Walliser Gefängnisse: Aus Prinzip psychisch krank

Wer im Walliser Gefängnis krank wird, hat Pech gehabt. Er wird zwar medizinisch versorgt, auf der Abrechnung steht dann: «nichtärztliche ambulante Behandlung in der Psychiatrie.» Auch wenn der Patient nur ein Grippenmedikament schlucken musste. Kassen und Inhaftierte zahlen mehr als nötig, und der Kanton verdient daran.

Wenn ein Häftling im Wallis eine Grippe hat, gilt er automatisch als psychisch krank – zumindest in den Akten. Hintergrund: Der gefängnismedizinische Dienst gehörte jahrzehntelang zu den kantonalen psychiatrischen Diensten Unterwallis. Das hat ab­surde Folgen: Die Krankenkassen müssen fiktive psychiatrische Leistungen zahlen, Häftlinge mit hoher Franchise haben unnö­tig hohe Krankheitskosten, und der Kanton profitiert, weil die Leistungen zu teuer vergütet werden.

Dem «Beobachter» liegen diverse Fälle vor, die das System der unkorrekten Rech­nungen belegen. So kostete die Behandlung eines Häftlings, der unter Aufsicht ein Arthrosemedikament schlucken musste, monatlich 1000 statt 36 Franken. Bei einem anderen Häftling, der ebenfalls lediglich ein Medikament einnehmen musste, kamen in einem Jahr rund 100 angebliche psychiatrische Leistungen zusammen.

Die Krankenkassen sehen nicht, ob es sich bei den Patienten um Inhaftierte handelt, und zahlen die horrenden Rechnungen. Wie viele Häftlinge betroffen sind, ist unbe­kannt. Staatsrätin Esther Waeber-Kalbermatten weist darauf hin, dass die medizinische Betreuung von Inhaftierten in­zwischen neu organisiert sei. Das ändert allerdings nichts daran, dass weiter abgerechnet wie bisher, wie aktuelle Krankenkassen-Abrechnungen eines Inhaftierten zeigen.

Die fragwürdige Abrechnungspraxis hat für kranke Häftlinge noch ganz andere Folgen: Aus den Einträgen bei den Krankenkassen könnten Dritte auf psychische Krankheiten schliessen. Bereits bei einem Versicherungswechsel könnte dies für Betroffene nachteilige Folgen haben.

Den vollständigen Artikel finden Sie im Beobachter 8/2014.

Eine Kindheit als Knecht

Schweizer Behörden haben Tausende Kinder und Jugendliche verdingt, ­weggesperrt, sterilisiert, psychiatrisiert und zur Adoption ­freigegeben. Einer davon: Ernst Stricker.

 

«Dieses Jahr werde ich 80. Mein Leben lang habe ich nie über meine Jahre als Verdingkind ­gesprochen. Jetzt aber hat es mir den Nuggi herausgehauen. Es brauchte Überwindung, 
aber ich schrieb Bundesrätin ­Simonetta Sommaruga einen Brief: «Sie sind auf Ihrem ­Posten am Drücker! Lösen Sie also endlich das Problem. Oder wollen Sie so lange warten, 
bis wir alle gestorben sind?»

Mein Vater war Hilfsarbeiter und oft zu faul zum Arbeiten. Wir waren mausarm. Als ich 1946 in die sechste Klasse kam, musste ich von zu Hause weg. Mit einem kleinen Koffer ­schickte man mich nach Baar zu einem Bauern. Ich hatte bei ihm genug zu essen und wurde auch nicht geschlagen. Aber meine Eltern fehlten mir. Da nützten die Tränen im Kopf­kissen nicht viel.

Viele hatten es schlechter 
als ich. Aber was musste ich krampfen. An mir sparte der Bauer einen Knecht. Ich erin­nere mich gut, wie ich als Zwölfjähriger in glühender Hitze Korn zusammentragen musste. Der Bauer sass derweil im Schatten des Hauses und ­dengelte seine Sense. Vier Jahre lang sah ich keinen Franken.

Jetzt will man uns mit einem Trinkgeld abspeisen. Das finde ich nicht in Ordnung. Wir alle wurden ausgenutzt und ge­demütigt, gelitten haben alle. Ja, mit Geld kann man die ­verlorene Mutterliebe nicht ­ersetzen, aber die geleistete ­Arbeit sollte der Staat den ­Betroffenen entschädigen.

