ist über den ganzen Zug verteilt, bei jeder Türe, auf Augenhöhe. Jeder Passagier muss es sehen, es geht gar nicht anders. Also: Es muss eine wichtig Botschaft sein, die mir die SBB mitteilen will. Doch: welche?

Auf Twitter fragte ich die Crowd:

tweet

 

 

 

 

Die Antworten kamen postwendend und waren vor allem eines – amüsant: “Achtung Treppe” rätselte @telecomuser. @Thunergiu schrieb: “Achtung, die Panflötenspieler sind wieder da!” Und @frauxirah meinte: “Am Telefon laut und deutlich sprechen, damit einem die Mitreisenden besser verstehen”.

Die richtige Antwort erhielt ich natürlich auch, sie ist viel banaler. Das Piktogramm beschilderte jene Wagen, die mit einem so genannten Repeater ausgerüstet sind und für besseren Handyempfang sorgen. Doch die Frage drängt sich auf: Wähle ich in Bern den Zug nach Zürich, nur weil da der Handyempfang besser ist, obschon ich nach Thun fahren sollte?

Bemerke ich nicht ohnehin, dass der Empfang in aufgerüsteten Wagen besser ist oder soll ich bei schlechtem Empfang durch den Zug gehen und mich beim Zugbegleiter nach dem 5-Säulen-Piktogramm erkundigen, bevor ich zum Handy greife?

Fazit: Das neue, omnipräsente Piktogramm ist unverständlich, nutzlos und macht keinen Sinn. Vermutlich stammt es von der Marketingabteilung und entpuppt sich damit als Werbegag.

Sind auch Sie schon unverständlichen, nutzlosen Piktogrammen begegnet?
Senden Sie mir Ihr Bild: otto.hostettle@beobachter.ch
 

Mischler im Bundeshaus

Sie nennen sich «Gäste» oder «persönliche Mitarbeiter» – in der Tat sind sie aber Lobbyisten. Für wen sie arbeiten, bleibt oft unklar. Eine unvollständige Liste.

Eine Stichprobe des «Beobachters» zeigt: Mindestens 25 PR- und Public-Affair-Firmen gehen im nicht-öffentlichen Teil des Bundeshauses ein und aus – klassische Lobby-Verbände wie Hauseigentümer, Gewerbeverband, Economiesuisse etc nicht eingerechnet. Die PR-Agenturen profitieren von einem Passus im Parlamentsgesetz, wonach jeder Parlamentarier zwei Personen Zutritt zum Bundeshaus gewähren kann. Diese Gäste müssen sich zwar registrieren, brauchen dabei aber nur ihren Namen und ihre Funktion bekannt zu geben. Kontrolliert werden diese Angaben von den Parlamentsdiensten aber nicht. Auch ihre Mandate und Auftraggeber müssen sie nicht offen legen.

In der aktuellen Liste der Zugangsberechtigten tauchen folgende PR-/Lobby-Agenturen auf:

 

Agentur  Mandate/Kunden (Eigendeklaration/Recherche Beobachter) 
Zenhäusern & Partner AG, Zürich Clariden Leu, TUI, Credit Suisse, Luzerner Kantonalbank, Swiss Quality Hotels International, Oracle Software, Matterhorn-Gotthard-Bahn, Walliser Kantonalbank, UBS, Privatbank IHAG, Versicherungen
Dynamics Group Forum Gesundheit, ?
Burson-Marsteller AG BAG (Kampagne Sensibilisierung Chemikalienkennzeichnung), Nuklearforum, ?
MLB Communications Marie-Louise Baumann, VR-Präsidentin Burson Marsteller, ?
Farner Consulting Swisscard AECS AG, Microsoft, Öko-Energie-Blog Basel, Post, Jobs.ch, Swisscom
Estermann Consulting ?
GEO Consulting Group AG ?
pluswert GmbH Umweltverbände, Seco, Bio Suisse, Pro Natura, WWF, Migros Bio, Fairtrade
ThinkArt Consulting ?
Köhler, Stüdeli und Partner GmbH Public Health (Dachorganisation Gesundheitsbereich), Galenica, Dachverband Komplementärmedizin, IG, Phytotherapie etc. 
PAE-PAC Public Affairs & Communications Metrobasel, trinationale Region, zuständig für Beziehungen zum Bund
Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten TCS, Saab (Grippen), ?
Furrer.Hugi&Partner AG Aldi, Google, Post, Auto-Schweiz, FMH, Mc Donald’s, Swisscom, Swisslos, Verband Schweizer Vermögensverwalter, SRG IG Seltene Krankheiten
Rohr Communications Ägyptisches Tourismusministerium, Swisscom, Avenir Suisse, J.P. Morgan Privat Bank, Deutsche Telekom, Miss Bern
Studerus und Partner AG, Zug AVES, Aktion für eine Vernünftige Energiepolitik
Maurer Partner Communication AG Ciba Spezialitäten Chemie, Swiss DRG (Vereinigung im Gesundheitsbereich zur Einführung der Fallpauschalen), Domicil (Altersheime), Entente Bernoise
KM Konsulta ?
Büro für Sprache und Politik Seilbahnprojekt Rothenflue
Ecopolitics GmbH Angestellte Schweiz, Erklärung von Bern, Greenpeace, Krebsliga, Pro Nautra, Sanu, Schweizer Tierschutz, Energiestiftung, Fischerei-Verband, VCS, WWF
Hotz Communications AG Familienplattform, Politarena
Dreizweieins.ch Steg Computer, Wasserkraftwerk EnBAG (Simplon), SwissFur, Bankiervereinigung, Pensionskassenverband ASIP, Matterhorn-Gotthard-Bahn
Swiss Communication Agency Handelskammer Lugano, Swiss Venture Club, Publicita Svizzera Italiana
Mueller Consulting & Partner ? (div. Gesundheit, Pharma, Finace, Retail, Energie, Verkehr, Sicherheit)
Peron Campaigns ?

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 18/2013.

Wie die Lobbyfirmen auf die Arbeit der Kommissionen von Naitonal- und Ständerat einfliessen, zeigt «Der Befangenenchor» (Beobachter 21/2012).

Coop ersetzt Bisophenol haltige Kassenzettel

Plötzlich geht es doch: Coop will per Ende Jahr kein Kassenzettel-Papier mehr mit Bisphenol A (BPA)  verwenden. Beim Bundesamt für Gesundheit ist der hormonaktive Stoff weiterhin kein Thema.

bpaBisphenol A ist seit Jahren in der Verpackungsindustrie ein beliebter Stoff und gehört zu den weltweit am meisten produzierten Chemikalien. Er wird in vielen Getränkeflaschen verwendet aber auch in Konservenbüchsen und anderen Nahrungsmittelbehältnissen. Doch der praktischen Verwendung zum Trotz: Der hormonaktive Stoff mit östrogenartiger Wirkung kann den Hormonhaushalt des menschlichen Körpers beeinflussen und steht im Verdacht, verschiedene Krebsarten auszulösen. Das deutsche Umweltbundesamt betont das «ausreichende Besorgnispotenzial» und fordert von der Industrie «gesundheits- und umweltfreundlichere Alternativen» zu verwenden, «insbesondere für Produkte im Kontakt mit Lebensmitteln».

Aus vielen Schoppen und Nuggis ist BPA inzwischen verschwunden, obschon Hersteller immer wieder betonen, Bisphenol A sei unbedenklich. Coop verbannte diese Nuggis und Schoppen schon vor drei Jahren aus dem Regal. Und auch der Industriebetrieb SIGG verzichtet inzwischen bei seiner beliebten Getränkeflasche auf den Einsatz von Bisphenol A. Das Bundesamt für Gesundheit hingegen behauptet auch heute kühn, es bestehe «kein Gesundheitsrisiko». Achtzehn führende Wissenschaftler im Bereich des weiblichen Fortpflanzungssystem kamen hingegen zu einem alarmierenden Schluss (siehe «Bisphenol A: Seit Jahren im Verdacht»).

2010 wies das Zürcher Kantonslabor nach, dass BPA von Kassenzetteln innerhalb weniger Sekunden auf der Haut haften bleibt und der Verdacht bestehe, dass der Stoff anschliessend in die Haut eindringe («Der Kassenzettel kann Ihre Gesundheit gefährden»). Bereits damals kündigte Coop Tests mit alternativem Papier an, jetzt will der Grossverteiler die Umstellung auf bisphenolfreies Papier per Ende 2013 in allen Filialen abgeschlossen haben. Die BPA-haltigen Kassenzettel verschwinden auch aus den Filialen der zu Coop gehördenden Ladenketten von Interdiscount, Import-Parfumerie und Toptip/Lumimart.

Mit der Aktion schwelgt aber auch eine gute Portion PR mit: In schwülstigen Worten lässt der Grossverteiler verlauten: «Coop nimmt die Bedenken der Kunden und Mitarbeitenden ernst und nutzt die Chance, die der Fortschritt bietet.» Und betont dabei, man sei der erste Detaillhändler der Schweiz, der sich von Bisphenol A auf Kassenzetteln verabschiede. Gleichzeitig betont Coop, die Wirkung der Bisphenole sei nach wie vor «wissenschaftlich umstritten» und von den Behörden «nicht verboten». Was weder Coop noch das Bundesamt für Gesundheit sagen: in mehreren Ländern ist Bisphenol A in Babyflaschen verboten – bereits seit Jahren.