Seit meinem zwölften ­Lebensjahr stehe ich auf eigenen Füssen. Ich musste viel ­einstecken. Das prägt einen 
fürs Leben. 1955 kam ich nach St. Gallen zur Bahn. Ich hatte das Glück, ohne erlernten Beruf eine Stelle zu finden. Ich arbeitete zuerst im Güterschuppen, später im Rangierdienst und dann in den Stellwerken. Fast 40 Jahre war ich bei der Bahn.»

Opfer von Behördenwillkür sollen entschädigt werden

Verdingt, weggesperrt, vergessen: Die Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels der Schweizer Sozialgeschichte hat zwar begonnen, zwei Bundesrätinnen haben sich öffentlich entschuldigt, ein runder Tisch wurde ins Leben gerufen – doch die Opfer fühlen sich bis heute im Stich gelassen. Jetzt lancieren sie zusammen mit Historikern, einer überparteilichen Politikergruppe und dem Beobachter eine Volksinitiative und fordern eine Wiedergutmachung. Ihr Ziel: Verdingkinder, administrativ Versorgte, Zwangssterilisierte und Zwangsadoptierte sollen für das Leid, das ihnen der Staat angetan hat, finanziell entschädigt werden.

Unterschriftenbögen der Wiedergutmachungsinitiative finden sich hier.

«Zwangsmassnahmen: Die Schuld der Schweiz», Beobachter Nr. 7/2014

Ladekabelsalat à discretion

Die EU will einheitliche Stecker für Ladekabel von Handys, Smartphones und Tablets. Ob das Konsumentenärgernis mit den unterschiedlichen Ladekabel aber aus der Welt geschafft wird, steht in den Sternen.

LadekabelMit der Freiwilligkeit klappte es nicht, jetzt will die EU die Hersteller von Mobiltelefonen und Smartphones per Gesetz zur Kundenfreundlichkeit zwingen. Doch das letzte Woche vom EU-Parlament verabschiedete Gesetz ist gnädig ausgefallen. Den Herstellern wird eine grosszügige Umsetzungsfrist von drei Jahre eingeräumt, bis sie das einheitliche Ladekabel einführen müssen. Im Internet-Zeitalter eine halbe Ewigkeit.

Mit einer freiwilligen Lösung war es der Branche offensichtlich nicht allzu ernst. Vor bald fünf Jahren hatten sich die Hersteller mit der EU geeinigt, künftig einen einheitlichen Stecker zu verwenden. Doch aus der in schönen PR-Phrasen angekündigten Meldung von 2009 wurde nie etwas. Die Industrie ignorierte die Konsumenten kurzerhand – und lancierte munter weiterhin mit fast jeder Gerätegeneration ein neues Ladekabel.

 

Xing versteckt massive Gebührenerhöhung

Das Berufsnetzwerk Xing erhöht seine Mitgliedergebühren massiv – und versteckt sie hinter der Umstellung auf Schweizer Franken.

xing-logoDie Kosten der Mitgliedschaft beim deutschen Berufsnetzwerk Xing ist offensichtlich Glückssache. Einige bezahlten einen Jahrestarif von 112 Franken,  viele profitierten aber offensichtlich von Aktionspreisen und Sonderprogrammen. Nutzer hatten die Übersicht längst verloren. Jetzt will Xing seine Preise «harmonisieren und anpassen». Der neue Einheitstarif für Schweizer Mitglieder beträgt gemäss Xing Schweiz Country Manager Robert Beer Fr. 155.40 pro Jahr.

Wer die Preismodelle nicht genau sturiert, bezahlt aber noch mehr: Vor wenigen Tagen kündigte mir Xing einen neuen Monatstarif von Fr. 16.95 an, macht pro Jahr Fr. 203.40; also fast eine Verdoppelung – und 50 Franken mehr als der neue Einheitstarif. Erst auf Nachfrage bei Xing heisst es lapidar: Der tiefere Preis entspricht einer jährlichen Zahlung, der höhere Tarif wird bei der dreimonatlichen Zahlung verrechnet.