 

Rüffel für Geheimniskrämer

Das Bundesamt für Landwirtschaft muss dem Beobachter eine Liste der Milchverarbeiter herausrücken, die monatlich mehr als 100’000 Franken Subventionen erhalten. Dies entschied der eisgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftrage Hanspeter Thür.

käselaibe im reiferaumDie Geheimnistuerei hat ein Ende: Anderthalb Jahre lang verhinderte das Bundesamt für Landwirtschaft, dass die Öffentlichkeit erfährt, wer bei der Käseherstellung von staatlichen Geldern profitiert. Jetzt kommt der Beauftragte für Datenschutz und Öffentlichkeit Hanspeter Thür zum Schluss: Die oberste Landwirtschaftsbehörde verstösst mit ihrem Vorgehen gleich in mehreren Punkten gegen das Öffentlichkeitsgesetz. Es muss nun dem Beobachter die Liste aller Milchverarbeitungsbetriebe aushändigen, die monatlich mehr als 100’000 Franken dieser Verkäsungszulage beziehen. Und dies erst noch ohne horrende Kosten zu verrechnen. Ursprünglich verlangte das Bundesamt für eine komplette die Liste aller Subventionsempfänger vom Beobachter eine absurde Gebühr von 275’000 Franken. Kommt das Bundesamt der Aufforderung des Datenschützers nicht nach, wird das Bundesverwaltungsgericht entscheiden müssen.

Thürs Entscheid kommt einer Ohrfeige an die Landwirtschaftsbehörde gleich. Denn das Bundesamt hatte in letzter Zeit gleich mehrfach versucht, wichtige agrarpolitische Informationen unter dem Deckel zu behalten – jeweils nach dem gleichen Muster: Das Amt verlangte so hohe Gebühren, dass Journalisten ihre Informationsbegehren zurückzogen.

Das Bundesamt begründete seine Berechnung im Fall des Beobachters mit dem Aufwand, jeden Subventionsbezüger vorgängig zu kontaktieren. Das Amt machte für jeden der 2500 Geldempfänger eine Stunde Aufwand à 100 Franken geltend und rechnete Portokosten von 25’000 Franken dazu. Auch für die Liste der 49 wichtigsten Betriebe, die alle monatlich mehr als 100’000 Franken Subventionen erhalten, wollte das Bundesamt für Landwirtschaft dem Beobachter noch 5300 Franken verrechnen – plus 1800 Franken, um die Informationen der Datenbank in eine Liste zu übertragen. Gemäss Thür ist der  Verwaltungsaufwand «unangemessen» und die Gebührenberechnung  «unverhältnissmässig und geradezu stossend».

«Eine solche Errechnung der Gebühr hat objektiv betrachtet eine offensichtlich abschreckende Wirkung für potenzielle Gesuchsteller», schreibt Thür in seinem Entscheid. Zu den Portokosten hält er fest: «Die effektive Verrechnung der Versandkosten würde den Zugang zu amtlichen Dokumenten praktisch verunmöglichen.» Thür geht sogar noch einen Schritt weiter, das Bundesamt müsste die Subventionsempfänger nicht einmal konsultieren, weil mit der Bekanntgabe der Subventionen deren Privatsphäre nicht verletzt werde. Denn: «Es besteht ein eminentes öffentliches Interesse zu wissen, wer Zulagen für verkäste Milch (…) erhalten hat und ob mit den getätigten Zulagen die gesetzlich gewollten Wirkungen erzielt werden konnten.»

Kommt das Bundesamt für Landwirtschaft der Aufforderung des Datenschützers nicht nach, wird das Bundesverwaltungsgericht darüber entscheiden müssen.

 

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 17/2013.

Bild: © contrastwerkstatt – Fotolia.com
 

Zeitung rät bei spielenden Kindern: «hart durchgreifen»

Wenn Kinder nicht gehorchen, soll man «hart durchgreifen», empfiehlt das «Bieler Tagblatt». Das erinnert an eine längst vergangen geglaubte Zeit.

hartdurchgreifenDer Fall stammt nicht aus grauer Vorzeit. Und doch klingt der Rat der Lokalzeitung «Bieler Tagblatt» (Ausgabe 18. Juli 2013) an die 60er und 70er Jahre, als Behörden entschieden, wie man mit Kindern umgehen soll, wenn sie nicht gehorchen. In einem gross aufgemachten Artikel über Trampolin steht als Ratschlag: «Es muss ebenfalls hart durchgegriffen werden, wenn die Kinder trotz aller Warnungen zu zweit oder zu dritt hüpfen wollen.»

«Hart durchgreifen»? Was genau sich die Autorin unter diesem Ratschlag vorstellt, führt sie nicht weiter aus. «Hart durchgreifen» war einst ein oft  verwendeter Begriff von Vormundschaftsbehörden. Er findet sich in unzähligen Akten von Betroffenen so genannter «fürsorgerischer Zwangsmassnahmen» wieder.

Unter dieser Bezeichnung steckte der Staat bis Anfang der 80er Jahre tausende von Kindern und Jugendlichen zur «Nacherziehung» in Anstalten und Gefängnisse, platzierte sie in Waisenhäuser, auch wenn sie gar keine Waisen waren oder gab die Kinder gegen den Willen der Eltern zur Adoption frei. Oft reichte es, wenn die Kinder und Jugendlichen nicht parierten, so genannt «schwer erziehbar» oder «renitent» waren, in den Augen der Behörden ein «liederliches Leben» führten oder «arbeitsscheu» waren. Übrig geblieben aus dieser Zeit sind unzählige Frauen und Männer, die bis heute unter ihrer Geschichte leiden. Was diese weggesperrten, verdingten und Zwangsadoptierten unter «hart durchgreifen» in Erinnerung haben, lässt sich hier nachlesen.

Der Ratschlag, auf einem Trampolin dürften die Kinder nicht zu zweit oder zu dritt hüpfen, wirkt vor diesem Hintergrund wie aus einer anderen Zeit. Vermutlich will dieser Hinweis nur «das Beste» für sie. Doch: was genau ist eigentlich «das Beste» für ein Kind?

 

Ciba-Geigy importierte jahrelang DDR-Möbel

Ciba-Geigy liess sich Medikamentenlieferungen in die DDR jahrelang in Möbeln bezahlen – die wahrscheinlich auch von politischen Häftlingen produziert worden waren.

cibaCiba-Geigy, heute Novartis, importierte jahrelang für Millionenbeträge Möbel aus der DDR in die Schweiz und verkaufte sie hier weiter. Der Pharmakonzern liess sich so von der maroden Diktatur Medikamentenlieferungen bezahlen. Die Möbel, wahrscheinlich auch von politischen Strafgefangenen zusammengebaut, landeten unbemerkt im Schweizer Fachhandel, wie Recherchen des BEOBACHTERS zeigen.

Während die allermeisten Möbelimporteure einen grossen Bogen um die DDR machte, schleuste Ciba-Geigy über diskrete Wege die Möbel in den Fachhandel. Weil die DDR-Möbelfabriken chronisch unter Arbeitskraftmangel litten, setzten sie oft auch Strafgefangene für die Produktion ein. Zum Einsatz kamen sowohl kriminelle als auch politische Häftlinge, wie vor kurzem eine Untersuchung zur Vergangenheit des Möbelkonzerns Ikea festhielt.

Ciba und Sandoz, heute gemeinsam Novartis, hatten beste Beziehungen zum DDR-Machtapparat, höchste Staatsvertreter wurden von der Basler Chemie exklusiv empfangen.

Aber auch die übrige Schweizer Wirtschaft hofierte den Führern der DDR und wollte mit dem Regime ins Geschäft kommen. Dokumente über ein Geheimtreffen im Zürcher Nobelhotel «Baur au Lac» vom 6. Dezember 1977, die dem BEOBACHTER vorliegen, zeigen: Die Direktoren aller Schweizer Grossbanken sassen mit DDR-Staatssekretär Gerhard Beil am Tisch, Maschinenindustrie, Textilindustrie und Uhrenindustrie mussten am Nebentisch Platz nehmen.

Den vollständigen Artikel lesen Sie im Beobachter 14/2013.

(Bild: Auszug aus Schreiben von Ciba-Geigy vom 22. Mai 1978; Archiv für Zeitgeschichte, Zürich)

Fremdplatzierte bereiten Volksinitiative vor

Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen bereiten eine Volksinitiative vor. Sie befürchten, der Runde Tisch von Bundesrätin Simonetta Sommaruga werde zur Alibiübung.

fremdplatziertBetroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen verlieren die Geduld. Weil es nicht vorwärts geht in der Aufarbeitung und der Hilfe für Verding- und Heimkinder, Administrativ Versorgte, Zwangssterilisierte und Zwangsadoptierte wollen sie nun eine Volksinitiative lancieren, wie der «Beobachter» in seiner neusten Ausgabe berichtet.