Damit die happige Gebührenerhöhung nicht zu sehr auffällt, versteckte sie Xing hinter dem angeblich «vielfachen Wunsch unserer Kunden», Mitgliederbeiträge neu in Schweizer Franken in Rechnung zu stellen statt wie bisher in Euro. Warum Deutsche Xing-Kunden in Zukunft aber massiv günstiger fahren als Schweizer, erfährt man nicht. In Deutschland beträgt der neue Jahrestarif Euro 95.40. Bei einem Umrechnungskurs von 1.25 wären dies gerademal Fr. 119.25. Schweizer Kunden berechnet Xing künftig satte 36 Franken mehr.

Die Preiserhöhung sorgte auf verschiedenen Kanälen bereits für erboste Reaktionen. Auch in Xing-Foren hagelte es Proteste. Einige Nutzer kündigten über Twitter ihre Kündigung an. Einige enttäuschte Xing-Kunden verabredeten sich spontan zum «Goodby Xing Premium Dinner».

Xing-Schweiz-Chef Beer sagt zur versteckten Tarifsteigerung, dies sei die erste Preiserhöhung seit zehn Jahren. In letzter Zeit habe man die Premium-Mitgliedschaft «massiv ausgebaut». Beer: «Die Investitionen, die wir gerade in jüngster Zeit in der Schweiz getätigt haben, rechtfertigen unserer Meinung nach den neuen Preis.»

Medikamententests: Schönreden statt aufarbeiten

Zwei Thurgauer Kantonsärzte verteidigen die fragwürdigen Medikamentenversuche des Psychiatrieprofessors Roland Kuhn in Münsterlingen. Ein Schlag ins Gesicht der Betroffenen.

Kuhn«Ich bin der Meinung, dass Roland Kuhn für seine Entdeckung den Nobelpreis verdient hat», sagt der pensionierte Thurgauer Hausarzt Alfred Stahl, einst stellvertretender Kantonsarzt. Und der pensionierte Kantonsarzt Alfred Muggli doppelt nach: «Ich hatte nie den Eindruck, dass er sich unethisch verhalten hat», sagte er der Thurgauer Zeitung. Doch auf was stützen sich die beiden Ärzte bei ihrer posthumen Adelung von Roland Kuhn, dem langjährigen Oberarzt und Direktor der psychiatrischen Klink Münsterlingen? Im Interview mit der Zeitung geben sie an, den Psychiatrieprofessor, der als Vater des ersten Antidepressivas gilt, persönlich gekannt zu haben.

Recherchen des Beobachters in Patientenakten, Forschungspublikationen und Korrespondenzen sowie Gespräche mit zahlreichen betroffenen Patienten und ehemaligen Angestellten zeigen ein anderes Bild: Jahrzehntelang testete Psychiatrieprofessor Roland Kuhn in der Klinik Münsterlingen neue Wirkstoffe der Pharmaindustrie an Hunderten seiner Patientinnen und Patienten – die allermeisten dieser Versuchspersonen dürften davon keine Ahnung gehabt haben.

1600 Fälle dokumentierte der Beobachter in seiner Titelgeschichte «Die Menschenversuche von Münsterlingen», darunter waren auch hunderte von Kindern. Wenn nun der ehemalige Kantonsarzt sagt, er habe nie den Eindruck gehabt, dass sich Kuhn unethisch verhalten habe, klingt dies, als wolle er sein eigenes Wegschauen schön reden. Denn als Kuhn Anfang der 50er Jahre in Münsterlingen seinen Patienten die ersten Testsubstanzen verabreichte, war der Nürnberger Kodex längst verabschiedet. Diese ethischen Richtlinien gelten als die wichtigsten Grundsätze für Ärzte nach den Verbrechen der Psychiatrie im Dritten Reich. Sie regeln die minimalen Anforderungen bei medizinischen Versuchen an Menschen. In Punkt ein heisst es: «Die freiwillige Zustimmung der Versuchsperson ist unbedingt erforderlich.»

1964 konkretisierte der Weltärztebund diese Richtlinien in Helsinki mit der Deklaration «Ethische Grundsätze in der medizinischen Forschung am Menschen». Dessen ungeachtet forschte Kuhn weiter. Er verabreichte die neuen Wirkstoffe quer durch die Klinik an Patienten mit unterschiedlichsten Diagnosen – einfach um zu sehen, in welchem Fall die Substanz eine Wirkung haben könnte. Schwangeren verordnete er den neuen Wirkstoff, um zu testen, ob das ungeborene Kind Schäden davon tragen würde. Oder er testete die Medikamente an betagten, schwer kranken Patientinnen. In einem Fall handelte es sich um eine Frau, die noch knapp 33 Kilo wog. Kuhn notierte dazu «…es bereitet Schwierigkeiten, ihr das Medikament beizubringen…». Sprich: Kuhn verabreichte ihr die Testsubstanz 34’799, die später nie auf dem Markt gekommen ist, gegen ihren Willen.

Der ehemalige Kantonsarzt Muggli verteidigt Kuhns Methoden noch heute: «Der Forscher weiss, was er darf und was er nicht darf.» Schriften von Kuhn selber lassen daran zweifeln. Noch 1988, also fast 40 Jahre nach Verabschiedung des Nürnberger Kodexes mokierte sich Kuhn in einer Fachpublikation über die Auflagen an die Forschung und rief die Ärzteschaft auf: «Kehret zurück zu jenen Methoden, die seinerzeit zu dem grossen Erfolg geführt haben!»

Ohne ein Wort der Selbstkritik stellen sich die beiden pensionierten Thurgauer Ärzte Muggli und Stahel noch heute hinter die Praxis von Kuhn, die angebliche Schwererziehbarkeit von Kindern mit Antidepressiva zu «behandeln». Doch die beiden im Beobachter erwähnten Kindern waren damals nicht krank, sondern sie hätten Hilfe benötigt. Der eine wurde im klösterlichen Kinderheim sexuell missbraucht, der andere in der Pflegefamilie verprügelt und eingesperrt. Kuhn hätte dies in den Akten der Kinder nachlesen können. Doch er verabreichte ihnen Pillen – bis die Kinder zitterten und sich übergeben mussten.

Der vollständige Artikel «Die Menschenversuche von Münsterlingen» findet sich im Beobachter 3/2014.

Geldregen im starken Nebel

Innerhalb weniger Wochen verteilte die Förderagentur KTI des Bundes 2011 rund 100 Millionen Franken. Jetzt muss sie dem Beobachter sagen, welche Firmen wieviel Geld aus dem Sonderprogramm erhalten haben. Doch die KTI sträubt sich weiter.

Im Schnellzugstempo bewilligten 2011 die eidgenössischen Räte 100 Millionen FRanken für die angebliche darbende Exportwirtschaft. Diese malte wegen des starken Frankens den Teufel an die Wand, National- und Ständeräte öffneten die Schatulle. Wer aber aus diesem Sonderprogramm 2011 wieviel Geld erhalten hatte, wollte die KOmmission fpr Technologie und Innovation (KTI) nicht sagen. Gegenüber dem Beobachter verweigert sie seit zwei Jahren Einsicht in zwei Listen: Jene mit den Firmen, die Geld aus dem Topf erhalten haben und jene, die nichts erhalten haben.

Jetzt stellt sich der eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte vollumfänglich hinter den Beobachter. Datenschützer Hanspeter Thür kommt zum Schluss, es sei «nicht nachvollziehbar», weshalb die KTI die Listen unter Verschluss halte. «Es kann kaum je möglich sein, ein überwiegendes privates Interesse an der Geheimhaltung eines gesamten Verwaltungszweiges, nämlich der Innovationsförderung durch die KTI, vernünftig zu begründen.» Ein von der Förderagentur ins Feld geführten Reputationsschaden für die betroffenen Firmen im Fall einer Bekanntgabe ihrer Namen «entbehrt sogar jeglicher Grundlage». Der vollständige Bericht des Datenschützers findet sich hier.

Doch statt dem Beobachter die Listen herauszurücken, verzögert die KTI das Prozzedere weiter. Vollständiger Artikel auf Beobachter-Online.