«Falls der Runde Tisch nicht bis im Frühling 2014 zu greifbaren Resultaten kommt, wird die Guido-Fluri-Stiftung eine Volksinitiative lancieren», sagt Stiftungspräsident Guido Fluri. Der 46-jährige Unternehmer war als Kind selber fremdplatziert, jetzt engagiert er sich mit seiner Stiftung für die Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels Schweizer Sozialgeschichte. Für die Volksinitiative hat die Stiftung bereits eine Million Franken zurückgestellt, wie der «Beobachter» weiter schreibt.

Mit dem Gedenkanlass von diesem Frühjahr initiierte Bundesrätin Simonetta Sommaruga auch einen Runden Tisch. Hier diskutieren jetzt Zwangssterilisierte, Verding- und Heimkinder sowie Administrativ Versorgte und Zwangsadoptierte mit Behörden- und Kirchenvertreter sowie verschiedenen Verbänden und Historikern über die Aufarbeitung. Doch dieser Prozess kommt nur zögerlich voran, zwischen den Sitzungen vergehen jeweils Monate. Zentrale Forderungen der Betroffenen sind die konsequente historische Aufarbeitung sowie eine Entschädigung und einen Härtefallfonds. Bis heute leben zahlreiche Betroffene aufgrund ihrer traumatischen Kindheits- und Jugendjahren in seelischer und finanzieller Armut.

Das Interview mit Guido Fluri im Beobachter 14/2013.
 

Verdingt und weggesperrt: Eine Entschuldigung genügt nicht.

(Bildmontage: Walter Emmisberger)

Schmieren und salben hilft allenthalben

Die Muskelcrème Perskindol kann auch Kopfschmerzen bereiten: Der Pharmabereich der Galenica-Gruppe kleistert die Plakatwände zu und stopft die Apotheken mit Werbung voll – Personal inklusive.

perskidolBescheidenheit ist kein Kernelement der aktuellen Werbekampagne des Pharmakonzerns Vifor. Für eines seiner bekanntesten Produkte, die Muskelcrème Perskindol, kleistert der Pharmabereich der Galenica-Gruppe derzeit die Plakatwände zu. Mehr noch: Wer Apotheken betritt, muss sich teils buchstäblich durch einen gelb verbarrikadierten Eingang kämpfen. Hinter dem Tresen der Apotheken empfangen einem Mitarbeiter der Apotheke auch gleich noch im gibeligelben Perskindol-T-Shirt.

Von diesem Personal soll der Kunde eine neutrale fachliche Beratung erhalten, die er an der Kasse auch noch mit einem Zuschlag finanzieren muss? «Die Apotheker werden in ihrer Beratung in keiner Weise beeinflusst, sie sind absolut unabhängig», versichert eine Perskindol-Sprecherin. Die T-Shirts würden den Apotheken gratis zur Verfügung gestellt, betont die Firmen-PR-Stelle. Weil Perskindol das Eidgenössische Turn und Sportfest sponserte, sei die nationale Kampagne in der Region Biel mit T-Shirts für Apotheken und Drogerien «ergänzt» worden.

Wow, die Apotheker ziehen die gelben Shirts sogar freiwillig über! Für eine gute Sache. Oder steckt doch mehr dahinter? Es ist eine alte Geschichte, dass sich Apotheken von Pharmaunternehmen dafür bezahlen lassen, deren Produkte auffällig im Laden zu plazieren und damit bevorzugt zu verkaufen. Wieviel die Industrie dafür bezahlt, will niemand sagen. Auch im Fall des augenfälligen Auftritts von Perskindol heisst es: «keine Auskunft».

Publikumswerbung ist für Perskindol gesetzlich erlaubt, das Produkt ist bei Swissmedic teilweise als Kosmetika und teilweise als Arzneimittel registriert. Zulässig ist aber nur so genannte «Markenwerbung». Anders sähe es aus, wenn Perskindol auch so genannte Produktewerbung betreiben würde, also Werbung mit Heilanpreisung. Wegen dieser Problematik sagt Apothekerverbands-Sprecher Karl Küenzi: «pharmaSuisse ermuntert seine Mitglieder zu einem zurückhaltenden Einsatz von Werbung.» In der Standesordnung heisst es trotzdem nur schwammig: «Sie machen Werbung, (…) die weder irreführend noch aufdringlich ist.» Und: «Sie enthalten sich jeder Art kommerzieller Sonderabmachungen mit anderen Leistungserbringern zwecks gegenseitiger Begünstigung.» Glauben macht seelig.