Warum ich mich gegen PR abgrenze

Gibt es «gute» Lobbyisten und «böse» Lobbyisten? Nein, deshalb sollten wir Journalisten eine gesunde Distanz zu dieser Branche wahren.

twitterDie Twitter-Nachricht war an mich gerichtet: «ich freue mich auf eine Replik», schrieb Oliver Classen, hartnäckiger Themenplatzierer der NGO «Erklärung von Bern». Er verlinkte dazu einen Text über darbenden Journalismus und die Notwendigkeit von NGOs, den zusammengesparten Redaktionen mit eigenen Recherchen auszuhelfen. Auslöser seiner Rechtfertigung war eine Twitter-Meldung, in der er Anfang Jahr seine Teilnahme am  Recherchetag des Medienausbildungszentrums MAZ in Luzern ankündigte. Die Frage, die ich darauf via Twitter schrieb, drängte sich förmlich auf: Was hat eigentlich ein Lobbyist am Recherchetag der Schweizer Journalisten zu suchen? Classen war nicht Referent und er war auch nicht als Teilnehmer eines Podiumsgesprächs vorgesehen. Und Recherchieren muss er auch nicht mehr lernen. Der frühere Journalist und heutige NGO-Sprecher hat dies als Co-Autor des Buchs «Rohstoff, das gefährlichste Geschäft der Schweiz» bewiesen.

Also: Warum besuchte Classen einen Anlass, an dem sich Journalisten über Recherche  austauschen?  Die Antwort ist einfach. Classen kam wegen der Journalisten. Selten versammeln sich in der Schweiz so viele neugierige, motivierte Journalistinnen und Journalisten an einem Ort. Gegen 80 an der Zahl konnte er am Recherche-Anlass auf einen Schlag treffen. Um seine Themen in Schweizer Medien zu platzieren, braucht Classen Zugang zu Journalisten. An diesem Treffen standen für ihn Aufwand und Ertrag in einem traumhaften Verhältnis. Effizienter kann Lobbyismus kaum sein.

Die Frage ist durchaus selbstkritisch gemeint: Hätten wir Journalisten andere Lobbyisten auch an der Tagung teilnehmen lassen? Etwa Thomas B. Cueni, Cheflobbyist von Interpharma, Jürg Wildberger von Hirzel.Nef.Schmid-Konsulenten. Wie so viele Lobbyisten waren auch Cueni und Wildberger einst Journalisten. Wetten, dass ein Aufschrei durch die Medienszene erfolgt, wenn der Interpharma-Chef am Recherchetag aufkreuzt?

Classen sieht sich noch immer als Journalist, er ist sogar «konsterniert», mit klassischen Lobbyisten verglichen zu werden. Es gibt Journalisten, die sagen, er sei eben ein «guter» Lobbyist. Die «Erklärung von Bern», die sich für eine gerechtere Welt einsetzt, sei gar nicht so weit weg von der Tätigkeit eines «Beobachters», der sich «stark für die Schwachen» auf die Fahne geschrieben habe. Ja, der «Beobachter» wehrt sich mitunter anwaltschaftlich für die Interessen seiner Leser. Manchmal werden sie von Betrügern geprellt, manchmal von Behörden schickaniert oder drangsaliert. Dann setzt sich die Redaktion für sie ein, schreibt ihnen ein Gesuch um Akteneinsicht oder übergibt einen Musterbrief zur Beanstandung einer Abzocker-Rechnung. Andere Medien setzen sich beispielsweise für weniger Regulierungen im Finanzmarkt ein (Finanz und Wirtschaft) oder kritisieren die Allmacht der Banken (WOZ). Journalisten müssen meiner Meinung nach eine Haltung haben. Anders gesagt: Journalismus ohne Haltung ist haltlos. Praktisch jede Themensetzung von Journalisten ist letztlich Politik. Völlig vermessen ist nun aber, den «Beobachter» als Lobbyorganisation herbei zu argumentieren mit dem Ziel, die «Erklärung von Bern» als journalistische Kraft zu definieren.

Die «Erklärung von Bern» erfüllt – wie viele andere Lobbyorganisationen – aus ihrer Sicht unverzichtbare Arbeit. Sie recherchiert, bereitet Zahlen auf, sucht spannende Fallbeispiele, um eine gewünschte Situation treffend darzustellen. Letztlich tut sie das in der Hoffnung, via Medien eine Breitenwirkung zu erzielen. So arbeitet aber auch Interpharma, etwa wenn sie mit einer Wertschöpfungsstudie nachweist, wie wichtig die Pharmaindustrie als Arbeitgeberin für die Region Basel ist. Lobbyisten sind wichtige Input-Geber für Journalisten. Aber meiner Meinung nach gibt es keine «guten» oder «böse» Lobbyisten. Deshalb sollten wir auch eine gesunde Distanz zu dieser Branche wahren. Die Lobbyisten machen es genauso. Lobbyisten, die etwas auf sich haben, agieren zurückhaltend, nicht aufdringlich.

Die Selbstsicht von Classen deckt sich ausserdem in einem anderen Punkt vollständig mit derjenigen von anderen (zeitgemässen) Lobbyisten. Er nimmt für sich in Anspruch, ein «Informationsermöglicher» zu sein und kein «Informationsverhinderer». Aber: Angenommen, ein Journalist würde über einen Mobbingfall bei der «Erklärung von Bern» recherchieren oder über finanzielle Unstimmigkeiten in der Kasse der NGO. Wäre Classen dann auch ein «Informationsermöglicher»?

Am meisten aber stört mich an Classens Sicht, dass er sich als Demokratieretter aufspielt. Er behauptet allen Ernstes, die «Medienkrise» erzeuge «demokratierelevante Informationslücken». Er als PR-Journalist könne diese Lücke mit «nötiger PR» schliessen. Mit Verlaub, von was für einer «demokratierelevanten Informationslücke» spricht Classen? Machen Journalisten heute einen schlechteren Job als ihre Vorgänger in den 80er Jahren? Kaum. Klar, es hat sich einiges verändert in der Medienszene, das Geschäftsmodell von Zeitungen funktioniert nicht mehr wie vor 30 Jahren. Aber deswegen sind die Zeitungen nicht schlechter. Trotz aller Sparrunden gibt es heute in vielen Zeitungen immer wieder hervorragende Geschichten. Wie schon früher. Es gibt aber auch immer wieder Themen, die wir Journalisten verschlafen, leider. Wie früher auch schon. Sicher, wir können immer besser werden. Aber dass früher alles besser war, ist ein Mythos.

Ist «Para-Journalismus» eine Bereicherung?, fragt Oliver Classen schliesslich. Ja, zweifellos. Aber nicht für den Journalismus, sondern für die PR-Branche.

 

Die Twitter-Diskussion findet sich hier.

«Para-Journalismus als Bedrohung und/oder Bereicherung», Oliver Classen in der Medienwoche:
http://www.werbewoche.ch/zeitung/para-journalismus-als-bedrohung-undoder-bereicherung

 

 

Die Menschenversuche von Münsterlingen

Der Schweizer Psychiater Roland Kuhn gilt als «Vater der Antidepressiva». Doch dieser Ruhm gründet auf Hunderte von ahnungslosen Patienten. Betroffene leiden bis heute, Todesfälle wurden nie untersucht.

titel3Während Jahrzehnten liess die Pharmaindustrie neue Wirkstoffe  an nicht zustimmungsfähigen Kranken und Kindern testen. Recherchen des Beobachters zeigen erstmals das Ausmass solcher Medikamentenversuche: In der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen TG verabreichte der Psychiatrieprofessor Roland Kuhn über Jahrzehnte hinweg seinen Patienten nicht bewilligte Substanzen. Die Tests dienten unter anderem zur Entwicklung des ersten Antidepressiva, das noch heute als Tofranil im Handel ist. Die Pharmaindustrie verdankt Kuhn Milliardenumsätze.

Die Recherche war aufwändig: Dokumente gefunden habe ich vor allem im Staatsarchiv Thurgau, bei Swissmedic und im Medizinhistorischen Archiv. Dazu habe ich ein halbes Dutzend nationale und internationale Publikationen ausgewertet, mit Betroffenen und früheren Angestellten gesprochen. Die Informationen und Erkenntnisse ergeben ein erschreckendes Bild:

  • Dokumentiert sind mindestens 1600 Fälle von Medikamentenversuchen (vor allem Largactil, Imipramin/Tofranil, Ketoimipramin, Maprotilin/Ludiomil sowie zahlreiche Derivate dieser Substanzen)
  • die Versuche deckten eine Zeitspanne von über 30 Jahren ab
  • im wichtigsten Versuch verbrauchte der Psychiater 20’000 Pillen und 1000 Ampullen – pro Monat. Zusammengerechnet verabreichte er seinen Patienten in diesem Jahresversuch mindestens 6 Kilogramm des Wirkstoffs
  • dokumentiert sind Versuche an schwer depressiven Schwangeren
  • Versuche an schwer Kranken

«Die Experimente des Dr. Kuhn», Beobachter 3/2014;

Ein Staubsauger namens Facebook

Die benutzerorientierte Werbung erreicht neue Qualitäten: Offensichtlich wertet Facebook auch aus, was Nutzer sonst noch so auf dem Computer schreiben.

FB-InseratNeulich im Eigenversuch festgestellt: Auf der Verkaufsplattform Ricardo suchte ich nach Snowboards. Kurze Zeit später ein Klick zu Facebook. Und siehe da: Am rechten Rand erscheint die bezahlte Werbung der Auktionsplattform. Solche benutzerdefinierte Werbung kennt man auch von Google. Wer über sein Gmail-Konto jemandem beispielsweise eine Nachricht schreibt und über die Euro-Krise in Griechenland schreibt, wundert sich längst nicht mehr über die Hotel-Annoncen.

Der neuste Eigenversuch war nicht geplant: Ich schreibe an einem Text im Programm von Open Office, der Inhalt dreht sich um den Begriff Stammbaum. Minuten später ein Klick auf Facebook. Und siehe da: Am rechten Rand erscheint bezahlte Werbung von einem kommerziellen Anbieter genealogischer Dienstleistungen. Dazu der Text: «Erstelle kostenlos deinen Stammbaum und erfahre mehr über deine Familiengeschichte:»

Die Frage drängt sich auf: Ist das nur Zufall? Was weiss Facebook eigentlich von mir? Was wertet Facebook aus? Wie funktioniert dieser Staubsauger?

Haben auch Sie solche Zusammenhänge beobachtet? Meldung bitte an: otto.hostettler@beobachter.ch

Nationalrat bremst bei der Transparenz von Parteispenden

Die Schweiz wird sich weiterhin von internationalen Gremien für die intransparente Parteienfinanzierung kritisieren lassen müssen: Die Rechtskommission des Nationalrats will den Schleier nur einen Spalt breit öffnen.

In der Schweiz haben es Bemühungen für mehr Transparenz bei Parteispenden weiterhin schwer. Nach wie vor herrscht im Gegensatz zu anderen Ländern weitgehend Unkenntnis darüber, wenn Unternehmen Politiker, Parteien oder Kampagnen finanzieren. Neuster Rückschlag im Bestreben nach mehr Transparenz: Die vorberatende Kommission für Rechtsfragen des Nationarats lehnt eine parlamentarische Initiaitve des parteilosen Schaffhauser Ständerats Thomas Minder ab. Minder fordert, börsenkotierte Unternehmen und Unternehmen der öffenlichen Hand müssten finanzielle Zuwendungen an Parteien, Verbände und Kampagne in ihren Geschäftsberichten offen legen. Für Spenden über 10’000 Franken verlangt Minder sogar, dass die Empfänger detailliert veröffentlicht werden.

Während die Rechtskommission des Ständerats Minders Forderung letztes Jahr noch zustimmte, unterlag er nun in der Rechtskommission des Nationalrats knapp: Mit 10 gegen 9 Stimmen (bei fünf Enthaltungen) stellt sich das Gremium dagegen. Stattdessen will er einen eigenen Vorschlag ausarbeiten. Demnach sollen lediglich Firmen, die mehrheitlich im Besitz der öffentlichen Hand sind, Spenden an politische Einzelakteure, Parteien und Organisationen offen legen müssen. Mit dieser Regelung müssten immerhin Unternehmen wie beispielsweise Swisscom, SBB, Post oder auch die halbstaatlichen Stromkonzerne ihre Geldzuschüsse an politische Akteure und Organisationen veröffentlichen.

Mit diesem Entschei steht die Schweiz international weiterhin abseits. Wegen der intransparenten Regelung wird die Schweiz seit Jahren immer wieder von internationalen Gremien kritisiert, etwa von der Antikorruptionsbehörde Greco.